Ralf Minge im Interview

»Hochmut kommt vor dem Fall«

Zur neuen Saison wird die 3. Liga eingeführt. Was bedeutet das für die Vereine? Wir sprachen mit Ralf Minge, Sportdirektor bei Dynamo Dresden, über Existenzängste, Geld, das Tore schießt, und die Sehnsucht nach der Bundesliga. Ralf Minge im InterviewChristoph Buckstegen
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Herr Minge, nächstes Jahr führt der DFB die 3. Profiliga ein. Welche Vorteile sehen Sie dadurch für Dynamo Dresden?

Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts - nach einem Jahr werden wir schlauer sein, wie diese neue Liga angenommen wird. Die Intention des DFB ist klar: Man möchte Qualität noch einmal bündeln, der Schwellentritt zur 2. Bundesliga soll verkleinert werden. Ich muss dazu allerdings sagen, das sportliche Niveau in der Regionalliga Nord ist immer schon sehr hoch gewesen, man konnte nicht eben mal so in die 2. Bundesliga aufsteigen. Es treten jede Saison eine Vielzahl ambitionierter Vereine an, von denen jeder den Aufstieg anpeilt.

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Welche Erwartungen haben Sie an diese 3. Liga? Oder sagen Sie, das interessiert mich alles gar nicht, ich will in die 2. Liga?

Nein, nein. Hochmut kommt vor dem Fall. Wir dürfen uns auf keinen Fall nur oberflächlich mit dem Thema »3. Liga« beschäftigen. Wie gesagt, man muss nächste Saison sehr gut aufgestellt sein, um an der Tabellenspitze ein Wörtchen mitreden zu können.

Viele Vereine sagen, der DFB hätte mit der Einführung der 3. Liga noch eine Spielzeit warten sollen, wenn der neue Fernsehvertrag ausgehandelt gewesen wäre.

Damit muss man jetzt leben. Die Rahmenbedingungen für die nächste Saison stehen und die müssen wir auch so akzeptieren. Ich gehe davon aus, dass, wie bei jedem neuen Produkt, noch die ein oder andere Kursänderung durchzuführen ist - oder Möglichkeiten ausgelotet werden, wo man das Produkt noch besser platzieren könnte.

Sind die 625.000 Euro, die jeder Drittligist aus der Fernsehvermarktung bekommen wird, gegenüber den 5 Millionen Euro, die ein Zweitligist aus der Fernsehvermarktung bekommt, denn angemessen?

Wirtschaftlich gesehen, bleibt der Sprung von der 3. zur 2. Liga weiterhin groß. Gegenüber der jetzigen Saison ist die Einnahmesituation so viel besser nicht geworden. Man muss abwarten, wie die Liga als solches angenommen wird, und wie die Reaktionen der überregionalen Sponsoren ausfallen.

Wie fühlen Sie sich aktuell im Fernsehen präsentiert?

Das Spiel Dynamo Dresden gegen Union Berlin wurde vom RBB live übertragen. Der Markt ist bei uns da - es wird sich in Zukunft zeigen, wie das rechtlich umsetzbar ist. Wir haben mit den erhöhten Fernsehgeldern eine Verbesserung der jetzigen Situation - aber ein wirtschaftlicher Quantensprung ist das nicht.

Gibt es schon Planspiele, wie hoch der Etat von Dynamo Dresden in einer 3. Profiliga sein könnte?

Wir haben diese Saison einen Etat von ca. 6 Millionen Euro, der sich auch bei einem Verbleib in der 3. Liga nicht erhöhen würde. Wir müssen realistisch sein. Es gibt in der Umsetzung der 3. Liga immer noch Unwegbarkeiten, die man nicht zu optimistisch betrachten darf.

Um an der 3. Liga teilnehmen zu können, müssen die Vereine verschiedene Auflagen erfüllen, beispielsweise muss das Stadion mindestens 10.000 Zuschauer fassen, ein Nachwuchsleistungszentrum muss gestellt werden. Wie gehen Sie derzeit mit diesen Auflagen für eine Teilnahme an der 3. Liga um?

Das Stadion wird zur Zeit umgebaut, da werden wir im nächsten Jahr eine Übergangsregelung finden, und dann sind wir mit der Infrastruktur gut aufgestellt. Alle anderen Auflagen erfüllen wir bereits. In einer sehr schwierigen Zeit haben wir damals mit der Ulf-Kirsten-Stiftung und mit Unterstützung der Stadt ein Nachwuchsleistungszentrum aufgebaut. Dynamo Dresden ist also in allen Teilbereichen Richtung Profifußball ausgerichtet.

Sie fühlen Sie sich demnach ausreichend unterstützt vom DFB?

Die Hausaufgaben muss jeder Verein selbst machen - die kann ja nicht der DFB machen. Wir müssen planerisch so aufgestellt sein, dass wir auf sicheren Beinen stehen. Wir schleppen bekanntermaßen noch ein paar Probleme aus der Vergangenheit mit uns rum. Der DFB kennt unsere Probleme im Zusammenhang mit dem Stadionneubau und mit unserer kleinen Randgruppe an gewaltbereiten Fans, die uns sicherlich ein Image gebracht haben, was nicht der Realität entspricht. Wir gehen offen und ehrlich damit um. Es wird nichts kaschiert oder verschönert. Wir sehen den DFB als unseren Partner.

Manche Vereine sagen, sie hätten sich lieber die DFL als den DFB als Partner für die 3. Liga gewünscht.

Das Thema ist jetzt erst einmal vom Tisch - und es ist ja auch nicht so, dass diese zwei Verbände autonom existieren. Es wird immer wieder Schnittstellen geben, wo auch die 3. Liga von der DFL partizipieren kann.

Sie haben es als Profi selbst erlebt: Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Erst- und Zweitligafußball und Drittligafußball?

Das regelt ganz automatisch der Markt, wir haben einfach andere wirtschaftliche Vorraussetzungen als die Großen. Ich sage es mal ganz sarkastisch: In der 3. Liga ist alles eine Nummer kleiner - die Spieler, die Stadien und die Manager. (lacht) Otto Rehhagels »Geld schießt keine Tore« ist da immer nur die halbe Wahrheit. Mit einer wirtschaftlich verbesserten Ausgangsposition sind wir natürlich auch in der Lage, eine ganz andere sportliche Leistung abzuliefern.

Um nächstes Jahr überhaupt in der 3. Liga spielen zu können, muss Dynamo Dresden diese Spielzeit unter den ersten Zehn abschließen. Was passiert mit dem Verein, sollte die Mannschaft »nur« Elfter werden?

Der Strich unter Platz 10 hat fast existenzielle Bedeutung - da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Es wird sich auf alle Bereiche auswirken, wenn du am Ende der Saison unter dem Strich stehst. Man wird in eine Situation geraten, in der man Profifußball nur noch sehr schwer leben und umsetzen kann.

Gelten die Verträge der Spieler ausschließlich für die dritte Liga?

Das ist unterschiedlich. Aber wir müssen realistisch damit umgehen: In der Regionalliga hätten wir eine vollkommen neue Einnahmesituation als in der 3. Liga. Einen Großteil der Spieler könnten wir dann mit Sicherheit nicht mehr halten.

In Dresden müssen sich die Verantwortlichen zur Zeit also auf vier verschiedene Ligen vorbereiten?

Es wäre grob fahrlässig, wenn man im stillen Kämmerlein nicht die verschiedenen Wege ausloten würde und am Ende nicht auf alles vorbereitet wäre.

Wie würden sich die Sponsoren bei einem möglichen Abstieg in die 4. Liga verhalten?

Wir waren immer in der glücklichen Lage, dass uns die regionalen Sponsoren die Stange gehalten haben - natürlich mit einem differenzierten Engagement je nach Spielklasse. Das hoffen wir jetzt auch wieder.

Herr Minge, ist es eigentlich sehr bedauerlich, dass die 3. Liga nicht »3. Bundesliga« heißen wird?

Wir sind nun mal keine Bundesliga. (lacht) 1. und 2. Liga sind Premiumprodukte. Die Gesellschaft ist elitär ausgerichtet - und wir sind nun mal nicht die Elite. Wir freuen uns irgendwann, wenn wir mal wieder das Bundesliga-Logo auf dem Ärmel haben.

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