29.03.2007

Ralf Rangnick im Interview

„Schalke war sehr bitter für mich“

Im neuen 11FREUNDE-Heft analysieren wir den schönsten, schlimmsten Job der Welt – den Trainerjob. Hier berichtet Ralf Rangnick von den Hoffnungen und Enttäuschungen, die ihn durch seine Karriere begleiteten.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Ralf Rangnick, was ärgert Sie an Ihrem Beruf als Trainer?

Ich liebe meinen Job. Was mich stört ist die Art und Weise wie mit Trainern in
Deutschland umgegangen wird.

Wie meinen Sie das?


Zwei Beispiele: In England sind im Vorjahr drei Trainer entlassen worden. Alle drei waren zuvor fünf Jahre für ihren Verein tätig. In Bielefeld wird Frank Geideck zunächst zum Cheftrainer befördert und nach drei Wochen wieder zum Co-Trainer zurückgestuft, obwohl der Verein ihn, seine Philosophie, seinen Charakter und seine Strategie seit zwölf Jahren kennt. Da zeigt sich, wie unterschiedlich der Stellenwert unseres Berufsstandes angesehen wird. Ich habe durch meine Hospitanzen beim FC Arsenal, Ajax Amsterdam und beim AS Rom die Unterschiede persönlich kennen gelernt. Der Respekt, der in anderen Ländern dem Fußball-Fachmann und damit dem sportlichen Leiter entgegengebracht wird, ist viel, viel größer. Der Satz von Leverkusens Vorstand Wolfgang Holzhäuser, „Trainer sind nur eine temporäre Erscheinung“, zeigt eine Despektierlichkeit, mit der vor allem in Deutschland unserem Berufsbild begegnet wird. Unter diesem Mangel an Respekt ist beispielsweise auch Giovanni Trapattoni verzweifelt, als er seine legendäre „Flasche-Leer“-Rede hielt.



Wie könnte Ihre Lebensqualität als Fußballtrainer in Deutschland gesteigert werden?

Der Vorstand bestimmt den Kurs eines Vereins. Also muss er sich seine Philosophie überlegen und sich einen Trainer holen, der diese Philosophie umsetzt und dafür verantwortlich ist. So ist es zum Beispiel in England, wo die Trainer Teammanager heißen und sämtliche sportliche Entscheidungen treffen, auch, welche Spieler verpflichtet werden. Da in Deutschland nur wenige Präsidien eine solche Philosophie haben, lassen sie sich vom Tagesgeschäft leiten, von direkten Ergebnissen, von finanziellem Druck, geraten aus Unsicherheit in Panik und fühlen sich zum Handeln verpflichtet. Da ist es immer die einfachste Lösung – aber längst nicht immer die beste oder richtige, wie Statistiken belegen – den Trainer zu feuern. Selbst die Medien haben einen ungesund großen Einfluss.

Aber die Medien sind die Schnittstelle zwischen Verein und Öffentlichkeit.

Natürlich. Die Medien sind der größte und beste Multiplikator. Aber das heißt ja nicht, dass sich Vereinsvorstände von den Medien diktieren lassen müssen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Sie müssen eigene Stärken und Philosophien entwickeln, diese multiplizieren lassen und standhaft vertreten. Mir scheint es in Deutschland oft so, als bestimmten die Medien die Philosophie und Politik eines Vereins mit.

Das ist im Ausland anders?

In den starken Ligen wie in Italien oder England sicher. Ein Beispiel: Als Fabio Capello Trainer in Rom war, stellte er sich lediglich einmal die Woche, jeweils zwei Tage vor dem Spiel, den Medienvertretern. Die Zeit der Pressekonferenz war auf 20 Minuten begrenzt. Als diese Zeit um war, stand Capello mitten in der Frage eines Journalisten auf und verließ den Saal. Den einzigen, den dieser Umstand verwunderte, war ich. Die Pressevertreter nickten verständig und verließen leise den Raum. In Deutschland wären die ersten bösen Zeilen gegen den Trainer schon geschrieben gewesen, bevor der die Tür hinter sich zu gemacht hätte. Das zeugt von Respekt, der dem Trainer entgegengebracht wird und von Akzeptanz, dass die Vereine die Philosophie vorgeben. Die lassen sich nichts diktieren.

Wie gehen Sie nach all den Jahren als Trainer mit den Medien um?

Mir ist durchaus bewusst, dass ich ein gewisses Bedürfnis nach Informationen zu stillen habe. Wenn mir darüber hinaus etwas wichtig erscheint, was in einem falschen Bild dargestellt wurde, gehe ich auch mal in die Offensive. Aber ich habe gelernt, einige Berichte auch einfach zu ignorieren.

Wie wichtig ist die PR-Arbeit für einen Trainer?

Als ich 1981 meinen Trainerschein machte, musste ich mich mit diesen Dingen noch gar nicht beschäftigten. Heute haben die Trainer in ihrer Ausbildung Rhetorik-Kurse, die sie im Umgang mit den Medien schulen. Aber dieser Teil der Ausbildung kommt immer noch viel zu kurz. Schließlich wird die Wahrnehmung als Trainer in der Öffentlichkeit von den Medien bestimmt. Ich habe deshalb einen PR-Berater, der mir in diesen Angelegenheiten hilft.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden