01.11.2013

Rainer Schütterle über Karlsruhes UEFA-Cup-Wahnsinn von 1993

»Wir waren verrückt!«

Am 2. November 1993 besiegte der Karlsruher SC den FC Valencia in einem legendären UEFA-Cup-Spiel mit 7:0. 20 Jahre danach sprachen wir mit Rainer Schütterle, den Torschützen zum 3:0, über den wütenden Winnie Schäfer, Bierpyramiden in Eindhoven und besoffene »ran«-Moderatoren.

Interview: Christoph Erbelding Bild: Imago

Rainer Schütterle, das legendäre 7:0 des Karlsruher SC gegen den FC Valencia liegt nun schon 20 Jahre zurück. Kommt es Ihnen auch schon so lange vor?
Nein. Und das ist eigentlich komisch, denn seitdem ist rund um den KSC so viel passiert mit den ganzen Ab- und Aufstiegen des Vereins. Aber das Spiel gegen Valencia und die Europapokalteilnahme überhaupt ist für Menschen, die mit dem KSC zu tun haben, immer noch allgegenwärtig. Was natürlich auch daran liegt, dass man oft an diesen Tag erinnert wird.

Wer erinnert Sie denn daran?
Mein Zahnarzt zum Beispiel. Der trifft sich mit zwei Freunden einmal pro Jahr und schaut sich das Spiel auf Video an. Er versucht auch immer wieder, mich zu überreden, mal mitzuschauen. Aber ich habe das Spiel noch nie über 90 Minuten gesehen.

Fühlten Sie sich als direkt Beteiligter eigentlich im Laufe der Jahre auf dieses Spiel reduziert?
Wir haben mit dem 7:0 Großes geleistet, von daher ist es logisch, dass das Spiel oft aus der Schublade geholt wird. Wenn überhaupt, muss ich eine Sache betonen: Unsere Leistung gegen Valencia war mit Sicherheit nicht viel stärker einzuschätzen als andere Auftritte in dieser Zeit. Eine Runde später sind wir auf Girondins Bordeaux getroffen. Wissen Sie, wer da alles aufgelaufen ist?

Zidane, Lizarazu, Dugarry – die französischen Weltmeister von 1998.
Genau. Und die haben wir auch mit 3:0 aus dem Stadion gefegt. Wir haben auch den niederländischen Tabellenführer Eindhoven geschlagen. Wir waren in der Lage, gegen europäische Topteams Ausrufezeichen zu setzen.

Der Karlsruher SC im UEFA-Cup 1993/94 - hier geht's zur Bildergalerie!

Selbst Ottmar Hitzfeld war seinerzeit über die Spielweise des KSC beeindruckt. Von ihm stammt das Zitat: »Das ist kein Forechecking mehr, das ist schon Krieg.«
Das ist natürlich sehr drastisch ausgedrückt. Aber etwas Wahres ist da schon dran. Wir waren verrückt! Im Wildpark war es unsere Art, vorne drauf zu rennen ohne Rücksicht auf Verluste.

Eine Spielweise, die gegen technisch starke Mannschaften eigentlich nur selten zum Erfolg führt.
Mag sein, aber mit unseren Fans und der unglaublichen Atmosphäre haben wir es hinbekommen, die Mannschaften zu beeindrucken. Das Spiel gegen Valencia war der Wahnsinn. Die Spanier wussten irgendwann gar nicht mehr, was mit ihnen geschieht. Die waren technisch stärker als wir und hatten das bei ihrem 3:1-Sieg im Hinspiel unter Beweis gestellt. Aber wir haben es geschafft, sie zu lähmen – mit unserer Art Fußball zu spielen.

Und das, obwohl Trainer Winnie Schäfer wegen einer Sperre, die er sich in Eindhoven eingehandelt hatte, nicht direkt von der Seitenlinie aus Einfluss nehmen konnte.
Das war für uns Spieler aber nicht von Belang. Winnie hat draußen an der Seitenlinie immer eine große Show abgezogen, aber das hat er hauptsächlich für sich gemacht. Um Dampf abzulassen, sich zu präsentieren oder aus anderen Gründen.

Es hieß aber seinerzeit, dass die Mannschaft die Vorgaben und verbalen »Arschtritte« ihres Trainers nötig habe.
Naja. Uns haben Winnies Tänze an der Seitenlinie irgendwann nicht mehr groß gekümmert, weil wir wussten, wie wir sie einzuschätzen hatten. Und mit taktischen Anweisungen hatte das meistens auch nicht mehr viel zu tun. Möchten Sie ein Beispiel hören?

Sehr gerne.
In der selben Saison trafen wir im DFB-Pokal auf Borussia Mönchengladbach und verloren nach Verlängerung mit 3:5. Fünf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit sah Oliver Kahn die Rote Karte. Da wir nicht mehr wechseln konnten, bin ich ins Tor gegangen. Nachdem etwa zehn weitere Minuten gespielt waren, sah Schäfer plötzlich, dass auf der rechten Außenbahn – meiner Position – eine Lücke klaffte, und brüllte wutentbrannt auf den Platz: »Wo ist denn der Schütterle?« Unser Masseur musste ihn beruhigen und machte ihn darauf aufmerksam, dass ich mittlerweile im Tor stünde. Winnie hat manchmal, wenn er richtig unter Strom stand, gar nicht mehr mitbekommen, was da auf dem Platz so passiert.



Das klingt aber nicht sehr schmeichelhaft.
Winnie hatte als Trainer positiven Seiten, aber diesen Charakterzug wird Ihnen jeder Spieler bestätigen können, der damals mit ihm zusammengearbeitet hat. Wenn man ihn zu nehmen wusste, konnte man mit ihm Erfolg haben. Wir wussten es und hatten Erfolg. Es war eine Art Hassliebe. Und das weiß der Winnie auch.

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