Raphael Honigstein im Interview

»England bleibt England«

Wenn ein deutscher Journalist den englischen Fußball kennt, dann Raphael Honigstein. Danny Last vom preisgekrönten Blogs »European Football Weekends« sprach mit ihm über die WM, Capello und die Folgen auf der Insel. Raphael Honigstein im Interview

Raphael Honigstein arbeitet unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, the Guardian und 11FREUNDE. Er prophezeit Thomas Müller eine länger andauernde Karriere als Paul der Krake und erklärt, warum es für den englischen Fußball gut ist, dass die Three Lions so früh nach Hause fliegen mussten.

Raphael, welche neuen Erkenntnisse bringst du aus Südafrika mit?


Harte Spiele, merkwürdiger Ball und die Höhenlage der Spielorte macht schlechte Teams sogar noch schlechter. Taktische Formationen in Zahlen auszudrücken ist nichtssagend. Japan kann ein bisschen Fußball spielen. Und: England bleibt England unter Capello.

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Lass uns über die einheimischen Fans sprechen. Sie wurden durch die hohen Ticketpreise von den Spielen quasi ausgeschlossen, obwohl man während der Spiele viele leere Sitze leer gesehen hat.  War das für die FIFA eine Lektion, aus der sie lernen wird?

Da bin ich mir nicht sicher. Eigentlich geht es nur um die Fernsehübertragungen. Ein paar hundert leere Sitze machen für die FIFA keinen Unterschied. Ich bin mir auch nicht sicher, ob billigere Tickets einen großen Unterschied gemacht hätten. Die Südafrikaner waren natürlich sehr stolz, dass die WM in ihrem Land stattgefunden hat, aber ich hatte das Gefühl, dass sich ihr Interesse das Spiel Slovakei gegen Paraguay live anzuschauen doch in Grenzen hielt.
 
Deutschland kehrte als sympathisches und beliebtes Team zurück. Wer hätte das gedacht?


Ich hatte vorab schon das Gefühl, dass sie offener und attraktiver auftreten würden, aber war mir gleichzeitig nicht sicher, ob dieses Spiel auch erfolgreich sein kann. Der schnelle Entwicklungsprozess des Teams hat mich, wie jeden anderen auch, sehr überrascht.

Wer ist nun der größte WM-Star in Deutschland: Thomas Müller oder Paul die Krake?

Müller. Paul die Krake wird jetzt in Ruhestand gehen aber Müller könnte noch an drei Weltmeisterschaften teilnehmen. Drei! Beängstigend.

Hätte Frank Lampards Tor gegen Deutschland gezählt, wäre England als Sieger vom Platz gegangen und hätte anschließend das Turnier gewonnen. Einverstanden?

Nein. Ich bin einverstanden, dass das Spiel mit diesem Tor vielleicht einen anderen Verlauf genommen hätte. Es war nicht das Spiel in Bloemfontein, was richtig schiefging, vielmehr waren es die Spiele in der Gruppenphase. Ein einziges Tor mehr in diesen drei Spielen und sie hätten sich über Ghana und Uruguay ins Halbfinale gemogelt. Da bin ich mir sicher. Aber vielleicht ist es auf lange Sicht für den englischen Fußball besser, dass sie auf diese Art und Weise gescheitert und nicht wie schon 1990 in falsche Euphorie verfallen sind.

Nach der verkorksten EM-Qualifikation 2008 haben wir sechs Millionen Pfund für einen ausländischen Manager ausgegeben. Deutschland hingegen hat einen Bruchteil dieses Geldes erfolgreich investiert. Und dieser Trainer trägt auch noch modische Kleidung. Verglichen mit Deutschland ist das ein bedauernswerter Zustand, oder?

So weit würde ich nicht gehen wollen. Das Hauptproblem des englischen Fußballs und dessen Kultur ist seine feindselige Natur. Ständig ist es Verein gegen Nation und die Medien gegen den Rest der Welt. Es existiert kein Gespür für vermittelndes Arbeiten, dass das große gemeinsame Ziel vor Augen hat. Die FA kann dabei nicht viel bewirken, wenn die Vereine nicht auch bereit sind ihren Beitrag zu leisten. Abgesehen davon hat England ein offensichtliches Trainerproblem. England hat vielleicht ein Zehntel der Trainer von vergleichbarer Qaulität, wie sie in Spanien und Deutschland arbeiten. Keine guten Voraussetzungen.  

Viele englische Fans haben der Premier League den Rücken gekehrt, reisen nach Deutschland und verfolgen die Bundesliga. Kannst Du Dir das vorstellen?

Naürlich. Bratwurst, Bier, billige Tickets... Was will man mehr. Zweifellos eine gute »zweite« Liga.


Danny Last betreibt den vollkommen zu Recht preisgekrönten Blog European Football Weekends. Besuch ist Pflicht!

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