RCD Mallorcas Investor Dr. Utz Claassen im Interview

»Ich will den Ballermann-Touri und den Millionär«

Utz Claassen (im Bild rechts) gehören etwas mehr als zehn Prozent des RCD Mallorca. Er will Touristen und Millionäre ins Stadion locken. Der Transfer von Owen Hargreaves scheiterte aber am Trainer. Wir sprachen mit ihm über Ballermann-Urlauber und internationalen Fußball. RCD Mallorcas Investor Dr. Utz Claassen im InterviewImago
Heft#120 11/2011
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Utz Claassen, Sie waren mit 14 Jahren, vor mehr als drei Jahrzehnten, zum ersten Mal auf Mallorca. Wann sind Sie erstmals zum Fußball gegangen?

Utz Claassen: Erst vor etwa zehn Jahren, nachdem ich mich durchgefragt hatte. Im Hotel wusste man nicht einmal, wo und wann der eigene Erstligaverein spielt. 
Geschweige denn, wie ich an eine Karte komme. Ich musste mir letzten Endes einen Mietwagen besorgen und auf eigene Faust hinfahren. Das macht man natürlich nur als Hardcore-Fan.

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Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihr erstes Spiel denken?

Utz Claassen: Damals spielte der junge Samuel Eto’o im Sturm, er war noch völlig unbekannt. So einen direkten, geradlinigen Angreifer hatte ich noch nie gesehen. 
Zurück in Deutschland sprach ich zufällig mit einem Entscheidungsträger eines großen Bundesligavereins. Er suchte gerade einen Mittelstürmer – und ich empfahl ihm Eto’o.

Mit welchem Ergebnis?

Utz Claassen: Man hat sich seinerzeit gegen den Transfer entschieden, weil Eto’o fünf Millionen Ablöse kosten sollte. Kurz darauf kaufte ihn der FC Barcelona – dem Vernehmen nach für 43 Millionen. Wann immer ich diesen Mann heute treffe, sage ich im Spaß zu ihm: »Sie haben 38 Millionen veruntreut, als Sie nicht auf mich hörten.«

Im November 2010 sind Sie als Investor bei Real Mallorca eingestiegen, haben etwas mehr als zehn Prozent übernommen. Wie schreitet die Sanierung voran?

Utz Claassen: In dem Geschäftsjahr, bevor ich eingestiegen bin, hatte der Klub einen Verlust von 16 Millionen Euro gemacht. Im letzten konnten wir hingegen einen Gewinn von elf Millionen ausweisen, eine geradezu sensationelle Entwicklung. Wir sind damit einer der wenigen Vereine in Spanien, die jemals ein positives Ergebnis erwirtschaftet haben.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Utz Claassen: Wir haben überall im Verein gespart, sowohl in der Verwaltung als auch im sportlichen Bereich. Wir haben ganz einfach gesagt: Wir geben nicht mehr Geld aus, als wir haben und uns leisten können. Wir wollten zeigen, dass man nicht nur »als Ferrari« in der spanischen Liga sportlich überleben kann.

Sie sprechen aus Ihrer Zeit bei Seat Spanisch, waren damals Hauptsponsor des spanischen Fußballverbandes und der Nationalmannschaft. Zu welchem Thema haben Sie bislang Ihren längsten Monolog gehalten bei der montäglichen Verwaltungsratssitzung des RCD Mallorca?

Utz Claassen: Bei der Präsentation meiner Strategie zur Internationalisierung habe ich sicherlich am längsten in einem Stück geredet, musste allein 70 Schaubilder erklären. Ich war wirklich positiv überrascht, dass es bei den anderen Verwaltungsratsmitgliedern im Grunde keine Bedenken oder Widerstände gab. Die Mallorquiner unterschätzen nämlich manchmal die einzigartigen Stärken und Chancen ihrer Insel – obwohl man von hier aus innerhalb von etwa zwei Stunden zu fast jeder wichtigen Stadt in Europa gelangt.

Damit wir es einmal richtig verstehen: Warum haben Sie geschätzte 500.000 Euro Privatvermögen in einen Klub gesteckt, der mit 60 Millionen verschuldet ist?

Utz Claassen: RCD Mallorca hat ein unglaubliches Markenpotenzial. Dem FC Barcelona ist es auch erst gelungen, an Real Madrid vorbeizuziehen, als er von einer katalanischen zu einer globalen Marke wurde, ein mehr als 30-jähriger Prozess. Als ich 1977 in Lloret de Mar Urlaub machte, war Barça insbesondere in Katalonien beliebt, aber Real Madrid war nach wie vor national dominant. Unser Ziel ist es, von einer mallorquinischen Marke zu einer paneuropäischen zu werden. Aber das ist ein Prozess von mindestens 10 Jahren. Der Club ist allerdings heute sicher schon deutlich mehr wert als vor einem Jahr.

Wer hat sich denn bislang für den Klub interessiert?

Utz Claassen: Primär die 400.000 Menschen in der Inselhauptstadt Palma. Wir haben hier aber jedes Jahr zehn bis zwölf Millionen Touristen. Wenn jeder zehnte in seinem Urlaub einmal zum Fußball ginge, müssten wir die Kapazität des Stadions schon fast verdreifachen. Und wenn nur jeder fünfzigste käme, wäre das Stadion immer voll.



Wer während der Saison auf die Insel kommt, kann jetzt die Höhlen von Porto Cristo buchen und ein Spiel in der Primera Division.

Utz Claassen: Wir haben gerade eine Kooperation mit TUI unterzeichnet, dem wichtigsten Reiseveranstalter der Welt und auf der Insel. Die Touristen werden jetzt systematisch über die Reiseleiter informiert. Es gibt verschiedene Pakete, vom einfachen Ticket mit Transfer bis hin zum VIP-Package mit Begleitprogramm. Der Tourist muss sich um nichts mehr kümmern. Das Angebot wird an ihn herangetragen, und er braucht nur noch »ja« sagen. Die Hürden, wie ich sie damals erlebte, sind damit weg.

Wie groß ist das Potenzial wirklich? Die Deutschen kommen doch meistens außerhalb der Fußball-Saison auf die Insel. Und das letzte Heimspiel 2011/12 findet bereits am 6. Mai statt.

Utz Claassen: Zugegeben, wir verlieren die Monate Juni und Juli. Aber auch von August bis Mai kommen etliche Millionen Menschen. Und wir haben viele, die auch nur mal für ein Wochenende anreisen. Wenn man sich am Ballermann umschaut, sieht man sogar überproportional viele Menschen, die vermutlich Fußball-affin sind.

Mallorca wehrt sich vehement gegen das Ballermann-Image. Jetzt kommen Sie und wollen die Ballermänner ins Stadion bringen?

Utz Claassen: Ich will ausnahmslos alle ins Stadion bringen, vom Ballermann bis zum Multimillionär. Die Urlauber hier bilden einen Querschnitt der Gesellschaft. Gerade das macht Mallorca so interessant. Nach Mallorca kommt der einfache Azubi genauso wie die Familie all-inclusive im 3-Sterne-Hotel oder der Oligarch, der am Rande des Tramuntana-Gebirges in einem Luxusanwesen residiert. Unser Fokus liegt anfänglich auf Arenal, Paguera und Alcudia. Wir planen für unsere Super-VIPS aber bereits Helikoptertransfers, von der Finca direkt zum Stadion.

Ist es für Urlauber realistisch, Karten für die Spiele gegen die Branchenführer zu bekommen, im Januar gegen Real Madrid und im März gegen den FC Barcelona?

Utz Claassen: Die Kapazität des Stadions ist begrenzt, aber wir haben auch für diese Spiele Kartenkontingente für Touristen reserviert.

Welchen Effekt erwarten Sie sich vom Zustrom der Touristen?

Utz Claassen: Mit einem gemischten Publikum wären wir für internationale Sponsoren und Fernsehsender attraktiver. Und warum soll der Mallorca-Urlauber eigentlich immer nur ein Trikot von Barcelona oder Madrid kaufen? Wir haben hier außerdem den drittgrößten Flughafen Spaniens. Und keiner hat so viele Verbindungen nach Deutschland und England wie unserer.

Wie häufig sind Sie inzwischen auf Mallorca?

Utz Claassen: Ich suche gerade eine Stadtwohnung in Palma, logistisch günstig gelegen. Ich komme immer montags zur Sitzung nach Palma – und ich habe in der ganzen letzten Saison nur ein Heimspiel verpasst. Dafür habe ich allerdings auch eine gute Entschuldigung: Ich war mit unserem Sportdirektor Serra Ferrer zeitgleich bei Hannover 96 gegen den FC Bayern. Wir haben einen Bayern-Spieler beobachtet.

Breno kommt dann aber erst in der Winterpause?

Utz Claassen: Ein Tagesordnungspunkt Breno ist im Verwaltungsrat zurzeit nicht vorgesehen. Breno hat aktuell vermutlich ganz andere Probleme.

Ihre »Visionen 2016« enthalten 126 Maßnahmen. Inwiefern überfordern Sie Ihren Klub manchmal mit Ihrem Engagement?

Utz Claassen: Ein guter Manager fordert sein Team maximal, ohne es zu überfordern. Ich bin hier zudem kein Manager, sondern Investor... Wenn es nach mir ginge, würde ich jede dieser 126 Maßnahmen lieber gestern als heute umgesetzt haben. Das ist mit unserem begrenzten Personal und unseren begrenzten Ressourcen allerdings nicht möglich. Schon mit der Sprache gibt es immer wieder Probleme. Die wenigsten Mitarbeiter sprechen fließend Englisch oder Deutsch. Aber sie sind engagiert und motiviert.

Als Sie ein deutsches Wirtschaftsmagazin nach einem Heimspiel fotografieren wollte, soll eine Mitarbeiterin gesagt haben: Sorry, zu dunkel. Das Flutlicht werde exakt drei Minuten nach Abpfiff abgeschaltet: »Sie wissen doch, wir sind pleite.«

Utz Claassen: Da hat offenbar eine Mitarbeiterin am Telefon Unsinn erzählt oder einen Scherz machen wollen. Intern wurde die Aussage in dieser Form zudem bestritten. Wie auch immer: Fakt ist, dass wir das Flutlicht erst knapp eine Stunde nach dem Spiel abschalten.



Im Sommer warteten Sie seit einem halben Jahr auf die Genehmigung für einen Kinderhort im Stadion. Ist diese inzwischen erteilt worden?

Utz Claassen: Mit dem Thema sind wir immer wieder an Grenzen gestoßen. Damit es schneller geht, habe ich jetzt gesagt: Ich zahle den »Kid´s Club« selbst. Und zur Not schicke ich auch noch meine eigenen Handwerker. Manchmal könnte tatsächlich alles etwas schneller gehen.

Ihr bislang bekanntester Mitarbeiter, Trainer Michael Laudrup, ist Ende September zurückgetreten; viele sagen: der einzige mit europäischem Niveau. Wie geht es jetzt weiter?

Utz Claassen: Mit Verlaub: Ich empfinde den Abgang von Michael Laudrup nicht als Verlust. Er ist sicher ein vielsprachiger, intelligenter, gebildeter, sympathischer Typ, war ein großer Spieler. Aber er hat immer wieder Zweifel an der Qualität der Mannschaft geäußert oder erkennen lassen. Mit einem Trainer, der seiner Mannschaft vertraut, sind wir nach meiner Überzeugung besser aufgestellt.

Welche Spieler machen Ihnen denn Mut?

Utz Claassen: Viele. Unser neuer Innenverteidiger Chico etwa ist für mich eine sehr positive Überraschung, und die jungen Spieler wie Tejera, Perreira oder Nsue haben riesiges Potenzial. Diese Talente brauchen Selbstbewusstsein, Disziplin und Stabilität. Die Mannschaft hat ab dem Zeitpunkt wechselhaft gespielt, an dem Laudrup erstmals Zweifel durchblicken ließ. Ich glaube aber, sie hat große Perspektive.

Mit welchem Spieler haben Sie sich außerdem noch befasst?

Utz Claassen: Bei Owen Hargreaves fehlte Michael Laudrup vielleicht etwas der Mut, nach den vielen Verletzungen des Ex-Bayern- und Ex-ManUnited-Spielers. Hargreaves hätte nach meiner Einschätzung ein ganz spannendes Thema sein können, weil er im Grunde ein Weltklasse-Spieler ist und wir mit ihm viele Touristen hätten anlocken können, englische und deutsche.

Frings, Klose, Hargreaves – und dann dieses altehrwürdige Stadion! Sie würden am liebsten ein neues bauen. Was kostet Ihre Multifunktionsarena?

Utz Claassen: Das hängt davon ab, was man drum herum paketiert: Einkaufszentrum, Hotel, Schwimmbad, Altersheim oder Diskothek. Wir haben uns die Stadionprojekte etwa in Basel und Bern sehr genau angeschaut. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis zum Klubjubiläum 2016 ein neues Stadion haben werden. Wir brauchen eine Arena, die internationalen Maßstäben gerecht wird.

Die Nachwuchsabteilung kooperiert inzwischen mit der von Hannover 96.
Erfolgreich?

Utz Claassen: Eine wichtige Position soll dabei Valerien Ismael einnehmen, der mehrsprachige Nachwuchskoordinator von 96. Dass das Potential dieser Zusammenarbeit noch nicht ausgeschöpft wurde, ist hauptsächlich ein sprachliches Problem unsererseits. Wir können ja nicht verlangen, dass Hannovers Jugendtrainer wegen uns Mallorquin lernen. Aber ich bin ganz sicher, dass beide Seiten und auch die Fans beider Clubs an dieser Kooperation noch viel Freude haben werden.

Die Klub-Homepage gibt es neuerdings auch auf Deutsch, Englisch und Japanisch. Wie lange wird es dauern, bis Ihr maroder Klub in der Champions League spielt?

Utz Claassen: Der Club ist nicht mehr marode, er hat, wie ich schon sagte, einen Gewinn erwirtschaftet, und er spielt in der Primera Division, der Liga des Weltmeisters. Das Projekt ist auf zehn Jahre angelegt, mit großem Wertsteigerungspotenzial. Spätestens 2020 sollte RCD Mallorca eine bekannte europäische Marke sein. Wir sind auf einem guten Weg. Ich bin mir sicher, dass man rückblickend sagen wird: Der TUI-Vertrag war die wichtigste der 126 Maßnahmen.

In Deutschland gab es gerade einen Fußball-Prozess, den Sie gewonnen haben. Dürfen Sie in Spanien Freikarten an Politiker verschenken?

Utz Claassen: In Spanien wäre es sogar eine ganz grobe Unfreundlichkeit und geradezu ein gesellschaftlicher Affront, wenn wir die Politik nicht einladen würden. Ich war aber auch in Deutschland keinesfalls der Einzige, der das gemacht hat; gerade auch während der WM 2006 waren sehr viele Politiker in den Stadien. Im Übrigen ist die Staatsanwaltschaft Karlsruhe mit ihrer Anklage ja auch grandios gescheitert.

Sie waren bereits Sponsor und Präsident, jetzt gehören Ihnen zehn Prozent eines Klubs. Welche Position macht am meisten Spaß?

Utz Claassen: Altpräsident, was ich bei Hannover 96 bin. Sie werden immer eingeladen, freundlich behandelt und tragen keine Verantwortung. Den schwierigsten Job hat eindeutig immer der amtierende Präsident oder Vorstandsvorsitzende. In Frieden gelassen wird man da nur, wenn man alle Spiele gewinnt und der Klub im Geld schwimmt, was bekanntermaßen nur äußerst selten vorkommt. Investor und Verwaltungsrat liegt irgendwo dazwischen.

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