11.05.2007

Raphael Wicky im Interview

„Das Team war gespalten“

Raphael Wicky kam vom Regen in die Traufe: Erst flog er mit der Schweiz nach desaströsem Elfmeterschießen aus dem WM-Turnier, dann fiel er mit dem HSV ins Loch. Hier erzählt er von der wohl schwärzesten Zeit seiner Karriere.

Interview: oliver zeyen Bild: Imago
Herr Wicky, auf der HSV-Homepage ist zu lesen, Ihr witzigstes Fußballerlebnis war der Elfer-Versuch von Ingo Hertzsch bei einem Vorbereitungsturnier in Österreich. Was war da los?

Irgendetwas muss man da ja schreiben... (lacht) Aber es stimmt, das war vor etwa fünf Jahren, als Ingo Hertzsch noch beim HSV spielte und während eines Vorbereitungsturniers den Ball beim Elfmeter mit Vollspann gut fünf Meter übers Tor und fast aus dem Stadion geschossen hat.



An Elfmeter haben Sie nicht nur witzige Erinnerungen. Wie lange hat Sie das WM-Achtelfinal-Aus im Elfmeterschießen, als sämtliche Schweizer Schützen vom Elfmeterpunkt scheiterten, noch beschäftigt?

Dass wir speziell durch die verschossenen Elfmeter ausgeschieden sind hat mich nicht lange beschäftigt, das kann passieren. Aber das Ausscheiden an sich war natürlich bitter. Wann steht man schon mal bei einer WM in der Runde der letzten Acht? Das mögliche Viertelfinale gegen Italien hätte in „meinem“ Stadion in Hamburg stattgefunden, da wäre ich natürlich gerne dabei gewesen. Mit dieser Tatsache hatte ich also mehr Mühe. Dass man sich immer noch über uns lustig macht, weil wir keinen einzigen Elfmeter rein geschossen haben, damit muss man leben.

Gab es denn mannschaftsintern Vorwürfe an die Schützen?


Nicht dass ich wüsste. Es gab da zwar Gerüchte, dass sich einige bei den Schützen beschwert hätten, aber ich persönlich habe das nicht mitbekommen. Deswegen kann ich da auch nichts zu sagen. Ich jedenfalls mache niemandem einen Vorwurf. Elfmeter werden jede Woche verschossen. Das ist selbst Maradona passiert.

Sehen Sie in dem Elfmeter-Drama Ihr persönliches Omen für die äußerst enttäuschende Hinrunde des HSV?

Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das eine ist die Nationalmannschaft und das andere ist der Verein. Trotz des unglücklichen Ausscheidens war die WM für uns ein sensationelles Turnier voller Euphorie und einen super Publikum. Ich behalte von der WM zu allererst das Positive in Erinnerung.

In der Hinrunde schien sich alles gegen den HSV verschworen zu haben. Haben Sie da manchmal am Fußballgott gezweifelt?

Eigentlich nicht. Ich bin nicht der Typ, der an einem Fußballgott glaubt. Die ganze Saison war eine einzige Katastrophe für den HSV, auch wenn es mit der Qualifikation für die Champions League eigentlich gar nicht so schlecht begann. Wir sind jetzt erst mal froh, dass wir den Abstieg vermieden haben, was eigentlich eine große Leistung ist, wenn man bedenkt, dass wir nach der Hinrunde nur 13 Punkte hatten. In der Hinrunde kam einfach viel zusammen: Durch die WM sind viele Spieler erst spät in die Vorbereitung eingestiegen, einige Neuzugänge sind erst im August zu uns gestoßen, wir hatten großes Verletzungspech, und wir haben natürlich wichtige Leistungsträger abgegeben. Aber dass es dermaßen schlecht laufen würde, hat niemand geglaubt.

Gab es in der monatelangen HSV-Krise Momente, in denen Sie überhaupt keine Lust mehr auf Fußball hatten?

Nein, die Lust auf Fußball vergeht mir nicht so schnell. Man stellt sich natürlich Fragen, warum es so schlecht läuft, warum man nicht mehr gewinnt und man versucht, die Lage zu analysieren. Aber es gab auch schöne Momente, zum Beispiel in der Champions League, auch wenn es nicht sonderlich viele waren.

Was haben Sie getan, um sich von dem psychischen Stress zu regenerieren?

Man redet natürlich auch im privaten Umfeld darüber, aber man muss auch abschalten können und Dinge jenseits des Fußballs unternehmen. Ins Kino oder ins Theater gehen, sich mit Freunden treffen und dann nicht ständig über Fußball reden. Aber ganz vermeiden lässt sich das Thema Fußball natürlich nicht.

Bekommen gerade in sportlich schwierigen Zeiten das persönliche Umfeld und die Hobbys eine größere Bedeutung, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen?

Das private Umfeld ist immer wichtig, aber in erster Linie ist man auf sich selbst angewiesen. Mit dem Druck muss man allein klar kommen. Nach einem Negativ-Erlebnis ist es das Beste, wenn man sehr bald wieder das nächste Spiel hat, um es beim nächsten Mal einfach besser zu machen. Wir hatten in der Hinrunde oft englische Wochen, und das war für mich immer sehr positiv.

Wie beurteilen Sie Ihren persönlichen Saisonverlauf?

Nach zwei sehr schönen und erfolgreichen Jahren für mich und die Mannschaft war diese Saison sehr schwierig. Ich bin mit der Saison natürlich nicht zufrieden. Durch die WM bin ich erst spät ins Training eingestiegen, hatte wenig Urlaub, und im Herbst traten bei mir Muskelverletzungen auf. Anfang Dezember wurde ich dann operiert und konnte keine richtige Vorbereitung mitmachen. Erst Ende Februar bin ich wieder so richtig ins Training eingestiegen. Das Jahr war insgesamt unbefriedigend, ganz klar.

Wie war die Stimmung in der Mannschaft, als Thomas Doll kurz nach der Winterpause beurlaubt wurde?

Das Team und die Stimmung waren gespalten. Auf der einen Seite wollten wir mit dem Trainer weitermachen, weil wir überzeugt waren, wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Wir hatten mit Thomas Doll schließlich zwei sehr schöne und erfolgreiche Jahre. Doch auf der anderen Seite hatten wir nach 19. Spieltagen nur 15 Punkte. So ist dann halt der Fußball und der Lauf der Dinge, dass der Trainer in solch einer Situation entlassen wir, denn man kann nicht die ganze Mannschaft entlassen. Das ist der Fußball, das ist unser Job. Und für beide Seiten geht es danach wieder weiter.Rückblickend muss man sagen, dass der Trainerwechsel richtig war, denn wir haben viele Spiele gewonnen und uns gerettet. Aber zum Zeitpunkt der Trennung war es nicht so angenehm.

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