Rap-Giganten »Blumentopf« im Interview

»Wenig Glück... Aber Talent!«

Rap-Giganten »Blumentopf« im InterviewFourmusic

Ihr habt während der WM die so genannten »Raportagen« für die ARD produziert: In Rapform wurden die Spiele der deutschen Nationalmannschaft nacherzählt. Wie kam diese Zusammenarbeit mit der ARD zustande?

Cajus: In der WDR-Redaktion sitzt ein alter Kumpel von uns, den wir vom Skateboardfahren kennen. Ihm schwirrte diese Idee schon länger im Kopf herum. Ein paar Wochen vor der WM rief er uns an und fragte, ob wir Bock darauf hätten. Fußball in Rap? Wir waren auf Anhieb begeistert.

Roger: Es gab für uns bei dem letzten Freundschaftsspiel vor der WM gegen Italien einen Testlauf, mit dem die Redaktion der ARD und auch wir sehr zufrieden waren - trotz des miesen Spiels. (lacht)

Zur Europameisterschaft soll es nun eine Fortsetzung geben.

Sepalot: Die »Raportagen« bei der WM kamen so gut bei den Zuschauern an, dass eine Neuauflage zur EM einfach auf der Hand lag.

Seid Ihr schon immer Fußballfans gewesen oder musstet Ihr euch kurzfristig noch ein entsprechendes Fußball-Vokabular aneignen?

Schu: Vor der WM waren wir natürlich extreme Handballfans! (lacht) Nein, wir wussten schon vor den »WM-Raportagen«, was Abseits bedeutet.

Sepalot: Und das sagt Schu, der sich beim Fußballspielen gerade einen zweifachen Kreuzbandriss geholt hat. Wenig Glück ...

Schu: ... aber Talent!


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Eure Raps wurden zeitweise zwischen »Tagesschau« und »Ziehung der Lottozahlen« ausgestrahlt. Verliert Ihr dadurch nicht an Street-Credibility in der Szene?

Schu: Die haben wir schon lange verloren! (lacht)

Cajus: Das ist wie im Fußball: Die Kredibilität geht mit dem Erfolg ziemlich schnell flöten.

Schu: Es geht hier ja nicht um Selbstverwirklichung. Wir dokumentieren etwas als Rap. Wir hätten die Spiele eh geschaut und hatten Lust auf das Experiment. Wir würden das auch nicht für jeden Sport machen - es muss uns schon etwas bedeuten.

Roger: Wir sind sehr froh darüber, dass wir das zusammen mit der ARD machen können. Hätten wir uns den Sender aussuchen dürfen, wäre es bestimmt nicht »9live« gewesen.

Cajus: Wir sind schon eher die öffentlich-rechtlichen Typen. (lacht)

Hattet Ihr nach der WM noch weitere Angebote für »Raportagen«?

Roger: Es gab tausend Angebote - von der Modenschau bis zur Betriebsfeier, die wir moderieren sollten. Die haben gedacht, wir machen das jetzt für jeden und packen alles nur noch in Reime.

Cajus: Wir sind aber nicht Frank Zander, der den ganzen Tag Geburtstagsongs macht - du sagst uns deinen Namen, und wir basteln schon was daraus. (lacht)

Schu: Es hat auch die Olympia-Redaktion der ARD angefragt, ob wir nicht während der Spiele in China etwas machen wollen - aber bei Turmspringen oder Synchronschwimmen würde das schon relativ schwierig werden.

Sepalot: Ein Fußballspiel ist das perfekte Format für so etwas.

Wie kann man sich den Entstehungsprozess einer solchen »Raportage« vorstellen?

Cajus: Es gibt einen Schriftführer, der mit Zettel und Stift vor dem Fernseher hockt. Kommt ein starkes Bild, das man später gebrauchen möchte, wird die Minute und ein Stichwort notiert.

Schu: In der Halbzeitpause telefonieren wir mit dem Regisseur und gleichen unsere Notizen ab. In den meisten Fällen haben wir eine große Schnittmenge. Nach Schlusspfiff telefonieren wir erneut. Er hat dann schon die relevanten Bilder rausgesucht, und wir haben unseren Kram aufgeschrieben und aufgenommen und schicken vorab ein mp3 nach Köln. Es ist eine enge Zusamenarbeit mit dem Regisseur, die auch über Distanz sehr gut funktioniert.





Ihr habt also keine Zeit nach den Spielen die Deutschen zu feiern?


Schu: Natürlich würde man nach dem Spiel auch gerne feiern gehen - dann klopfen die Freunde an der Tür und das Handy klingelt, und wir müssen sagen »hmm, ja, wir brauchen noch zwei Stunden, dann kann ich mitfeiern.« Und das hole ich nicht mehr ein, so viel kann ich schon verraten.

Sepalot: Wir konnten die WM schon nicht richtig mitfeiern. Als wir aus dem Studio kamen, lagen die Besoffenen mit ihren Fahnen bereits auf der Straße, und wir haben nur noch gesehen, was so los war.

Was ist euer Anspruch an eine »Raportage«?

Schu: Wir wollen Qualität abliefern und die Zuschauer unterhalten. Es kann schon mal passieren, dass wir eine halbe Stunde über einer Zeile sitzen und wir vier verschiedene Versionen schreiben. Aber es kann nicht der Anspruch sein, einem Millionenpublikum jetzt zu zeigen, was für geile Rapskillz wir haben und wie verschachtelt wir die Reime bauen können. Es geht darum, etwas zu sehen und es in coole Zeilen zu fassen, die nicht immer witzig sein müssen, aber die unterhaltsam sind. Und wenn uns das gelingt, und wir trotzdem sagen, dass ist geil gerappt, dann haben wir unseren Anspruch erfüllt.

Werden sich die »EM-Raportagen« von den »WM-Raportagen« unterscheiden?

Cajus: Es wird sich lediglich von den Bildern her ändern. Vor der WM wurden nur in dem Studio der »Sportschau« Aufnahmen von uns gemacht, die in jeder »Raportage« gezeigt wurden. Zur EM soll es ein bisschen bunter werden, es wird mehr Bildmaterial von uns geben.

Werdet Ihr euch noch speziell auf die EM vorbereiten?

Cajus: Wir haben jetzt täglich Torwandschießen auf dem Programm. (lacht)

Roger: Die Vorbereitungen befinden sich jetzt schon in der heißen Phase. Wir werden uns vor der EM noch einen Beat und eine Hookline ausdenken, die sich in jeder Raportage wiederholen.

Sepalot: Wir treffen uns auch noch mit der Bildregie in Köln, die die Bilder zu den Raps auswählen und schneiden werden.

Wo werdet Ihr die EM-Spiele sehen?

Sepalot: Die WM-Spiele haben wir direkt im Studio geschaut.

Schu: Die EM schauen wir aber bei mir. Ich wohne mit einem viel besseren Fernseher nicht weit weg von hier ...

Alle: Angeber!

Cajus: Wenn du den Kasten bereithältst, meinetwegen.

Die Arbeitsatmosphäre während der Spiele ist also eher locker?

Cajus: Alkohol darf getrunken werden! Wir sind zwar während des Spiels schon am Arbeiten, aber ganz ehrlich, wenn es spannend wird, dann nervt es auch, und wir vergessen schnell, was wir eigentlich tun müssten. Dann heißt es später nur: Warte mal, was haben wir denn da gerade gesehen?

Habt Ihr freie Hand für eure Texte oder gibt es Vorgaben seitens der ARD-Redaktion?

Roger: Wir haben freie Hand, aber natürlich lässt sich die ARD ein Türchen offen, wenn wir etwas zu Krasses sagen. Wir haben keine Sendegarantie - genauso wie der Sender keine Garantie hat, das wir den Track in einer bestimmten Zeit abliefern.

Schu: Wir gehen aber davon aus, dass es beide Seiten cool machen werden. Wir werden nichts abliefern, von dem wir sagen, das wird eh nicht gesendet - und es wäre natürlich auch blöd zu sagen, wir machen den Track nicht. Für uns ist das eine Promo, die Spaß macht, weil man es gar nicht merkt - danach würde man ja eh über das Spiel reden.

Hat sich das Fußballschauen für euch seit den »Raportagen« verändert?

Roger: Wenn ich ein starkes Bild sehe oder etwas Blödes passiert, habe ich dafür sofort eine Reimidee. Es gab in der Bundesliga schon Szenen, die hoffentlich auch bei der EM passieren werden.

Ihr seid zu fünft in der Band: Seid Ihr über den Spielverlauf immer einer Meinung?

Roger: Mehr als der Schiedsrichter oft.

Schu: Wir müssen das Spiel ja nicht interpretieren. Wir orientieren uns am Ergebnis und versuchen, das Spiel möglichst spannend aufzubereiten, so dass es unterhaltsam ist.

Cajus: Wir diskutieren nicht ewig über eine Schwalbe. Wenn er schön fliegt in der Zeitlupe, dann ist die Zeile wichtiger als der Zeitlupenbeweis.

Wer ist bei Euch in der Band der Günther Netzer, der alles besser weiß?

Alle: Darüber schweigen wir!

Schu: Es gibt keinen, der so schön selbstbewusst von sich sagt, dass er weiß, wie es geht. Da ist der Günther schon einmalig!

Roger: Wenn wir auf der Straße jemanden treffen würden, der so ist wie der Günther und nur ein bisschen zu uns passt - den würden wir sofort aufnehmen. Ach, das wäre so schön! (lacht)

Cajus: Günther, melde dich bei uns!

Wie kamen die Raportagen bei den Spielern an?

Sepalot: Das Offenkundigste war, dass der Miro Klose bei »iTunes« seine TopTen veröffentlicht hat und da waren unsere Raportagen dabei - dazu der Comment, dass er sich nie erträumt hätte, dass sein Name mal in einem Songtext fällt.

Und bei HipHop-Kollegen?

Sepalot: Da gab es viel Neid! (lacht)

Cajus: Ich hätte echt mal gerne mit auf der Couch gesessen bei dem ein oder anderen Rapkollegen, der es nicht wusste, als der unsere Nasen dann gesehen hat nach dem Spiel. Das hätte ich gerne gesehen.

Gibt es schon Standardreime auf die Nachnamen der Nationalspieler?

Schu: Die haben wir bei der WM blöderweise schon alle verbraten.

Cajus: Wir hoffen auf eine klangvolle Nachnominierung, dass wir den Wahnsinnsreim noch rauslassen können.

Roger: Wir schauen, dass wir die Reime nicht immer auf die Spielernamen bringen. Es ist natürlich immer toll, wenn es sich anbietet und die gegnerische Mannschaft einen ausgefallenen Namen dabei hat. Wir haben schon den Anspruch, dass ein paar coole Reime dabei sind, aber wir wollen es nicht verkünsteln - man soll vor allem die Zeile verstehen.

Was reimt sich auf Löw?

Cajus: Dem sind wir bös`, wenn es nichts wird! (lacht)

Wie steht Ihr zu den Skillz von Schalke-Rapper Christian Pander?

Roger: Ich habe den Phunky Pee noch gar nicht gehört, muss ich sagen.

Schu: Mein Physiotherapeut hat mir das mal vorgespielt, als ich mit meinem Kreuzband da war. Wenn man jetzt den Direktvergleich Kung Schu/Christian Pander zieht, wird schon klar, dass der Eine wesentlich besser Fußballspielen kann, und der Andere wesentlich besser rappen kann - da sind die Talente schon klar verteilt, muss man sagen.

Roger: Da muss man jetzt nur noch das Geld klarer verteilen, dann ist alles in Ordnung. (lacht)

Was traut ihr der deutschen Mannschaft bei der EM zu?

Sepalot: Alles!

Roger: Also wenn Griechenland Europameister werden kann, dann kann das die deutsche Nationalmannschaft auch.

Cajus: Wir sind eine Turniermannschaft! Es ist einfach unsere Stärke, die Leistung zu hundert Prozent auf den Punkt abzurufen.

Schu: Da hast du ja noch mal einen richtigen Standard rausgekloppt! (lacht)

Könnt ihr spontan noch einen Reim droppen auf die Aussichten der Deutschen?

Schu: Ich kann etwas Altes zitieren, was wir mal geschrieben haben: »Hurra, hurra, niemand macht unsere Truppe nieder - Deutschland, Deutschland, wir sind Gruppensieger«. (lacht)


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Übrigens:

Am 11. Juni ist die Band »Blumentopf« in unserem EM-Quartier in Berlin zu Gast.


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