21.02.2013

Rechtsextremismus-Expertin Claudia Luzar über Dortmunds Nazi-Problematik

»Die Ultras sind mitverantwortlich«

Nach den Übergriffen auf zwei Fanbetreuer von Borussia Dortmund durch Rechtsextreme in Donezk, muss sich der BVB erneut die Frage gefallen lassen, wie er die Nazi-Problematik in der eigenen Fanszene in den Griff bekommen will. Claudia Luzar von »Back Up«, der Dortmunder Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt, äußert im Interview harsche Kritik am Klub und seinen Fans.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Claudia Luzar, Politikwissenschaftlerin der Universität Bielefeld, forscht seit Jahren zum Thema Rechtsextremismus und dem Umgang mit Opfern rechter Gewalt. In diesem Zusammenhang hat sie außerdem die wissenschaftliche Betreuung von »Back Up« inne, der ersten professionellen Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt in Westdeutschland mit Sitz in Dortmund.

Claudia Luzar, am vergangenen Mittwoch wurden mit Thilo Danielsmeyer und Jens Volke zwei Verantwortliche des Dortmunder Fanprojekts beim Champions-League-Auswärtsspiel in Donezk von Dortmunder Rechtsextremen tätlich angegriffen. Der Vorfall wirft erneut die Frage auf, wie groß das Nazi-Problem in Dortmund wirklich ist?
Zunächst: Das östliche Ruhrgebiet gehört zu den wesentlichen Schwerpunkten der rechtsextremen Szene in Westdeutschland – und das seit nunmehr 30 Jahren. Also etwa so lange, wie die rechtsextreme Fangruppierung »Borussenfront« existiert, deren Akteure – allen voran Siegfried Borchardt (»SS-Siggi«, d. Red.) – für viele Rechtsextremisten der nachfolgenden Generationen personelle Anknüpfungspunkte darstellen. Inzwischen ist es die Ultra-Szene, in der einige Neonazis mitmischen. Vor allem so genannte »Autonome Nationalisten«, die viele Gemeinsamkeiten mit den Ultras in Dortmund haben. Zunächst nur organisatorisch und vom Habitus her, aber in Einzelfällen eben auch personell. Kurzum: Dortmund hat seit drei Jahrzehnten ein Problem mit Neonazis – und genauso lange eines mit rechtsextremen Fußballfans.

Wie sehr überschneiden sich die Aktivitäten der rechtsextremen Dortmunder Szene mit denen der BVB-Fanszene?
Die personellen Überschneidungen mit der Fanszene des BVB sind seither kontinuierlich. Die meisten Führungsfiguren der aktuellen rechtsextremen Szene kommen aus dem BVB-Umfeld, und viele junge Leute wurden genau dort rekrutiert: auf der Südtribüne, vor allem aber über Auswärtsfahrten und sonstige Aktivitäten. Das Rekrutieren ist ein Prozess, kein punktuelles Ereignis. Dortmund ist eine Hochburg für Neonazis – und eine der deutschen Fußballgroßstädte. Dass es da zu Überschneidungen kommt, ist völlig logisch, zumal der Verein und die Stadtgesellschaft aufs engste miteinander verwoben sind.

Ist der Übergriff auf die beiden Fanvertreter in Donezk in seiner Intensität ein Einzelfall? 

Nein. Den Verein Borussia Dortmund, und vielfach auch die Polizei, interessiert vor allem, ob es im direkten Umfeld von Fußballspielen zu rechtsextremen Gewalttaten kommt – so wie bei dem Angriff auf die Mitarbeiter des Fanprojekts. Und zwar in einer Weise, die auch für Außenstehende als rechtsextreme Gewalt offensichtlich ist. So wie in diesem Fall, als der Angreifer fortwährend »Dortmund bleibt rechts« rief, während er den Sozialarbeiter, der übrigens von »Back Up« betreut wird, zusammenschlug. Schwieriger wird es aber bei so genannten gewaltsamen »Hausbesuchen« rechter Ultras bei eher links orientierten Anhängern, wie wir es bereits dokumentiert haben. Dortmund ist die Kommune mit den meisten rechtsextremen Straftaten in NRW, wir betreuen hier die meisten Gewaltopfer. Schätzungsweise ein Drittel aller Täter kommt bei diesen Angriffen hier aus dem Fußballmilieu, wenngleich die meisten Angriffen nicht im Umfeld von Fußballspielen stattfinden.

Wie intensiv setzt sich der Verein Borussia Dortmund mit der Nazi-Problematik auseinander?
Zu Beginn der aktuellen Saison gab es beim BVB einen Strategiewechsel – hin zur aktiven Auseinandersetzung, die inzwischen sehr intensiv ist, und an der sich möglicherweise bald auch andere Klubs orientieren werden. So ist jedenfalls mein Eindruck. Die Vereinsführung hat erkannt, dass sie sich mit dem Rechtsextremismus auch im eigenen Umfeld auseinandersetzen muss, schon um die Marke Borussia Dortmund nicht zu beschädigen. Ich stamme selbst aus der Region und weiß, wie stark identitätsstiftend der BVB ist. Aber in den Jahren zuvor hat man das Problem – wider besseren Wissens – totgeschwiegen, und somit dafür gesorgt, dass es weiter anwachsen konnte. Ich arbeite seit 2008 wissenschaftlich in Dortmund und kann auf jeden Fall über diesen Zeitraum sprechen.

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