30.12.2008

Ralf Rangnick über Taktik

»Es gibt Nachholbedarf«

Als er einst im »Sportstudio« die Taktik eines Spiels analysierte, wetterten die Traditionalisten. Heute gilt Ralf Rangnick als Vordenker. Wir sprachen mit ihm über alte Helden, den Fußball von morgen und Louis de Funès.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Herr Rangnick, für viele ist Fußball immer noch das einfachste und banalste Spiel der Welt. Ist es das wirklich: einfach und banal?

Ich weiß nicht, warum Fußball einfach sein soll. Vielleicht empfindet es die Allgemeinheit aufgrund der recht simplen Regeln so. Vielleicht liegt diese These auch darin begründet, dass viele Menschen in Deutschland mit Fußball groß werden – in Sportvereinen oder auch in der Schule – und daraus ableiten, dass sie das Spiel en detail verstehen.



Sie würden demnach sagen, die Fanperspektive ist eine ganz andere als die des Trainers?

Ja. Ich glaube jedenfalls nicht, dass der normale Fernsehzuschauer die ganze Komplexität eines Fußballspiels fassen kann.

Als Sie vor zehn Jahren im »Aktuelle Sportstudio« die Taktik eines Spiels erklärten, wurden Sie – etwas abschätzig – »Fußballprofessor« genannt. Während der WM 2006 durfte Jürgen Klopp jeden Tag erklären, wer wie steht und läuft. Wieso ist es heute populär, über Taktik zu sprechen?

In Deutschland haben wir einen riesigen Nachholbedarf auf dem Gebiet der Taktiklehre. Deutsche Trainer – auch wenn Herberger seine kleinen Geheimnisse hatte – waren nie als große Taktik-Strategen bekannt. Die gewonnenen Weltmeisterschaften basieren auf Kampfkraft und mitunter auf dem individuellen Können der Spieler. Das Finale von 1974 ist das beste Beispiel: Rinus Michels war der »General«, und die holländische Mannschaft galt als die Vorzeigemannschaft Europas. Auf der anderen Seite standen Helmut Schön und Franz Beckenbauer, der für die nächsten 25 Jahre eine eigene Position, den Libero, kreierte. Doch Schöns Mannschaft gewann – vor allem durch ihren Siegeswillen.

Man spricht ja auch gerne von der »Turniermannschaft Deutschland«.

Richtig. Doch wer spricht heute davon, wie eine deutsche Mannschaft mit einer cleveren Taktik ein Spiel oder gar ein Turnier gewann?

Denken Sie heute, dass Ihre Ausführungen im »Sportstudio« diese recht einfache Fußballidee, die man in Deutschland bis in die späten 90er Jahre hatte, verkomplizierte?

Ja, vielleicht. Als wir ein Jahr nach dem Auftritt im »Sportstudio«, 1999, mit dem SSV Ulm aufstiegen, gab es in beiden Bundesligen gerade mal eine Handvoll Mannschaften, die mit kompletter Raumdeckung und Viererkette spielten. Heute wird es als selbstverständlich gesehen, dass es kaum noch Spieler gibt, die einzig für die Manndeckung abgestellt werden. Man redet darüber, als ob es immer so gewesen wäre. Dabei waren andere Länder schon 1999 auf dem Stand, auf dem wir heute sind. In Italien, Spanien, England, Frankreich oder selbst der Schweiz hätte mein »Sportstudio«-Auftritt vor zehn Jahren jedenfalls nur ein gelangweiltes Gähnen verursacht.

In Deutschland schlugen Ihnen aber Wellen der Antipathie entgegen.

Vermutlich weil ich damals noch ein relativ junger Trainer war. Doch die Reaktionen waren nicht alle so negativ, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wurden. Ich habe zahlreiche zustimmende E-Mails und Briefe erhalten. Die, die sich am meisten erregten, waren Trainer der alten Garde, Traditionalisten, die Angst vor Neuerungen hatten. Mir war damals, als junger Trainer, noch nicht bewusst, wie empfindlich die Branche ist.

Meinen Sie, dass die Veränderungen im Taktikbereich, die sich in den folgenden Jahren vollzogen, für viele ältere Trainer – eine Zeitung nannte sie einst »Die Kinder der Bundesliga« und meinte etwa: Ribbeck, Lorant oder Köppel –, das Aus bedeuteten?

Nein. Ich denke auch, dass Offenheit für neuere Methoden und Tendenzen nichts mit dem Alter zu hat. Otto Rehhagel ist für mich das beste Beispiel: Er hatte immer ein exzellentes Verhältnis zu seinen Spielern. Er ist vielleicht nicht der große Systematiker oder der Vordenker einer neuen Taktikschule, doch er hat ein ganz klares Bild, wie sein Spiel aussehen soll und wer die Protagonisten für sein Spiel sein können. Rehhagel hat es immer wieder geschafft, seine Ideen in die Köpfe der Spieler zu bekommen. Bei seinen Spielern hat man nie das Gefühl, dass sie nur den Spruch »Geht raus und spielt Fußball« mit auf den Weg bekommen, sondern dass sie einen richtigen Plan in der Tasche haben, wenn sie das Feld betreten.

Hat ein Trainer in Zukunft überhaupt noch eine Chance, wenn er wenig Ahnung von Trainingslehre hat? Frank Pagelsdorf erzählte einst, dass Kalli Feldkamp die Spieler mit Ansagen wie »Seht ihr da hinten den Baum? Hinlaufen!« über den Trainingsplatz schickte. Die Stimmung sei allerdings blendend gewesen.

Es geht ja nicht bloß um die Vermittlung von Taktik und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Einerseits ist es wichtig, eine genauen taktischen Plan, eine konkrete Vorstellung zu haben, wie die Mannschaft spielen soll. Andererseits – und das ist mindestens genauso wichtig – muss man diesen Überzeugungstransfer emphatisch leisten, also Fußball lehren können. Nun gibt es viele Trainer, die im Bereich Coaching unglaublich gewieft sind, die großartig motivieren und kommunizieren können, die aber nicht diesen konkreten Plan im Kopf haben. Andererseits gibt es Trainer, die ein unglaublich hohes Fachwissen in Taktik- und Trainingslehre haben, doch diesen Plan gar nicht richtig transportieren können. Eine Mischung aus beidem macht den guten Trainer aus.

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