Ralf Rangnick über Taktik

»Es gibt Nachholbedarf«

Als er einst im »Sportstudio« die Taktik eines Spiels analysierte, wetterten die Traditionalisten. Heute gilt Ralf Rangnick als Vordenker. Wir sprachen mit ihm über alte Helden, den Fußball von morgen und Louis de Funès. Ralf Rangnick über TaktikImago

Herr Rangnick, für viele ist Fußball immer noch das einfachste und banalste Spiel der Welt. Ist es das wirklich: einfach und banal?

Ich weiß nicht, warum Fußball einfach sein soll. Vielleicht empfindet es die Allgemeinheit aufgrund der recht simplen Regeln so. Vielleicht liegt diese These auch darin begründet, dass viele Menschen in Deutschland mit Fußball groß werden – in Sportvereinen oder auch in der Schule – und daraus ableiten, dass sie das Spiel en detail verstehen.

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Sie würden demnach sagen, die Fanperspektive ist eine ganz andere als die des Trainers?

Ja. Ich glaube jedenfalls nicht, dass der normale Fernsehzuschauer die ganze Komplexität eines Fußballspiels fassen kann.

Als Sie vor zehn Jahren im »Aktuelle Sportstudio« die Taktik eines Spiels erklärten, wurden Sie – etwas abschätzig – »Fußballprofessor« genannt. Während der WM 2006 durfte Jürgen Klopp jeden Tag erklären, wer wie steht und läuft. Wieso ist es heute populär, über Taktik zu sprechen?

In Deutschland haben wir einen riesigen Nachholbedarf auf dem Gebiet der Taktiklehre. Deutsche Trainer – auch wenn Herberger seine kleinen Geheimnisse hatte – waren nie als große Taktik-Strategen bekannt. Die gewonnenen Weltmeisterschaften basieren auf Kampfkraft und mitunter auf dem individuellen Können der Spieler. Das Finale von 1974 ist das beste Beispiel: Rinus Michels war der »General«, und die holländische Mannschaft galt als die Vorzeigemannschaft Europas. Auf der anderen Seite standen Helmut Schön und Franz Beckenbauer, der für die nächsten 25 Jahre eine eigene Position, den Libero, kreierte. Doch Schöns Mannschaft gewann – vor allem durch ihren Siegeswillen.

Man spricht ja auch gerne von der »Turniermannschaft Deutschland«.

Richtig. Doch wer spricht heute davon, wie eine deutsche Mannschaft mit einer cleveren Taktik ein Spiel oder gar ein Turnier gewann?

Denken Sie heute, dass Ihre Ausführungen im »Sportstudio« diese recht einfache Fußballidee, die man in Deutschland bis in die späten 90er Jahre hatte, verkomplizierte?

Ja, vielleicht. Als wir ein Jahr nach dem Auftritt im »Sportstudio«, 1999, mit dem SSV Ulm aufstiegen, gab es in beiden Bundesligen gerade mal eine Handvoll Mannschaften, die mit kompletter Raumdeckung und Viererkette spielten. Heute wird es als selbstverständlich gesehen, dass es kaum noch Spieler gibt, die einzig für die Manndeckung abgestellt werden. Man redet darüber, als ob es immer so gewesen wäre. Dabei waren andere Länder schon 1999 auf dem Stand, auf dem wir heute sind. In Italien, Spanien, England, Frankreich oder selbst der Schweiz hätte mein »Sportstudio«-Auftritt vor zehn Jahren jedenfalls nur ein gelangweiltes Gähnen verursacht.

In Deutschland schlugen Ihnen aber Wellen der Antipathie entgegen.

Vermutlich weil ich damals noch ein relativ junger Trainer war. Doch die Reaktionen waren nicht alle so negativ, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wurden. Ich habe zahlreiche zustimmende E-Mails und Briefe erhalten. Die, die sich am meisten erregten, waren Trainer der alten Garde, Traditionalisten, die Angst vor Neuerungen hatten. Mir war damals, als junger Trainer, noch nicht bewusst, wie empfindlich die Branche ist.

Meinen Sie, dass die Veränderungen im Taktikbereich, die sich in den folgenden Jahren vollzogen, für viele ältere Trainer – eine Zeitung nannte sie einst »Die Kinder der Bundesliga« und meinte etwa: Ribbeck, Lorant oder Köppel –, das Aus bedeuteten?

Nein. Ich denke auch, dass Offenheit für neuere Methoden und Tendenzen nichts mit dem Alter zu hat. Otto Rehhagel ist für mich das beste Beispiel: Er hatte immer ein exzellentes Verhältnis zu seinen Spielern. Er ist vielleicht nicht der große Systematiker oder der Vordenker einer neuen Taktikschule, doch er hat ein ganz klares Bild, wie sein Spiel aussehen soll und wer die Protagonisten für sein Spiel sein können. Rehhagel hat es immer wieder geschafft, seine Ideen in die Köpfe der Spieler zu bekommen. Bei seinen Spielern hat man nie das Gefühl, dass sie nur den Spruch »Geht raus und spielt Fußball« mit auf den Weg bekommen, sondern dass sie einen richtigen Plan in der Tasche haben, wenn sie das Feld betreten.

Hat ein Trainer in Zukunft überhaupt noch eine Chance, wenn er wenig Ahnung von Trainingslehre hat? Frank Pagelsdorf erzählte einst, dass Kalli Feldkamp die Spieler mit Ansagen wie »Seht ihr da hinten den Baum? Hinlaufen!« über den Trainingsplatz schickte. Die Stimmung sei allerdings blendend gewesen.

Es geht ja nicht bloß um die Vermittlung von Taktik und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Einerseits ist es wichtig, eine genauen taktischen Plan, eine konkrete Vorstellung zu haben, wie die Mannschaft spielen soll. Andererseits – und das ist mindestens genauso wichtig – muss man diesen Überzeugungstransfer emphatisch leisten, also Fußball lehren können. Nun gibt es viele Trainer, die im Bereich Coaching unglaublich gewieft sind, die großartig motivieren und kommunizieren können, die aber nicht diesen konkreten Plan im Kopf haben. Andererseits gibt es Trainer, die ein unglaublich hohes Fachwissen in Taktik- und Trainingslehre haben, doch diesen Plan gar nicht richtig transportieren können. Eine Mischung aus beidem macht den guten Trainer aus.

Bei wem sind Sie eigentlich in die Lehre gegangen?

Ich bin eher Autodidakt. Ich habe zwar Sportwissenschaften studiert, doch das meiste habe ich mir in meiner Freizeit angeeignet. Was mir schon früh bewusst war: Ein Trainer muss – will er sich weiterentwickeln – über den Tellerrand schauen. Und so nahm ich bei Trainingseinheiten von Dynamo Kiew oder Arsenal London teil und versuchte, mich vom italienischen Fußball inspirieren zu lassen. Schon als Spieler wurde mir klar, dass die starren Positionen flexibler interpretiert werden müssen.

Auf welcher Position spielten Sie?

Ich habe damals auf der »Sechs« gespielt, doch nicht so offensiv und Spiel eröffnend wie heute etwa ein Torsten Frings. Ich war ein Sonderbewacher der alten Schule. Mit aktivem Fußballspielen hatte das oft wenig zu tun, auch wenn ich meine Arbeit für den Trainer zufrieden stellend gelöst habe. Ich hatte des öfteren nicht wirklich Spaß an diesem Spiel, und der Trainer in mir spürte damals schon, dass es das nicht sein kann.

Gab es für Sie damals ein Trainer-Idol?

Es gab Vereine, für die ich mich sehr interessiert habe, Dynamo Kiew mit Valeri Lobanovsky etwa. Dann kam die Zeit von Arrigo Sacchi beim AC Milan. Ich habe mir fast jedes Spiel von Milan angeschaut. Aber ich blickte nicht nur auf die großen Mannschaften. Als ich 1991 in Südtirol Urlaub machte, fand ich heraus, dass die Mannschaft von US Foggia, die gerade in die Serie A aufgestiegen war, ihr Trainingslager in einem nahe gelegenen Bergdorf abhielt. Foggia trainierte damals unter dem Tschechen Zdenek Zeman, der ebenfalls ein Vorreiter des Pressings und kompletter Raumdeckung auf dem Platz war. Ich bin jeden Nachmittag – sehr zum Leidwesen meiner Frau – in dieses Bergdorf hochgefahren, um mir die Trainingseinheiten anzuschauen.

Fehlten in Deutschland Anfang in den 80er und 90er Jahren solch visionäre Vorreiter, also Trainer, die nachhaltig Dinge veränderten?

Auf jeden Fall. Der Fall Sacchi belegt das: Der war eigentlich Schuhverkäufer, zugleich Spieler in der fünften oder sechsten Liga. Sacchi ist vielleicht 1,70 Meter groß und sah damals aus wie Louis de Funès. Doch Sacchi prägte eine ganze Ära. Ein Trainer mit solchen Visionen, wie Sacchi sie hatte, hätte in Deutschland nie die Chance bekommen, einen Verein zu trainieren, und, hätte er sie durch einen Zufall doch bekommen, wäre er nach Misserfolg prompt wieder entlassen worden. Die deutschen Vereine waren damals wie heute viel zu ungeduldig. Was glauben Sie eigentlich, wie viele Profis, die unter Sacchi gespielt haben, heute auch Trainer sind?

Wenn Sie so fragen: Fünf bis zehn?

Ich würde sogar sagen mehr. Diese Spieler wurden unglaublich stark von Sacchi geprägt. Unter Sacchi zu trainieren, das war damals das Größte für einen Spieler, das war im Grunde die beste Ausbildung für zukünftige Trainer, die man genießen konnte. Wer hat denn in Deutschland eine Ära geprägt? Vielleicht Ottmar Hitzfeld oder auch Hennes Weisweiler. Doch niemand tat es so nachhaltig und so stark wie Sacchi in Italien, wie Lobanovsky in der Sowjetunion oder auch Rinus Michels in den Niederlanden.

Es heißt, Sacchi habe sein eigenes Fußballsystem an jenem Tag hinterfragt, als er mit Italien gegen Lobanovskys »Sbornaja« im Vorrundenspiel der EM 1988 verlor. Haben Sie auch ein Spiel, das Ihr Denken ähnlich veränderte?

Ja. Es war allerdings ein weniger wichtiges Spiel: Wir spielten 1984 mit Viktoria Backnang gegen Dynamo Kiew, die in der Nähe ihr Trainingslager aufgeschlagen hatten. Ich war Spielertrainer in Backnang und stand mit auf dem Feld. Nach etwa zehn Minuten hielt ich inne. Ich war vollkommen perplex und habe die Spieler durchgezählt. Ich zählte elf Viktoria-Spieler und elf Kiewer. Doch die spielten so starkes Pressing und nutzten so geschickt die Weite des Feldes, dass ich annahm, sie hätten mindestens zwei Spieler mehr auf dem Platz.

Es war Ihr persönliches Schlüsselspiel?

Genau. Wir hatten ja auch schon Spiele gegen Proficlubs aus Deutschland gemacht. Doch ich wusste bei dem Spiel gegen Dynamo Kiew von der ersten Minute an: Das hier ist irgendetwas ganz anders. Ich bin gleich am nächsten Tag ins Trainingslager der Kiewer Mannschaft gefahren, und mir war sofort klar, dass wir hier über eine ganz andere Art des Fußballs reden, als wir es bis dahin in Deutschland gekannt haben.

Sie waren zu der Zeit auch als Jugendtrainer tätig. Auf was haben Sie dabei geachtet?

Als ganz junger Trainer – ich war 24 Jahre alt – trainierte ich die E-Jugend in Ulm. In den Schulferien haben wir zweimal am Tag trainiert und gemeinsam Freistoß- oder Eckstoßvarianten entwickelt. Ich erinnere mich noch heute, mit welchem Eifer, mit welcher Freude diese zehn- oder elfjährigen Jungs bei der Sache waren. Schon damals gab es aber etliche Kritiker, die sagten, dass man solch junge Steppkes nicht in ein Schema pressen kann, dass man sie so konkrete Dinge nicht üben lassen sollte, weil man ihnen dadurch die Spielfreude nimmt. Ich aber behaupte: Wenn du Sachen nicht in Rollenspielen einstudierst, dann funktioniert es auch im Spiel nicht. Und wenn es im Spiel nicht funktioniert, dann macht es den Jungs auch keinen Spaß.

Ist das in England oder Italien anders?

Im europäischen Ausland etwa wird Kindern und Jugendlichen schon früh – und zwar kindgerecht – vermittelt, was Raumdeckung ist. Das wird heute in Ansätzen auch in Kinder- und Jugendmannschaften der Bundesligisten gemacht. Bei kleineren Vereinen, die in den unteren Klassen spielen, ist das aber anders. Dort verfügen die Trainer oft nicht über das Wissen, wie man kindgerecht ballorientierte Raumdeckung vermitteln kann.

Sie wünschen sich also für die Zukunft eine frühe Heranführung an Taktik und Systeme?

Absolut. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Als meine Söhne mit dem Fußball begannen, habe ich Spiele beobachtet, in denen die Trainer nur grob skizzierten, auf welcher Position die Kinder spielen sollten. Da hieß es etwa: »Ihr spielt hinten!« Ein paar smarte Jungs fragten dann nach: »Trainer, wo ist denn hinten, darf ich auch nach vorne?« Doch zumeist bewegten sich die Jungs nicht von der Stelle, sie überschritten nach solchen Vorgaben nicht mehr die Mittellinie. Wenn ich kleinen Kindern solche Anweisungen gebe, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sie im Leistungsbereich plötzlich an ihre Grenzen stoßen, weil sie überhaupt nicht verstehen, dass sich ein Stürmer auch im Spiel nach hinten beteiligen muss und sich der Verteidiger in die Offensive einschalten soll. Im Grunde sollte man die Kinder also genau das tun lassen, was sie tun möchten: Nämlich dorthin laufen lassen, wo der Ball ist. So lernt auch der defensive Spieler, offensiv zu agieren und umgekehrt.

Haben Sie eigentlich die Sorge, dass die Spieler, wenn sie im Profibereich mit den ausgefeilten Taktiken und Systeme ihrer Trainer konfrontiert werden, irgendwann kapitulieren?

Das hängt natürlich ganz entschieden davon ab, wie der Trainer sein Wissen vermittelt. Ich vergleiche den Trainerjob immer mit dem eines Dirigenten oder eines Regisseurs. Im Theater oder am Film-Set findet man solche, deren Arbeit man sofort erkennt, und auch solche, bei denen die Spuren der Arbeit eher unsichtbar bleiben. Einen Fellini-Film erkennt jeder Zuschauer an der spezifischen Handschrift – auch wenn die Schauspieler improvisieren und ihren Charakter selbst formen, übertragen sie seine Ideen, und denken sie im besten Fall noch weiter.

Bleiben wir in der Theatermetaphorik: Ein Trainer braucht also einen Protagonisten, einen verlängerten Arm, der die Ideen hauptsächlich trägt und gewissermaßen übersetzt?


Im Idealfall gibt es nicht nur einen. In meiner aktuellen Mannschaft habe ich drei, vier Spieler, mit denen ich regelmäßig und intensiv kommuniziere. Doch eigentlich ist es in einer Fußballmannschaft wie in einem Orchester: Jeder muss Verantwortung übernehmen. Und wenn nur einer falsch spielt, dann klingt das Ganze nicht mehr gut.

Was sagen Sie eigentlich zu der pessimistischen These, dass ein Spieler heute nur funktionieren muss?

Es kommt immer darauf an, wie man mit den Spielern umgeht. Wenn man sie nur als Befehlsempfänger sieht, wenn ich sie rund um die Uhr überwache, ihnen einzig die Rolle zuschreibe, reibungslos zu funktionieren, wie es oft in der Vergangenheit gemacht wurde, dann arbeiten sie auch wie Maschinen. Doch meine Idee einer guten Führung basiert auf Vertrauen und Kooperation. Ich kaue meinen Spielern nicht nur etwas vor, ich versuche sie mit ins Boot zu holen, ich lasse sie Teil haben an Entscheidungsprozessen. Nur wenn sie das Gefühl haben, auch Freiheiten zu genießen, auch bestimmte Charakterzüge und Stärken ausleben können, werden sie Fußball mit Leib und Seele spielen.

Wie gehen Sie mit Spielern um, die sich zu frei bewegen, Spielern, die den genialen Pass spielen können, sich einem Taktikgefüge aber per se verweigern?

Ich glaube nicht, dass es diese Spieler gibt. Denn sobald sich Erfolg einstellt, dann merken die Spieler, dass dieser auch auf bestimmten taktischen Grundüberlegungen beruht. In unserer aktuellen Mannschaft gibt es Spieler unterschiedlichster Herkunft, die, als sie nach Hoffenheim wechselten, nicht mal Deutsch sprachen. Doch sie haben unsere Spielweise verinnerlicht, sich in unser Gefüge eingepasst und gemerkt, dass es Erfolg verspricht. Und im Erfolg macht Fußball richtig viel Spaß.

Ist dieses Gefüge nicht per se instabil? Und wird es dadurch nicht unglaublich schwer, eine Taktikidee für alle gleichermaßen greifbar zu machen?

Das ist eine Kunst, das stimmt. Eine Kunst, die der Trainer von heute und von morgen aber beherrschen muss. Fußball ist vermutlich die Sportart mit der größten Gruppenheterogenität. Und diese Heterogenität beruht nicht nur auf den unterschiedlichen Sprachen, sondern auch auf ihrer sozialen Herkunft, ihrer Kultur, ihrer Bildung. Da gibt es den Studierten, den Spieler, der die Schule nach der vierten Klasse abgebrochen hat, den Spieler, der nicht lesen und schreiben kann, den Spieler, der aus gutbürgerlichem Haus kommt, und den, der aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt. So muss man mit der Mannschaft eine Sprache, einen Sprach-Code entwickeln, um erfolgreich zusammenspielen zu können. Man darf Taktiklehre daher niemals als reinen Wissenstransfer betrachten, sondern muss diese nachhaltig und einfühlsam zugleich in die Köpfe und Herzen der Spieler transportieren.

Würden Sie sich demnach überhaupt als rationalen Menschen bezeichnen?

Ich würde mich als sehr emotionalen Menschen beschreiben.

Ein alter Schulfreund sagte allerdings einmal über Sie: »Ralf Rangnick ist ein absoluter Perfektionist: Alles aufs I-Tüpfelchen genau geplant, nichts dem Zufall überlassen.« Kann man den Fußball überhaupt so rational planen? Und kann man das im Fußball: Den Zufall ausschließen?

Ausschließen kann man ihn nicht. Doch das Ziel eines jeden Trainers – egal in welcher Liga – ist es, den Faktor Zufall zu minimieren. Dazu gehört die präzise Spiel- und Trainingsanalyse genauso wie die tägliche Schaffung und Überprüfung idealer Trainingsbedingungen.

Momentan wird über die Anwesenheit von Fans beim Training diskutiert. Einige Vereine würden in Zukunft liebend gerne auf die Kiebitze verzichten.

Ich auch. Das ist im Grunde eine sehr groteske Diskussion, denn bei Theater- oder Orchesterproben würde auch niemand auf die Idee kommen, Öffentlichkeit zuzulassen und den Kritikern erlauben, vor der Premiere schon das Stück zu zerlegen und die Leistungen der Protagonisten in Frage zu stellen.

In England ist das anders.

In Italien oder England können es die Leute gar nicht glauben, was wir für Zustände haben. Niemand kann verstehen, dass es uns nicht möglich ist, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu trainieren. Arsène Wenger brachte es kürzlich auf den Punkt: »Das Trainingsgelände ist für den Trainer und die Spieler. Das Stadion für die Fans!«

Ist der Trainer demnach heute in Deutschland immer noch das viel zitierte schwächste Glied?

Ja. In Deutschland hat der Trainerberuf keinen hohen Stellenwert, weder in den Medien noch in der Gesellschaft. In Italien etwa ist das ganz anders, dort ist der Trainer der »Mister« – ganz egal, ob du dich mit dem Pizzabäcker unterhältst oder mit den Spielern am Trainingsgelände. Kommst du nach England, ist der Trainer der »Boss«. In Deutschland haben wir ein Imageproblem des Trainers. Inwiefern das jetzt gerechtfertigt ist, und es vielleicht sogar ein Qualitätsproblem gibt, ist im Grunde nebensächlich. Problematisch ist die offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber unserem Berufsstand vor allem bei Misserfolg.

Wie kann man das verhindern?

Dazu gehört auf jeden Fall auch ein gut funktionierender Trainerstab und vor allem ein professionelles Führungsteam, das den Trainer in prekären Situationen schützt und unterstützt. Es ist kein Wunder, dass ein Verein wie Werder Bremen so erfolgreich Fußball spielt. Dort setzt man seit Jahrzehnten auf Kontinuität und lässt sich von externen Störmanövern nicht verrückt machen. Diese uneitle und professionelle Unaufgeregtheit hilft in Krisenzeiten, schnell wieder die Kurve zu kriegen.

Zurück zur Taktik: Befassen Sie sich eigentlich mit historischen Systemen?

Als junger Trainer, Anfang der 80er Jahre, bin ich natürlich durch einige alte Systeme fußballerisch sozialisiert worden. Doch heute schaue ich mir Spiele von früher nicht an, um zu lernen, sondern eher zur Belustigung (lacht). Als Trainer sollte man sich immer am Status quo orientieren und von da aus weiter denken.

Wie kann man sich dieses Weiterdenken in Hoffenheim vorstellen?

Wir haben etwa einen hauptamtlichen Mitarbeiter, der sämtliche Champions League-Spiele und Länderspiele aufzeichnet und bestimmte Spielzüge und systematische Auffälligkeiten zusammenschneidet. Mit einer derartigen Weltstandsanalyse versuchen wir immer up-to-date zu sein.

Nehmen wir als Beispiel einmal das Champions League-Hinspiel Schalke gegen Barcelona: Welche Lehren konnten Sie in der Videoanalyse aus dieser Partie ziehen?

In diesem Spiel konnte man sehr schön erkennen, wie Barcelona bei eigenem Ballbesitz die ganze Fläche des Feldes nutzte. Das war der große Unterschied zu Schalke. Natürlich werden einige sagen, dass der FC Barcelona die besseren Individuellen im Team hat. Aber das führt ja nicht zwangsläufig zu einem erfolgreichen Spiel. Die Barca-Spieler sind einfach taktisch besser geschult. Analog dazu haben die Spieler der Premier League, die Fußballer von Arsenal oder Liverpool, den One-Touch-Fußball nicht automatisch im Blut, sie erlernen ihn dort systematisch – als Beispiel kann man Alexandr Hleb nennen. Diese Art, Fußball zu spielen, wird in verschiedenen Spielformen ständig trainiert und wiederholt. Natürlich erzielt man die besten Lernfortschritte mit solchen Spielern, die auch technisch dazu in der Lage sind. Aber mir kann niemand erzählen, dass wir in Deutschland nicht auch über solche Spieler verfügen.

Sind solche Videos Lernmaterial für den Trainerstab, oder zeigen Sie die Videos auch der Mannschaft?

Teilweise zeigen wir sie natürlich auch der Mannschaft. Wir versuchen zugleich, dieses Material mit Spielszenen unserer Mannschaft anzureichern, um Vergleichsmöglichkeiten zu haben. Wir zeigen in der Kabine keine Szenen, in denen ein Spieler von uns über den Ball tritt oder wegen eines Platz- oder Stockfehlers eine hochkarätige Chance versiebt. Ich rede mit dem Spieler darüber allerhöchstens noch mal unter vier Augen. Für mich ist Videoarbeit nach dem Spiel ein sehr wichtiges Mittel zur Leistungsoptimierung. Wir erörtern die Fragen: Was haben wir systematisch gut gemacht? Was haben wir systematisch nicht so gut gemacht?

Was haben Sie denn vor zehn Jahren, als Sie Trainer in Ulm waren, anders oder nicht so gut gemacht?

In Ulm haben wir unser Training so ausgerichtet, dass wir 70 Prozent gegnerischen und 30 Prozent eigenen Ballbesitz trainierten. Die Idee des Trainings bestand also darin, das Spiel gegen den Ball zu perfektionieren. Wir gingen davon aus, dass darin unsere einzige Chance besteht, die zweite Liga zu halten. Wir überraschten unsere Gegner durch diese Spielweise, denn damals spielten viele Mannschaften noch mit Libero und mit einem 3-5-2-System, in teilweise totaler oder bestenfalls zonengebundener Manndeckung.

Heute trainieren Sie vermutlich vermehrt den eigenen Ballbesitz.

Richtig. Und so war es auch auf Schalke. In dem Moment, in dem das Spiel zum Stehen kommt – und das ist meistens das Ziel unserer Gegner –, gibt es bei gut organisierten Abwehrreihen kein Durchkommen mehr. Deshalb müssen die Spieler lernen, stets ein hohes Tempo zu halten und versuchen, mit viel Bewegung Lücken zu reißen. Solche Situationen wird man in Zukunft, auch dank verbesserter Videotechnik, noch viel genauer vor- bzw. nachspielen können. Und wenn die Bilder zeigen, dass der ursprüngliche Plan nicht funktioniert hat, kann man daraus wieder neue Handlungsalternativen entwickeln.

Inwiefern wird sich Ihr Training in zehn Jahren von dem heutigen unterscheiden?

Es wird sich, wie in anderen Sportarten auch, nach dem Prinzip »höher, schneller und weiter« entwickeln. Raum und Zeit, die den Spielern zum Handeln zur Verfügung stehen, werden in Zukunft noch geringer werden. Erinnern Sie sich doch nur an die WM 1954 oder 1966: Da stand etwa Garrincha einem Abwehrspieler gegenüber und keiner von beiden bewegte sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle – es sah aus wie bei einem Standbild. Heute, 42 Jahre später, ist das Spiel um ein Vielfaches dynamischer geworden. Doch wird es kaum so sein, dass in 50 Jahren die Entwicklungen einen ähnlich großen Schritt gemacht haben werden wie von 1966 bis heute. Die Entwicklungssprünge werden kleiner, denn man befindet sich in vielen Bereichen heute schon auf einem hohen Level.

Abzusehen ist aber, dass die Defensive weiter gestärkt wird.

Das mag sein. Die Defensivspieler werden auf jeden Fall athletischer und technisch noch versierter spielen. Man merkt ja schon heute, dass die Defensive mitunter einen höheren Stellenwert als früher genießt. Vor zehn Jahren wäre es jedenfalls noch undenkbar gewesen für einen Abwehrspieler 30 oder 40 Millionen Euro zu bezahlen, dafür hätte man aber andererseits von einem entsprechend teuren Stürmer in den seltensten Fällen auch nur einen Funken Abwehrarbeit verlangt.

Wird es gravierende Regeländerungen geben?

Ich kann mir vorstellen, dass durch die simple Vergrößerung der Fußballtore, der durch die Entwicklung der Defensivstrategien und der athletischen Fähigkeiten der Spieler sich abzeichnenden Verringerung der Torerfolge im Fußball entscheidend und sprunghaft entgegengewirkt werden könnte. Als Maßstab für die Vergrößerung der Torabmaße wäre die Entwicklung der durchschnittlichen Körperlänge der Torhüter von heute – also circa 1,90 Meter – im Vergleich zum Zeitpunkt der Festlegung der ursprünglichen Regeln zu Anfang des letzten Jahrhunderts – circa 1,70 Meter – heranzuziehen. Daraus ergäben sich dann Tore, die etwa einen Meter breiter und 30 Zentimeter höher sind. Das bedeutet zumindest, dass jeder Pfosten- und Lattenschuss von heute dann ein Treffer wäre.

Wird es den Videobeweis geben?

In zehn Jahren werden wir vermutlich nicht mehr über den Videobeweis diskutieren, sondern uns über die aktuelle Diskussion nur amüsieren. Auch wenn sich heute noch ein paar Traditionalisten dagegen wehren, die nächste Generation bei der FIFA wird ihn einführen. Dass der Fußball dadurch an Spontaneität verlieren würde, glaube ich überhaupt nicht, denn in anderen Ballsportarten wird er seit Jahren reibungslos angewandt. Wenn man in allen Stadien für standardisierte Kameravoraussetzungen sorgt, sollte es doch möglich sein, den Spielfluss davon unberührt zu lassen. Ich bin mir sicher: In zehn Jahren werden wir über die aktuelle Diskussion herzlich lachen.


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