04.08.2008

Ralf Rangnick im Interview

»Darwin funktioniert so«

Nun sperren Sie mal alle die Ohren auf – hier gibt es was zu lernen. Trainer Ralf Rangnick über Darwin, das Image von Aufsteiger Hoffenheim, Taktik im Fernsehen und seinen Lehrmeister Lobanowski.

Interview: Moritz Kielbassa und Christof Kneer Bild: Imago
Ralf Rangnick im Interview
Herr Rangnick, im Dezember 2005 haben Sie sich mit Ihrer berühmten Schalker Ehrenrunde aus der Bundesliga verabschiedet. Jetzt sind Sie mit Hoffenheim zurückgekehrt. Spüren Sie Genugtuung?

Genugtuung nicht. Ein bisschen Stolz vielleicht.



Auch Ihre Themen sind plötzlich sehr präsent. Man hat den Eindruck, dass hierzulande noch nie so viel über Taktik geredet wurde wie jetzt bei der EM. 1998, als Sie im Sport-Studio an der Tafel die Viererkette erklärten, wurden Sie noch als »Professor« verspottet.

Die Zeit war noch nicht reif für diese Dinge. Mein ZDF-Auftritt war ja inhaltlich im Grunde trivial. In Holland, Italien oder Schweiz hätte ich damals nur ein müdes Gähnen geerntet.

Hierzulande aber wurde noch über deutsche Tugenden geredet.

Und ich war ein junger Trainer. Ich kannte die Be- und Empfindlichkeiten der Branche noch nicht. Das Echo war damals zu 95 Prozent positiv, selbst meine Frau sagte: Super, jetzt habe ich das mit dieser Viererkette auch verstanden. Aber erfahrene Trainerkollegen haben gesagt: Was will der denn? Gerade mit Ulm aus der Regionalliga aufgestiegen - und will uns den großen Fußball erklären.

Sie würden das nicht nochmal tun?

Später dachte ich mir: Du warst ja blöd, deine Taktik im Fernsehen zu verraten. Damals gab es erst wenige Mannschaften in Deutschland, die Raumdeckung spielten: In der ersten Liga nur Gladbach - und Freiburg, mit Abstrichen, selbst Volker Finke sprach ja noch von »Manndeckern«. Heute ist es en vogue, die taktischen Hintergründe des Spiels zu zeigen. Dabei hilft die moderne Technik. Ich hatte in Ulm zwar auch schon einen Videomann, aber wir haben alles selbst geschnitten. In Hoffenheim haben wir jetzt einen hauptamtlichen Videoanalytiker.

Sie waren kein Fußballprofi, der eine große Karriere vorweisen kann. Sind Sie als Trainer ein Autodidakt?

Kann man so sagen. Ich habe während des Sportstudiums in den Semesterferien einen Trainerschein nach dem anderen gemacht. Mit 25 wurde ich Spielertrainer in Backnang und ging zum Fußballlehrer-Lehrgang - wo ich nach vier Wochen ziemlich frustriert war. Ich wollte dazulernen, aber in vielen Fächern hätte eigentlich ich der Referent sein müssen. Ich hatte an der Uni schon viel mehr gehört als beim Lehrgang vermittelt wurde.

Die Schlüsselerlebnisse kamen in der Praxis?

1984 hatten wir mit dem Backnang ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Kiew, mit dem alten Lobanowski als Trainer, mit Blochin, Michailitschenko, im Februar, gefrorener Platz. Nach zehn Minuten, als der Ball im Aus war, habe ich mal durchgezählt: Sind die etwa einer mehr? Hier stimmt doch was nicht! Es waren elf gegen elf, aber es gab keine Sekunde auf dem Platz, wo wir in Ruhe den Ball annehmen konnten. Ständig haben die uns zu zweit, zu dritt attackiert. Da spürte ich zum ersten Mal: Das ist eine andere Art von Fußball.

Verschieben, aggressiv pressen und nach der Balleroberung, wenn möglich, schnell und steil in die Spitze passen: So spielt Hoffenheim. Und so spielen heute fast alle modernen Topmannschaften.

Genau. Damals bin ich jeden Tag nach Stuttgart-Ruit gefahren und habe mir das Trainingslager von Kiew angeschaut. Später habe ich mit meinem Freund Helmut Groß jedes Spiel von Arrigo Sacchis AC Mailand in alle Einzelteile zerlegt. Du musstest als deutscher Trainer damals schon im Ausland schauen, wo sonst hättest du was erfahren?

Auch heute gelten Sie und ihr Expertentam in Hoffenheim als intellektuelle Vorreiter. Betreiben Sie wirklich, wie es oft heißt, ein »Fußball-Labor«?

Das klingt mir zu klinisch, zu technokratisch. Fußball funktioniert überall gleich: zu allererst über Emotionen, Kommunikation und Respekt. Auch in Hoffenheim macht der Ton die Musik, wie in einer Großfamilie. Sonst schaffst du nicht zwei Aufstiege in zwei Jahren.


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