11.05.2007

Raphael Wicky im Interview

„Das Team war gespalten“

Raphael Wicky kam vom Regen in die Traufe: Erst flog er mit der Schweiz nach desaströsem Elfmeterschießen aus dem WM-Turnier, dann fiel er mit dem HSV ins Loch. Hier erzählt er von der wohl schwärzesten Zeit seiner Karriere.

Interview: oliver zeyen Bild: Imago

Gab es einen Schlüsselmoment, von dem an der Mannschaft klar war, dass sie mit Huub Stevens wieder aus dem Tabellekeller rauskommen?

Das war die Art und Weise, wie Stevens mit uns gearbeitet hat. Er hat von Anfang an sehr viel wert auf Disziplin, Ordnung und Teamgeist gelegt und uns das vermittelt. Darauf legt er besonderen Wert, und das hat man in den Spielen dann auch gesehen. Das hat uns die nötigen Punkte gebracht und uns letztendlich gerettet. Es gab nicht diesen einen Schlüsselmoment, aber wie wir durch sein Zutun insgesamt aufgetreten sind, was er uns in den ersten Tagen seiner Amtszeit vermittelt hat, das war der Schlüssel zum Klassenerhalt.

Welche Konsequenzen hatte der Trainerwechsel für Sie? Unter Doll haben Sie ja mehr gespielt als aktuell unter Stevens.

Für mich hatte das eigentlich keine großen Auswirkungen. Es ist klar, wenn der neue Trainer kommt, macht er sich erst ein Bild von der Mannschaft und schaut, welche Spieler fit sind und welche im Abstiegskampf am meisten helfen können. Als Stevens kam, war ich gerade erst von meiner Operation genesen und noch nicht wieder hundertprozentig fit. Somit konnte er zu dem Zeitpunkt also noch nicht hundertprozentig auf mich zählen. Dass ich da nicht sofort gespielt habe war für mich absolut verständlich, und ich hatte damit auch kein Problem. Als ich dann wieder fit war habe ich meine Spiele gemacht und ihm gezeigt, dass er auf mich zählen kann. Ich sehe meine Nicht-Berücksichtigung in den ersten Wochen unter Stevens also überhaupt nicht negativ. Wenn ich in der Vergangenheit topfit war, dann habe ich in den allermeisten Fällen auch gespielt.

Der HSV gehört zu den besten Teams der Rückrunde. Was sind Ihre Ziele für die nächste Saison?

Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Schließlich haben wir uns grade erst gerettet. Wir wollen die Saison vernünftig abschließen. Am Ende der Saison wird der Verein dann alles analysieren, eine Planung machen und dann die Ziele für die neue Saison ausgeben. So mache ich das persönlich auch.

Die Spekulationen um einen Wechsel von Rafael van der Vaart zu Bayern München reißen nicht ab. Hat er sich im Spielerkreis eindeutig zum HSV bekannt und gesagt, dass er auch in der nächsten Saison definitiv in Hamburg spielt?

Das weiß ich nicht, und ehrlich gesagt, beschäftige ich mich damit auch nicht wirklich. Das entscheiden andere Leute: der Sportdirektor, der Trainer und der Präsident. Sie sind für die Zusammensetzung der Mannschaft verantwortlich. Aber es ist klar, dass wir uns beim HSV alle freuen würden, wenn er hier in Hamburg bleibt.

Sie sind im Jahr 2000 zur Winterpause von Bremen zu Atletico Madrid gewechselt. Wie kam es dazu? Von der Bundesliga in die 2. Spanische Liga zu wechseln war ja nicht gerade ein Karrieresprung.

Es war schon immer mein Traum, eines Tages im Süden zu spielen. Nach vier Jahren in Bremen hatte ich mich entschlossen, den Vertrag dort nicht zu verlängern um etwas anderes zu sehen. Da kam dann das Angebot von Atletico Madrid. Auch wenn Atletico damals nur in der 2. spanischen Liga spielte, ist der Klub im Prinzip der drittgrößte Verein in Spanien und hat eine sehr große Fangemeinde. Ich hätte sicherlich bei keinem anderen Verein in der 2. Liga unterschrieben. Es war das Gesamtpaket, das mich zum Wechsel bewogen hat: Sportlich war es eine Herausforderung, den Aufstieg doch noch zu schaffen, denn zum Zeitpunkt meines Wechsels lag Atletico nur auf Platz 13. Auch finanziell war das Angebot sehr lukrativ. Madrid ist zudem eine absolut geile Stadt. Es lief dann zwar aus verschiedenen Gründen nicht so wie ich das gehofft hatte, doch unterm Strich war es ein wunderschönes Jahr. Ein Traum, den ich ein Jahr lang leben durfte. Ich kann mir gut vorstellen, später noch mal nach Spanien zu gehen.

Ärgern Sie sich im Nachhinein etwas über den Wechsel aus Bremen, wenn Sie sehen, welche Entwicklung Werder nach Ihrem Weggang genommen hat?

Nein, überhaupt nicht. Im Nachhinein ist man zwar immer schlauer, doch zum damaligen Zeitpunkt war ich mit der Entscheidung absolut im Reinen, deswegen war der Schritt für mich auch richtig. Entscheidungen soll man nicht aus dem Rückblick heraus beurteilen, sondern aus dem Moment, in dem sie getroffen wurden. Ich freue mich über die Entwicklung von Bremen, ich hatte da eine wunderschöne Zeit, in der ich super betreut wurde. Werder wird richtig gut geführt, und ich kann jedem jungen Spieler nur empfehlen, nach Bremen zu gehen.

Haben Sie den damaligen – mittlerweile verstorbenen – Atletico-Präsidenten Jesus Gil y Gil persönlich kennen gelernt?

Er ist mit als ein durchaus sympathischer Mann begegnet. Er war ein sehr extravaganter Typ, hatte immer drei Bodyguards um sich herum, kam in großen Limousinen angefahren und hatte ein riesengroßes pompöses Büro, dessen Ausmaße und Ausstattung man sonst nur von J.R. Ewing aus der Serie „Dallas“ kennt. Aber wenn wir verloren haben, dann war er nicht mehr ganz so sympathisch – naja, er war eben mit Leib und Seele Fan und immer mit ganzen Herzen dabei.

Waren seine Skandale ein Thema im Mannschaftskreis?

Ich habe die spanische Sprache erst im Laufe der Zeit erlernt, deswegen habe ich das nicht so mitbekommen. Er war auch jetzt nicht ständig bei uns, sondern nur ab und zu. Für mich war das kein Thema.

Nach nur einem Jahr in Madrid sind Sie in der Winterpause 2001/02 wieder zurück in die Bundesliga zum HSV gekommen.

Dafür gab es verschiedene Gründe. Zum einen wurde mein Gehalt nicht bezahlt, und zum anderen hatte ich eine Knieoperation, nach der mich der Trainer nicht mehr so oft berücksichtigte. Zudem galt ich als Schweizer damals noch als Nicht-EU-Ausländer. Davon durften immer nur drei im Kader stehen. Wir waren aber viel mehr, sodass ich nicht aufgestellt wurde. Ich wollte aber unbedingt wieder Fußball spielen, habe also eine Lösung gesucht, und bin dann nach Hamburg gewechselt.

Ist es wahr, dass der HSV damals keine Ablösesumme zahlen musste, sondern stattdessen die Zahlung Ihrer noch ausstehender Gehälter von Atletico übernommen hat?

Nein, das stimmt nicht. Ich wurde erst vom HSV ausgeliehen, aber dann musste der HSV keine Ablösesumme zahlen.

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