29.03.2007

Ralf Rangnick im Interview

„Schalke war sehr bitter für mich“

Im neuen 11FREUNDE-Heft analysieren wir den schönsten, schlimmsten Job der Welt – den Trainerjob. Hier berichtet Ralf Rangnick von den Hoffnungen und Enttäuschungen, die ihn durch seine Karriere begleiteten.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago


Sie haben in der Bundesliga beim SSV Ulm, Hannover 96, dem VfB Stuttgart und Schalke 04 gearbeitet. Mit welchen Forderungen gehen Sie als Trainer in die ersten Gespräche mit diesen Klubs?

Das kommt ganz auf den Verein und die Situation an. Optimal ist es, wenn ich – wie jetzt in Hoffenheim – meinen Mitarbeiterstab selbst bestimmen kann und am Aufbau einer Mannschaft beteiligt bin. Schwieriger wird es wie bei Schalke, wo ich in einer Notsituation mitten in der Saison verpflichtet wurde.

Wie sind Ihre finanziellen Forderungen an einen Verein?

Die finanziellen Rahmenbedingungen müssen natürlich stimmen. Diese Gespräche haben bei mir aber nie lange gedauert. Ich feilsche nämlich weniger beim Geld als beim Personal. Bei Schalke war meine Bedingung, dass Mirko Slomka mein Co-Trainer wird. Mit ihm hatte ich bereits über Jahre hinweg gearbeitet.

Beendet haben Sie ihr Engagement auf Schalke mit einer Ehrenrunde...

...die so überhaupt nicht geplant war. Ich habe mich am nächsten Tag schon an den Kopf gefasst. Einen Tag vor dem Spiel gab ich bekannt, dass ich den Vertrag auf Schalke nicht verlängern werde. Normalerweise wirst du dann von den Fans ausgepfiffen. In meinem Fall gab es jedoch Sprechchöre und Applaus. Der Moment hat mich emotional so berührt, dass ich einfach zu den Fans musste.

Danach wurden Sie direkt beurlaubt. Was empfindet ein Trainer im Moment des Rauswurfs?

Schalke war sehr bitter für mich. Ich hätte nie mit diesen Konsequenzen gerechnet, da das Verhältnis zwischen mir und der Mannschaft intakt war. Anders in Hannover 2004. Dort war mir bereits aufgrund der Entwicklungen in der Führungsetage bewusst, dass meine Zeit bald ablaufen würde. Die Chemie zwischen Trainerstab und Vereinsführung stimmte nicht mehr.

Wie gehen Sie in den Wochen vor dem Rauswurf mit dem Stress um?

In solchen Phasen sollte man auf jeden Fall dafür sorgen, dass man Ablenkung hat. Enorm wichtig ist eine Nebenidentität fernab des Fußballzirkus. Das kann die Familie sein oder auch ein zweites geschäftliches Standbein. Ist dies nicht der Fall und der Fußball wird zum einzigen Lebensinhalt, ist die Gefahr groß, im Falle des Scheiterns in ein Loch zu fallen.

Wie war es bei Ihnen?

An meinem Rauswurf in Stuttgart hatte ich lange zu knabbern. Mein Selbstvertrauen war angeknackst, und ich überlegte, was ich falsch gemacht hatte. In Hannover wusste ich, dass es nicht an mir lag. Unter meiner Führung kam der Verein schließlich in die 1. Liga, was danach ablief, fiel nicht mehr in meinen Zuständigkeitsbereich. Schalke war die emotional schwierigste Trennung, da ich dort eigentlich längerfristig arbeiten wollte.

Wie regelt ein Trainer die Situation der Beurlaubung? Rufen Sie als erstes Ihren Rechtsanwalt an, damit wenigstens mit der Abfindung alles glatt geht?

Sicher nicht. Der Vertrag muss so gestaltet sein, dass alle denkbaren Abfindungsszenarien schon vorher geregelt sind. In Hannover war ich aufgrund der Tatsache, dass dort zuvor viele Trainer entlassen wurden, auf diesen Fall gut vorbereitet.

Beim VfB Stuttgart hatten Sie ihre Probleme mit Starspieler Krassimir Balakov. Fällt es Ihnen schwer, mit Stars umzugehen?

Die Motivation der Topspieler ist Erfolg. Solange du das als Trainer befriedigen kannst und ihnen hilfst, noch mehr aus sich heraus zu holen, wird es mit keinem Star Probleme geben.

Und dennoch gibt es Spieler, die als unführbar gelten.

Das würde ich so nicht sagen. Es gibt Spieler, die bei der Bildung eines gefestigten Mannschaftsgefüges hinderlich sind. Von denen muss sich ein Trainer trennen. Besser gesagt trennen können. In Stuttgart hat mir das Präsidium diese Möglichkeit nicht gegeben.

Was meinen Sie damit?


VfB-Präsident Mayer-Vorfelder hat später einmal gesagt, er habe in der Politik so viele Konflikte austragen müssen, dass er zumindest im Fußball Harmonie erleben wollte. Wenn ein Spieler dann einen Machtkampf mit dem Trainer anzettelt und sich der Präsident nicht unmissverständlich hinter den Trainers stellt, kann es, wie in meinem Fall beim VfB, für den Coach gefährlich werden. Zumal, wenn die Zuschauer den Star im Team sehen wollen.

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