Rapid Wiens Steffen Hofmann über Deutschland gegen Österreich

»Diese Cordoba-Schublade ist ein Problem«

Der Würzburger Steffen Hofmann spielt mit einer kurzen Unterbrechung seit zehn Jahren für Rapid Wien. Vor dem WM-Qualifikationsspiel Österreich gegen Deutschland sprachen wir mit ihm über Spott in der Kabine, Düdelingen und die Cordoba-Last.

Steffen Hofmann, was geht in Ihnen vor, wenn die deutsche Nationalmannschaft auf Österreich trifft?
Das ist schon schwierig. Ich bin ja nach wie vor Deutscher, gleichzeitig lebe ich schon so lange hier in Österreich. Am schönsten wäre es natürlich, wenn sich beide Teams für die WM 2014 qualifizieren würden. Aber wenn ich ehrlich bin, wäre es mir schon lieber, wenn Deutschland gewinnt. Auch weil mir dann der Spott in der Kabine erspart bleibt.

Wäre nicht ein Unentschieden ideal?
Ja, eigentlich schon. Aber das reicht nicht aus, um mich vor der Häme meiner Teamkollegen zu bewahren. Mit einem Unentschieden würde Deutschland als Verlierer dastehen.

Joachim Löw findet, die aktuelle ÖFB-Elf ist die stärkste, die Österreich seit vielen Jahren hat.
Das ist sicherlich richtig. Es sind so viele Spieler wie schon lange nicht mehr dabei, die im Ausland spielen und die dort in ihren Vereinen auch noch eine wichtige Rolle spielen. Das wirkt sich positiv auf die Nationalmannschaft aus. Aber ob es für die deutsche Nationalmannschaft reicht? Ich weiß nicht. Aber auf jeden Fall hat sich was getan. Der österreichische Fußball hat von der Heim-EM 2008 profitiert. Die Jugendarbeit war im Vorfeld stark verbessert worden und kann sich wirklich sehen lassen. Es kommen immer wieder gute Spieler nach. David Alaba ist der Beste. Leider fehlt er gegen Deutschland.

Die Boulevardzeitung »Österreich« hat Löws Worte zum Gegner sogar dahingehend interpretiert, die Deutschen hätten Angst vor dem ÖFB-Team.
(Lacht) Respekt ja, aber bestimmt keine Angst. Man muss wissen, dass das Spiel gegen Deutschland in Österreich das Spiel des Jahres ist. Da wird in den Medien kräftig Stimmung gemacht, ähnlich wie in Deutschland, wenn die DFB-Elf auf Holland oder England trifft. Zur Stimmungsmache in Österreich gehört leider auch, dass man vor jedem Duell gegen Deutschland die Cordoba-Schublade aufmacht.

ÖFB-Trainer Marcel Koller hat beklagt, dass die Österreicher zu sehr in die Vergangenheit und zu wenig in die Zukunft blicken.
Da stimmt schon. Es ist ein Problem, dass immer wieder dieses Cordoba auftaucht. Ich vermute, dass anders herum die deutschen Spieler, die heute auf dem Platz stehen, gar nicht wissen, was da in Cordoba passiert ist. Aber das spielt ja auch keine Rolle mehr.

Auf was müssen sich Özil & Co. im Ernst-Happel-Stadion einstellen?
Auf einen höchst motivierten Gegner. Auch deshalb, weil viele österreichische Nationalspieler in der Bundesliga spielen. Die Österreicher werden ein unangenehmer Gegner sein, der den Deutschen das Leben so schwer wie möglich macht, sie ärgern will, so wie beim letzten Aufeinandertreffen in Wien. Da hatte Österreich sogar die Möglichkeit, das Spiel für sich zu entscheiden, verlor aber am Ende 1:2.

Welchen Anteil hat Marcel Koller, der nach der verpassten EM-Qualifikation das Traineramt übernahm, an der positiven Entwicklung der ÖFB-Elf?
Er hat ein klares Konzept und hat mehr Struktur ins Spiel der Nationalmannschaft gebracht. Und es ist ein Trainer, der sagt, dass er aufs Kollektiv setzt und das auch umsetzt.

Wie der Fall Scharner zeigt. Der HSV-Neuzugang forderte vor dem Spiel gegen die Türkei von Koller vergebens einen Stammplatz ein. Das Ganze endete damit, dass Scharner nie mehr für den ÖFB spielen wird.
Es ist nicht das erste Mal, dass Scharner nicht mehr für Österreich spielen soll. Aber man hat auf jeden Fall gesehen, dass Marcel Koller nicht lange fackelt. Er zieht sein Ding durch, ohne Vorbehalte.

Der Schweizer Marcel Koller war von den österreichischen Fußball-Fans bei seinem Amtsantritt im Herbst 2011 alles andere als mit offenen Armen empfangen worden.
Das ist normal für Österreich. Wenn etwas Neues aus dem Ausland kommt, wird das zuerst einmal immer schlechter gemacht, als es in Wirklichkeit ist. Aber die Leute haben erkannt, dass Marcel Koller eine gute Arbeit leistet. Es war richtig, nicht wieder einen Trainer aus dem eigenen Land zu engagieren, sondern einen Mann zu holen, der nicht dem gleichen Schema folgt, sondern mit einer neutralen, unvoreingenommen Sicht die Dinge angeht. Koller hat die Mannschaft auf einen guten Weg gebracht. Sie hat die Möglichkeit und das Potenzial, sich als Gruppenzweiter für die WM qualifizieren zu können.

2008 gab es eine – wenn auch nicht ganz ernst gemeinte Initiative –, die einen freiwilligen Verzicht Österreichs auf den Startplatz bei der Heim-EM forderte.
Die Österreicher verstehen es, sich über sich selbst lustig zu machen, das muss man ihnen lassen. Und die Österreicher neigen dazu, alles schwarz-weiß zu sehen. Wenn etwas gut läuft, stehen sie voll dahinter, tut es das nicht, dann hat jeder sowieso schon von vorne herein gewusst, dass das nichts hat werden können. So ist auch das Verhältnis zur Nationalmannschaft. Die Euphorie ist groß, sobald der Erfolg da ist, bleibt er aus, kommt gleich die Häme.

Das bekam auch Red Bull Salzburg nach dem peinlichen Aus in der Champions League-Qualifikation gegen den luxemburgischen Meister F91 Düdelingen zu spüren.
Das war für den österreichischen Fußball wirklich eine Katastrophe. So etwas darf nicht passieren, vor allem Salzburg nicht mit seinen finanziellen Möglichkeiten. Es ist auch schade, weil sich der österreichische Vereinsfußball positiv entwickelt hat. Mit Rapid haben wir die Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League gegen Saloniki geschafft.



Sie waren 22 Jahre alt, als Sie von den Amateuren des FC Bayern München zu Rapid Wien wechselten. Ein ungewöhnlicher Schritt, weil man damals doch erst als älterer Bundesligaspieler in die Alpenrepublik ging, um dort seine Karriere ausklingen zu lassen und noch ein bisschen Geld zu verdienen.
Für mich war damals ausschlaggebende, dass Lothar Matthäus Trainer bei Rapid Wien war und der mich unbedingt haben wollte. Ich sah das als Sprungbrett für höhere Aufgaben in Deutschland an. Aber es kam anders. Ich habe in Wien meine Frau kennengelernt, dann kamen die Kinder. Ich war und ich bin ganz einfach glücklich in Österreich. Auch, weil ich Harmonie brauche und die hier gefunden habe.

Bei Ihrem kurzen Gastspiel beim TSV 1860 in München suchten Sie die Harmonie vergebens.
Das war eine lehrreiche Zeit, die mir gezeigt hat, dass du als Spieler manche Dinge nicht selbst beeinflussen kannst. Gleich nach meinem ersten Spiel waren der Trainer und der Sportdirektor, die mich nach München geholt hatten, weg. Und in der Mannschaft hat es auch nicht funktioniert. Es war einfach der falsche Zeitpunkt für einen Wechsel zum TSV 1860. Das Ganze war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Hätten Sie den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft geschafft, wenn Sie in Deutschland geblieben wären?
Vielleicht. Aber es ist müßig sich darüber Gedanken zu machen und es ist auch nicht mein Ding, in die Vergangenheit zu schauen. Es hatte später noch die eine oder andere Möglichkeit zu einem Wechsel nach Deutschland gegeben. Aber nach den Erfahrungen bei 1860 war ich vorsichtig geworden.

Jürgen Klinsmann hat Sie 2005 zur Asienreise eingeladen, aber die konnten Sie nicht antreten.
Ich musste wegen einer Mandeloperation absagen. Danach wurde ich nicht mehr nominiert. Mir war klar, dass es sehr schwer, wenn nicht sogar unmöglich ist, als Spieler in Österreich den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft zu schaffen. Gehofft habe ich aber trotzdem, dass es vielleicht doch mal klappt.

Österreich und seine Sissi-Liga – tut das weh, wenn Sie so etwas hören?
Nein, und es ist ja auch Quatsch. Das Niveau ist natürlich nicht mit dem in der Bundesliga zu vergleichen. Aber es kommen immer mehr gute junge Spieler nach. Der österreichische Vereinsfußball ist auf einem guten Weg. Die Zeiten sind vorbei, in denen alternde Stars ein, zwei Jahr bei einem österreichischen Verein anheuern, um im Schongang noch ein bisschen Geld zu verdienen. Bei den guten Klubs ist es nicht mehr so leicht, unterzukommen, wenn man die beste Zeit schon hinter sich hat. Und den anderen Vereinen fehlen die finanziellen Mittel, um sich so einen Spieler leisten zu können.

Sie haben auch mal mit dem Gedanken gespielt, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um für das ÖFB-Team spielen zu können.
Vor der Euro 2008 war der Reiz natürlich riesengroß. Es wäre eine super Sache gewesen, bei diesem Fußballfest in der Wahlheimat dabei sein zu können.

Warum erfüllte sich der Traum nicht?
Ich hatte für Deutschland in den Jugendnationalmannschaften gespielt. Von daher war das schon schwierig. Und dann hat der ÖFB noch irgendeine Frist verpasst. Die genauen Hintergründe weiß ich gar nicht mehr und mittlerweile stehe ich auch darüber. Heute bin ich froh, dass ich in den Länderspielpausen bei meiner Familie sein kann.

Sie sind seit Jahren Publikumsliebling bei den Rapid-Fans. Dabei dürfte es angesichts der Rivalität beider Länder umso schwieriger sein, sich als Deutscher in die Herzen der österreichischen Fußball-Anhänger zu spielen.
Das kann schon sein. Andererseits kommen die deutschen Tugenden bei den Rapid-Fans sehr gut an. Nicht aufgeben, immer weiter kämpfen und Vollgas geben – das lieben die Rapid-Anhänger einfach. Ich passe einfach zu diesem Klub.

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