Ralf Zumdick über Markus Merk in der Türkei

»Er ist hoch angesehen«

Für 11FREUNDE #110 begleiteten wir Markus Merk in die Türkei, wo er für einen TV-Sender die Süper Lig analysiert. Mit Genclerbirligis Trainer Ralf Zumdick sprachen wir über den Ex-Schiedsrichter und Patriarchen der alten Schule. Ralf Zumdick über Markus Merk in der TürkeiImago
Heft#110 01/2011
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Ralf Zumdick, haben Sie ein neues Wohnzimmer-Inventar aus Istanbul mit nach Ankara genommen?

Wie meinen Sie das?

Die Fans von Galatasaray haben die Sitzschalen aus den Halterungen herausgerissen und sie auf den Platz geworfen, nachdem Sie mit Genclerbirligi Ankara dort 2:0 gewonnen hatten.

Das war das letzte Spiel im Ali-Sami-Yen-Stadion, das wäre wahrscheinlich auch passiert, wenn wir dort nichts geholt hätten. Vielleicht hätten die Galatasaray-Fans die Sitzschalen nur als Erinnerung mit nach Hause genommen. So haben sie versucht, ihren Frust auszudrücken und dann haben sie die Sitze halt auf die Laufbahn geschmissen. Wir mussten schon ein bisschen in Deckung gehen.

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Ist das Alltag in türkischen Fußball-Stadien?

Es nicht mehr ganz so wild wie früher, aber die Leute hier sind leidenschaftlich fußballbegeistert. Dass Teile des Stadioninventars herumfliegen, habe ich so hautnah aber zum ersten Mal mitbekommen. Wirklich gefährlich war die Situation nicht.

Was sind die gravierendsten Missstände im türkischen Fußball?

Es gibt in der Türkei ein paar Stadien, die sind wirklich toll, wie zum Beispiel das von Fenerbahce. Das neue von Galatasaray wird hervorragend und auch auch das in Kayseri ist sehr gut. Viele Klubs spielen aber noch in alten Stadien. Im Winter sind einige Plätze schon schwer zu bespielen. Aber: Wir hatten noch kein einziges Mal Verhältnisse, bei denen ich gesagt hätte: Das ist irregulär.

Bernd Schuster, Trainer von Besiktas, hat gesagt, in der Türkei spiele man Fußball der sechziger Jahre. Würden Sie ihm zustimmen?


Ich glaube, Schuster meint, dass die Teams hier sehr über den Kampf kommen. Ich versuche, mit meiner Mannschaft ein gewisses Maß an Kombinationsspiel zu etablieren, weil ich glaube, dass das zum erfolgreichen Fußballspielen dazugehört.

Jörg Berger sagte, jeder der 19 Präsidenten, mit denen er teilweise gleichzeitig zu tun hatte, hatte einen Lieblingsspieler und die mussten alle spielen. Hat Ihr Präsident Ilhan Cavcab auch einen Lieblingsspieler?

Unser Präsident ist ein Patriarch der alten Schule, aber er redet mir nicht in die Aufstellung hinein. Wir haben ein Mal pro Woche ein Meeting und da kann ich mich frei äußern, ohne dass ich irgendetwas befürchten muss. Natürlich ist der Präsident einer der bestimmenden Persönlichkeiten im Verein und er will immer wissen, was läuft. Er besitzt schon Fußballsachverstand und ich kann heftig mit ihm diskutieren.

Was hat eigentlich Markus Merk zum Auftritt ihrer Mannschaft bei Galatasaray gesagt?

Das hab ich leider nicht so richtig mitbekommen, es gab aber auch keine strittigen Entscheidungen. Die Sendung »Maraton« mit Mustafa Denizli und Markus Merk, kenne ich natürlich. Da werden die Spiele ordentlich auseinandergenommen. Eine sehr, sehr gut gemachte Sendung.

Es heißt, Markus Merk sei über die Rolle des Schiedsrichterkritikers hinausgewachsen und gelte generell als Experte.

Die Kommentare von Markus Merk sind hoch angesehen in der Türkei. Er war ja ein international renommierter Schiedsrichter, analysiert die Situationen sehr genau. Ich finde es spannend und erfrischend, dass da ein deutscher ehemaliger Schiedsrichter sitzt, der die Szenen anders sieht als die einheimischen Kommentatoren.

Es soll noch stärker analysiert werden als in Deutschland.

Die Präsentation der Ligaspiele bei dieser Sendung ist sehr professionell, da werden mitunter die Kilometerleistungen der Spieler gemessen, es wird wirklich alles seziert. Mir ist das sogar manchmal ein bisschen zu viel.

Der ehemalige Essener und jetzige Galatasaray-Spieler Baris Özbek sagt, »Maraton« sei der einzige Fußballtalk mit Niveau. Sehen Sie das auch so?


Klar, Mustafa Denizli ist eine Institution hier, ein alter Trainerfuchs. Seine Meinung lasse ich mir auch hin und wieder übersetzen, er liefert fundierte Kommentare. Den Markus nehme ich da nicht aus, er hat natürlich sehr viel Know-How.

Welche Erfahrungen haben Sie mit ihm in der Zeit gemacht, als Sie noch Torwart in der Bundesliga waren?


Als er sein erstes Bundesliga-Spiel in den achtziger Jahren in Bochum als ganz junger Unparteiischer pfiff, stand ich auf dem Platz. Das war in einer Zeit, zu der Wolf-Dieter Ahlenfelder noch gepfiffen hat, da war Merk noch ein anderer Typ. Später ist er durch Höhen und Tiefen gegangen, dennoch weltweit einer der angesehensten Unparteiischen.

Ihr Klub ist Vierzehnter und hat drei Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Ihr Fazit am Ende der SüperLig-Hinrunde?

Wir sind nur drei Punkte hinter Galatasaray, die Liga ist sehr eng dieses Jahr. Man muss schauen, dass man immer wieder mal einen Überraschungscoup landet. Galatasaray ist sicher qualitativ besser besetzt als wir, aber wir haben auch in Kayseri (Tabellenvierter, die Red.) einen Punkt mitgenommen. Ich arbeite mit einem sehr jungen Team, meine Spieler sind hungrig.

Seit Ihrem Amtsantritt gelangen neun Punkte aus acht Spielen. Reicht der Kader für den Klassenerhalt aus oder müssen Sie in der Winterpause »nachlegen«?

Eigentlich brauchen wir zwei, drei Verstärkungen. Wir haben zwar eine sehr ordentliche Jugendarbeit, aber wir können sicherlich noch nicht mit den großen Klubs mithalten. Bursaspor ist im letzten Jahr deswegen Meister geworden, weil sie ein Kollektiv waren, für die Champions League war das allerdings nicht genug. Da fehlt noch der letzte Schliff zum internationalen Renomée.

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Lest in 11FREUNDE #110: Süpermarkus rettet die Lig – Was Ex-Schiedsrichter Markus Merk als Experte des türkischen Fernsehens treibt.

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