Rainer Schütterle über Karlsruhes UEFA-Cup-Wahnsinn von 1993

»Wir waren verrückt!«

Am 2. November 1993 besiegte der Karlsruher SC den FC Valencia in einem legendären UEFA-Cup-Spiel mit 7:0. 20 Jahre danach sprachen wir mit Rainer Schütterle, den Torschützen zum 3:0, über den wütenden Winnie Schäfer, Bierpyramiden in Eindhoven und besoffene »ran«-Moderatoren.

Rainer Schütterle, das legendäre 7:0 des Karlsruher SC gegen den FC Valencia liegt nun schon 20 Jahre zurück. Kommt es Ihnen auch schon so lange vor?
Nein. Und das ist eigentlich komisch, denn seitdem ist rund um den KSC so viel passiert mit den ganzen Ab- und Aufstiegen des Vereins. Aber das Spiel gegen Valencia und die Europapokalteilnahme überhaupt ist für Menschen, die mit dem KSC zu tun haben, immer noch allgegenwärtig. Was natürlich auch daran liegt, dass man oft an diesen Tag erinnert wird.

Wer erinnert Sie denn daran?
Mein Zahnarzt zum Beispiel. Der trifft sich mit zwei Freunden einmal pro Jahr und schaut sich das Spiel auf Video an. Er versucht auch immer wieder, mich zu überreden, mal mitzuschauen. Aber ich habe das Spiel noch nie über 90 Minuten gesehen.

Fühlten Sie sich als direkt Beteiligter eigentlich im Laufe der Jahre auf dieses Spiel reduziert?
Wir haben mit dem 7:0 Großes geleistet, von daher ist es logisch, dass das Spiel oft aus der Schublade geholt wird. Wenn überhaupt, muss ich eine Sache betonen: Unsere Leistung gegen Valencia war mit Sicherheit nicht viel stärker einzuschätzen als andere Auftritte in dieser Zeit. Eine Runde später sind wir auf Girondins Bordeaux getroffen. Wissen Sie, wer da alles aufgelaufen ist?

Zidane, Lizarazu, Dugarry – die französischen Weltmeister von 1998.
Genau. Und die haben wir auch mit 3:0 aus dem Stadion gefegt. Wir haben auch den niederländischen Tabellenführer Eindhoven geschlagen. Wir waren in der Lage, gegen europäische Topteams Ausrufezeichen zu setzen.

Der Karlsruher SC im UEFA-Cup 1993/94 - hier geht's zur Bildergalerie!

Selbst Ottmar Hitzfeld war seinerzeit über die Spielweise des KSC beeindruckt. Von ihm stammt das Zitat: »Das ist kein Forechecking mehr, das ist schon Krieg.«
Das ist natürlich sehr drastisch ausgedrückt. Aber etwas Wahres ist da schon dran. Wir waren verrückt! Im Wildpark war es unsere Art, vorne drauf zu rennen ohne Rücksicht auf Verluste.

Eine Spielweise, die gegen technisch starke Mannschaften eigentlich nur selten zum Erfolg führt.
Mag sein, aber mit unseren Fans und der unglaublichen Atmosphäre haben wir es hinbekommen, die Mannschaften zu beeindrucken. Das Spiel gegen Valencia war der Wahnsinn. Die Spanier wussten irgendwann gar nicht mehr, was mit ihnen geschieht. Die waren technisch stärker als wir und hatten das bei ihrem 3:1-Sieg im Hinspiel unter Beweis gestellt. Aber wir haben es geschafft, sie zu lähmen – mit unserer Art Fußball zu spielen.

Und das, obwohl Trainer Winnie Schäfer wegen einer Sperre, die er sich in Eindhoven eingehandelt hatte, nicht direkt von der Seitenlinie aus Einfluss nehmen konnte.
Das war für uns Spieler aber nicht von Belang. Winnie hat draußen an der Seitenlinie immer eine große Show abgezogen, aber das hat er hauptsächlich für sich gemacht. Um Dampf abzulassen, sich zu präsentieren oder aus anderen Gründen.

Es hieß aber seinerzeit, dass die Mannschaft die Vorgaben und verbalen »Arschtritte« ihres Trainers nötig habe.
Naja. Uns haben Winnies Tänze an der Seitenlinie irgendwann nicht mehr groß gekümmert, weil wir wussten, wie wir sie einzuschätzen hatten. Und mit taktischen Anweisungen hatte das meistens auch nicht mehr viel zu tun. Möchten Sie ein Beispiel hören?

Sehr gerne.
In der selben Saison trafen wir im DFB-Pokal auf Borussia Mönchengladbach und verloren nach Verlängerung mit 3:5. Fünf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit sah Oliver Kahn die Rote Karte. Da wir nicht mehr wechseln konnten, bin ich ins Tor gegangen. Nachdem etwa zehn weitere Minuten gespielt waren, sah Schäfer plötzlich, dass auf der rechten Außenbahn – meiner Position – eine Lücke klaffte, und brüllte wutentbrannt auf den Platz: »Wo ist denn der Schütterle?« Unser Masseur musste ihn beruhigen und machte ihn darauf aufmerksam, dass ich mittlerweile im Tor stünde. Winnie hat manchmal, wenn er richtig unter Strom stand, gar nicht mehr mitbekommen, was da auf dem Platz so passiert.



Das klingt aber nicht sehr schmeichelhaft.
Winnie hatte als Trainer positiven Seiten, aber diesen Charakterzug wird Ihnen jeder Spieler bestätigen können, der damals mit ihm zusammengearbeitet hat. Wenn man ihn zu nehmen wusste, konnte man mit ihm Erfolg haben. Wir wussten es und hatten Erfolg. Es war eine Art Hassliebe. Und das weiß der Winnie auch.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang, dass sich der wohlgemerkt gesperrte Schäfer vor dem Valencia-Rückspiel in die Kabine schlich und die Ansprache hielt, wobei er sich zwischenzeitlich vor einem UEFA-Mitarbeiter verstecken musste, um nicht aufzufliegen?
Darüber konnten wir Spieler eigentlich nur schmunzeln. Als der Mann von der UEFA sich unserer Kabine näherte, versteckte er sich plötzlich in einer Ecke. Wir haben uns nur gefragt: Was macht der denn da? Aber im Prinzip war es uns egal. Im Kabinengang hat einer von uns zwei, drei Mal laut gegen eine Bande geschlagen und irgendwas gebrüllt, danach waren wir im Tunnel, danach konnte es losgehen.

Sie haben betont, dass die KSC-Fans fantastisch waren. Hat sich in dieser Zeit ein besondere Verhältnis zu den Anhängern herauskristallisiert?
Das entstand zwangsläufig, weil die Zuschauer schon Tage vor den UEFA-Cup-Spielen am Wildpark campierten, um Karten zu ergattern. Die Verhältnisse waren damals noch anders. Heute kommt es wohl kaum noch vor, dass die Spieler direkt nach einem großen Erfolg mit den Fans feiern. Damals war das noch möglich.

Wie weit ging es denn?
In Eindhoven war der Kontakt besonders eng. Wir hatten unser Hotel direkt in der Innenstadt, dort waren auch viele Fans unterwegs, und einige sind irgendwann zu uns gekommen und haben mit uns in der Hotelbar das Weiterkommen gefeiert. Die hat irgendwann kurz nach Mitternacht geschlossen. Da haben dann Dirk Schuster und ich Kleingeld gesammelt und am Bierautomat des Hotels Nachschub besorgt. Es kam so viel zusammen, dass wir auf einem unserer Zimmer eine Pyramide aus Flaschen auf- und natürlich auch wieder abgebaut haben. Einen Fan habe ich dann gegen 4 Uhr ins Taxi gesetzt, sonst wäre es mit seinem Rückflug eng geworden.

Der Karlsruher SC im UEFA-Cup 1993/94 - hier geht's zur Bildergalerie!

Auffällig war damals auch das gute Verhältnis zu den Medien.
Das war auch kein Wunder. Ob Jörg Dahlmann, Jörg Wontorra oder Johannes B. Kerner – das waren alles gute Jungs, von denen wir wussten, dass sie uns keinen reindrücken wollten. Deswegen konnte sich dieses fast schon freundschaftliche Verhältnis entwickeln.

Für Dahlmann waren Sie nach ihrem Lupfer zum 3:0 gegen Valencia »der Mann für die Weltklasse-Tore«.
Das hat der Jörg aber eigentlich nur von Otto Rehhagel abgekupfert. Rehhagel war Co-Kommentator, als ich in der Saison zuvor beim 4:2-Sieg gegen die Bayern ein schönes Tor erzielte. Otto nannte es »Weltklasse«. Daran knüpfte Jörg an. (lacht) Es war schon eine lustige Zeit mit den Leuten von »ran«. Nur für Jörg Wontorra wurde es einmal richtig teuer.

Wie meinen Sie das?
Wontorra hatte gegen uns gewettet. Er war fest davon überzeugt, dass wir nicht in Europa überwintern. Als wir es doch geschafft hatten, lud er uns in Karlsruhe kurz nach Silvester zum Essen ein. Es war die letzte große Feier, bevor es mit der Vorbereitung auf die Rückrunde losging.

Und da hat die Mannschaft nochmal richtig auf den Putz gehauen.
Ich trinke im Januar keinen Alkohol. Ich weiß aber noch, dass ich an diesem Abend insgesamt 17 alkoholfreie Bier getrunken habe. Von daher können Sie sich ausrechnen, was bei den anderen, die sich nicht zurückgehalten haben, alles geflossen ist. Als Sergei Kirjakow zu späterer Stunde den Kaviar und Wodka auspackte, war das allerdings für einige zu viel. Nur so viel: Ein Sat-1-Mann musste sich auf der Toilette übergeben.

Lassen alle diese Geschichten etwas in Vergessenheit geraten, dass der große Traum vom Europapokalsieg kurz vor dem Ziel zerplatzte?
Die Enttäuschung über das Ausscheiden im Halbfinale gegen Salzburg wird immer bleiben. Vor allen Dingen, weil wir so unglücklich mit einem 0:0 auswärts und einem 1:1 zu Hause rausgeflogen sind. Wir waren gegen Salzburg zum ersten Mal der Favorit, das hat uns nicht gut getan. Wir konnten dem Gegner leider nicht unser Spiel aufzwingen.



Über das Aus wird heute nicht mehr gesprochen, sondern nur über Valencia. Edgar Schmitt, der gegen die Spanier vier Tore erzielte, sagte einmal: »Ich habe die Tragweite dieses Spiels gar nicht so mitbekommen.
« Rainer Schütterle, wie lange brauchten Sie, um zu realisieren, dass da was ganz Großes passiert war?
Das hat gedauert und dauert bis heute an. Die ganzen Umstände, wie es mit dem KSC seitdem weitergegangen ist, haben ja auch dazu geführt, dass das Spiel heute noch einen so hohen Stellenwert einnimmt. Direkt danach hatten wir ja auch gar keine Zeit, uns damit zu beschäftigen. Nur wenige Tage danach hatten wir unser nächstes Bundesliga-Spiel. Das haben wir übrigens mit 5:0 gegen Duisburg gewonnen. (Pause) Darüber redet heute auch niemand mehr.

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