Ratinho über das Meer, Neymar und die WM-Proteste

»Kleine Stadt, viel Spaß«

Früher bediente er Olaf Marschall mit seinen Flanken. Heute serviert er Steaks in einer Pfälzer Churrascaria. Ratinho über Fleisch, Neymar und die WM-Proteste.

Ratinho, als Sie Mitte der Neunziger nach Deutschland kamen, haben Sie zugegeben, noch nie am Meer gewesen zu sein. Haben Sie das zwischenzeitlich mal nachgeholt?
Mit meinen Ex-Klubs war ich oft in Südeuropa im Trainingslager, da ließ sich das nicht vermeiden. (lacht) Doch es stimmt: Wenn ich in Brasilien bin, fahre ich nie an den Strand, sondern immer sofort nach Santa Inacio, das ist ein kleiner Ort im Landesinneren. Dort haben meine Eltern eine Farm, früher hatten wir über 300 Rinder, heute betreibt mein Bruder eine Molkerei. Es ist wunderschön ruhig dort.
 
Aber die Copacabana reizt Sie nicht?
Der Strand und das Meer sind für mich nichts Besonderes. Ich war immer der Landjunge. Auch mit Metropolen wie Rio de Janiero oder Sao Paulo kann ich nichts anfangen. Mein Motto lautet: Kleine Stadt, viel Spaß.
 
Kaiserslautern passt also perfekt zu Ihnen.
Kennen Sie das Sprichwort: »Home is where your heart is«? Ich fühle mich in dieser deutschen Idylle einfach sehr wohl. Die Pfälzer haben mich quasi adoptiert.
 
Normalerweise kehren brasilianische Fußballer sofort nach ihrer Fußballkarriere zurück in ihre Heimat. Sie sind neben Ailton der einzige Ex-Profi aus Brasilien, der hier geblieben ist.
Und ich werde vermutlich mindestens noch zehn oder fünfzehn Jahre hier bleiben, denn ich betreibe in Kaiserslautern ein gut gehendes Steakhaus. Ailton war übrigens schon häufiger hier. Ein toller Typ, nur sein Deutsch verstehe ich nicht. (lacht)
 
Geht den Deutschen ähnlich.
Ich weiß. Manchmal verstehen die Leute deswegen auch nicht, dass er ein Supertyp ist. Mit sehr viel Humor. Wenn er hier ist, haben wir eine Menge Spaß: Wir trinken und essen gemeinsam – und später tanzen wir Samba.
 
Momentan arbeiten Sie außerdem beim Schweizer Fernsehen. Was machen Sie da?
Wenn Brasilien spielt, bin ich der Experte. Ich bin also so etwas wie der Giovane Elber des Schweizer Fernsehens.
 
Was sind Ihre Erkenntnisse der ersten WM-Woche?
Die Mannschaften spielen sehr offensiv, obwohl sie auf dem Papier oft nur einen Stürmer haben. Schauen Sie auf Deutschland, die spielen ja sogar ohne echten Mittelstürmer. Außerdem ist das Turnier recht ausgeglichen. Wer hätte schon gedacht, dass Australien so gut gegen Holland mithält. Oder Costa Rica gegen Uruguay gewinnt. Mir gefällt die WM.
 
Und die Seleção?
Wir spielen noch etwas gehemmt. Im ersten Spiel hatten wir sogar großes Glück, dass der Schiedsrichter auf Elfmeter entschied – zu einem Punkt, als Kroatien die bessere Mannschaft war.
 
Nach dem Spiel lobten die TV-Experten in Deutschland vor allem den Wolfsburger Luiz Gustavo. Zu Recht?
Er hat eine tolle Partie gespielt. In 90 Minuten kein einziger Ballverlust, hieß es später. Doch Gustavo spielt auf einer Position, die das möglich macht. Im Gegensatz zu Neymar, der natürlich öfter Eins-zu-eins-Situationen sucht und demnach auch häufiger den Ball verliert.
 
In Brasilien hat man vor der WM fast ausschließlich über Neymar gesprochen. Ist der Druck zu groß?
Es stimmt, dass sich alle auf Neymar fokussieren, doch der Junge muss damit umgehen können. Er spielt beim FC Barcelona und war schon mit 17 Jahren Stammspieler in der ersten Mannschaft des FC Santos. Ich denke eher, Brasilien hat ein ähnliches Problem wie Spanien.
 
Inwiefern?
Die Spieler sind ein wenig müde. Sie haben bis kurz vor Turnierstart in zwei oder drei Wettbewerben gespielt. Zehn Monate lang, ständig Topniveau – und dann die WM. Die Spanier wissen außerdem nicht, wie es sich anfühlt, gegen einen Rückstand anzukämpfen. Und sie sind auch nicht mehr die Jüngsten. (lacht) Bei beiden Spielen waren sie in der zweiten Halbzeit komplett platt.
Einige Zeitungen haben nun das Ende des Tiki-Taka-Fußballs verkündet. Was glauben Sie?
Wir sollten abwarten. Alle paar Jahre werden neue Systeme und Spielmodelle in den Himmel gelobt, die dann plötzlich nicht mehr en vogue sein sollen. Vielleicht kommt es auch wieder. Vor zwei Jahren dachte man doch noch, Spanien wäre auf Jahrzehnte unschlagbar – und jetzt verlieren sie sang- und klanglos gegen Holland und Chile. Es geht alles so schnell im Fußball.
 
Wie stehen Sie zu den Protesten in Brasilien?
Ich kann die Demonstranten verstehen, die gegen die Regierung auf die Straße gehen. Das ist gut, und das soll es auch weiterhin geben. Doch bitte ohne Gewalt und Randale.
 
Ist die Regierung Schuld oder die Fifa?
Die Regierung! Denn diese hat so unendlich viel Geld in dieses Turnier gepumpt. Dabei hat Brasilien seit Jahren ein schlecht funktionierendes Schul- oder Gesundheitssystem. Von der Infrastruktur und den Häusern braucht man gar nicht sprechen. Wenn die Menschen dann sehen, dass Geld für Stadien investiert wird, die nach der WM niemand benötigt, dann werden sie verständlicherweise wütend.
 
Sie meinen das Stadion in Manaus.
Zum Beispiel. Was für ein Irrsinn! Dort finden drei Spiele statt, danach wird das Ding leer stehen, denn es gibt in der Region keine höherklassigen Fußballklubs. Und sowieso: Die Fifa fordert für eine WM acht Stadien. Warum musste die brasilianische Regierung zwölf bauen?
 
Die Fifa trägt also keine Schuld?
Das ist noch mal ein anderes Thema, doch grundsätzlich ist es ja so, dass die Fifa als Organisation ein Turnier ausschreibt und dabei die Bedingungen offenlegt. Brasiliens Regierung wusste bei der Bewerbung, auf was man sich einlässt. Ich hoffe, die Regierung weiß auch, dass es nicht nur diese Weltmeisterschaft gibt. Es gibt vor allem 200 Millionen Menschen – und die wollen nach dem 13. Juli nicht vergessen werden.

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