Rale Rasic, Australiens erster WM-Trainer

»Ein Haufen undisziplinierter Jungs«

Rale Rasic ist im australischen Fußball noch immer eine Legende. Weil er die »Socceroos« 1974 zu Ihrer ersten Weltmeisterschaft führte. Hier erzählt er davon.

Rale Rasic, ihre früheren Spieler nennen Sie heute noch immer mit Ehrfurcht »The Boss«. Was macht Sie zum Boss?
Meine Zeit beim Militär hat mich geprägt, genauso wie meine Kindheit im Waisenhaus. Ich habe meine Eltern im Zweiten Weltkrieg verloren und meine Geschwister erst kennengelernt, als ich schon erwachsen war. Die Militärausbildung und das Waisenhaus - das beides hat mich zum Mann gemacht. Sie glauben nicht, was ein menschlicher Körper alles aushalten kann. Wir sind bei Minus 15 Grad zu dem nahe gelegenen Fluss, um uns dort zu waschen, weil das unsere einzige Möglichkeit der Körperpflege war. Sie haben von uns nicht nur absolute Ordnung auf unseren Zimmern verlangt, wir mussten in der Schule, im Sport oder auch im Schach die Besten sein. Diese Disziplin, die ich im Waisenhaus beigebracht bekommen habe, hat sich für mich als magisch erwiesen. Es war die Hölle und gleichzeitig großartig für meine Entwicklung und für meine Arbeit.

Das hört sich so an, als sei diese besondere Art aufzuwachsen durchaus eine Triebfeder für ihren späteren Erfolg besonders als Trainer gewesen. Immerhin waren Sie der erste Coach, der die Nationalmannschaft Ihrer Wahlheimat Australien zu einer Weltmeisterschaftsendrunde geführt hat.
Sicherlich wird das ein Grund gewesen sein. Meine Arbeit als Trainer ist vollständig um die Erfahrungen meines Lebens herum konstruiert gewesen - und die Essenz dieser Erfahrungen ist totale Disziplin. Natürlich war Disziplin nicht der einzige Faktor, als es darum ging, sich für die Endrunde zu qualifizieren.

Sondern?
Australien ist ein Land, das von vielen Einwanderern geprägt ist. Ich musste damals mit sechs vor allem kulturell unterschiedlichen Nationalitäten zurecht kommen und aus ihnen eine Einheit formen. Man muss so eine Gruppe managen können, und das ist nicht einfach, glauben Sie mir. Ich bin auf einen Haufen undisziplinierter Jungs getroffen. Den Alkohol habe ich als Erstes gestrichen (lacht). Auch das zeitige zu Bett gehen war ihnen eher fremd. Bei meinem Vorgänger haben sich die Spieler überhaupt nichts sagen lassen. Das hat sich unter mir aber schnell geändert. Es war der Anfang von Professionalität im australischen Fußball. Ich habe auch angefangen, mit Psychologie zu arbeiten, also menschliches Verhalten mit meiner Mannschaft zu analysieren. Am Anfang haben sie gedacht, ich wäre irre.

Offenbar haben Sie den Burschen eingeimpft, dass Talent alleine nicht reicht. Wie sonst hätten sie den Qualifikationsmarathon für die WM 1974 in Deutschland überstehen sollen?
Allerdings. Um zur WM zu fahren, mussten wir nicht nur ozeanischer Meister werden. Wir mussten auch die beste Mannschaft Asiens und des Mittleren Westens werden.

Im Halbfinale der Qualifikationsrunde mussten sie den Iran schlagen, und ihre nicht sehr erfahrenen Spieler vor 120.000 fanatisch brüllenden Anhängern in Teheran bestehen. Das hört sich nicht gerade wie ein lustiger Mannschaftsausflug an.
Es war heiß, es war laut und es war in diesem Stadion wirklich etwas beängstigend. Das Hinspiel hatten wir glücklicherweise mit 3:0 gewonnen. Wir mussten also zusehen, dass wir in diesem Hexenkessel nicht untergehen. Tja, nach 25 Minuten führten die Iraner mit 2:0, es sah überhaupt nicht gut für uns aus. Glücklicherweise hatte ich bei meinen Wechsel ein glückliches Händchen und einen überragenden Keeper. Jim Fraser hat uns mit seinen Paraden gerettet. Iran gelang kein weiterer Treffer. Es war Wahnsinn. Nicht viele Teams hätten dieses Spiel in dieser Atmosphäre überlebt. Nicht nach einem 0:2-Rückstand nach 25 Minuten.

Die letzte Hürde hieß Südkorea, nach Hin- und Rückspiel war kein Sieger gefunden. Das Entscheidungsspiel gewann Australien mit 1:0. In der Heimat müssen doch alle durchgedreht sein?
Wir wurden am Flughafen wie Popstars empfangen. Tausende Leute haben dort jubelnd auf uns gewartet, und das hatten sich meine Jungs auch wirklich verdient. Sie hatten bis dahin Großartiges geleistet.

Was hat Ihre damalige Mannschaft ausgezeichnet?
Mentale Stärke. Außerdem hatte ich unterschiedliche Spieler jeweils für Heim- und Auswärtsspiele. In meinem Kader befanden sich großartige Spieler, die allerdings in einer Umgebung wie in Teheran gestorben wären und deshalb zu Hause bleiben mussten.

Nach Deutschland zur WM durften dann aber auch die mental etwas Schwächeren mit, oder?
Klar. Leider lief es dann nicht mehr ganz so gut wie in der Qualifikation. Wir wurden in eine Gruppe mit Deutschland und der DDR gelost. Eine im Grunde unmöglich zu überstehende Gruppe, aber wir hätten ja gleich zu Hause bleiben können, wenn wir unsere Chance nicht gesehen hätten. Gegen die DDR war es eng, trotzdem verloren wir mit 0:2. Gegen die BRD hatten wir kaum eine Chance und mussten uns mit 0:3 geschlagen geben. Damit war unser Abenteuer WM auch schon wieder Geschichte, unser letztes Gruppenspiel gegen Chile war ein unbedeutendes 0:0. Eine fantastische Erfahrung war es dennoch.

Warum ist es nach Ihrem Erfolg Australien erst 2006 wieder gelungen, sich für eine WM zu qualifizieren?
Sie haben mich rausgeschmissen (lacht). Im Ernst, in Australien hat man erst sehr spät verstanden, wie schwierig es war, sich für die WM 1974 zu qualifizieren und es absolut kein Spaziergang war, das zu schaffen. Es erfordert höchste Professionalität und ein funktionierendes System - beides hat Australien lange Jahre nicht gehabt. Mittlerweile ist auch bedeutend einfacher, sich zu qualifizieren. Man muss nur noch das fünftbeste asiatische Team sein, nicht das beste.

Ist der australische Fußball heute besser als damals unter Ihnen?
Wir arbeiten mittlerweile mit dem holländischen System und das ist aus meiner Sicht für uns nicht umsetzbar. Wir haben nicht einen australischen Topspieler. Es gibt also noch viel zu tun.

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