14.12.2012

Rainer Bonhof und Bulle Roth über Bayern vs. Gladbach

»Da ging es um die Wurst«

Die Spiele zwischen Gladbach und Bayern waren in den siebziger Jahren fußballerische Erweckungserlebnisse. Passend zum großen Klassiker am Freitagabend erinnern sich Franz »Bulle« Roth und Rainer Bonhof an die großen Schlachten um die Meisterschaft.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Rainer Bonhof, Franz Roth, als Spieler trafen Sie das erste Mal am 14. April 1971 auf dem Bökelberg aufeinander. Borussia Mönchengladbach gewann 3:1 gegen den FC Bayern.
Franz Roth: Das gibt es doch gar nicht (lacht).

Rainer Bonhof, Sie wurden in der 69. Minute für Jupp Heynckes eingewechselt.
Rainer Bonhof: Da war ich also noch Stürmer, aber mit Bulle habe ich im Spiel praktisch nie zu tun gehabt. 
Franz Roth: Meine Aufgabe bestand meist darin, den Günter (Netzer, d. Red.) in Manndeckung zu nehmen ...
Rainer Bonhof: ... und wir haben dir dann den Hacki (Wimmer) auf die Füße gestellt. 
Franz Roth:  Seltsam, den wollte Weisweiler immer gegen mich. Und so standen wir dann stets irgendwo zu dritt auf dem Platz rum. 

Rainer Bonhof, welche Aufgabe hatte Trainer Hennes Weisweiler ihnen zugedacht?

Rainer Bonhof: Ich kümmerte mich Anfang der Siebziger um Gustl Starek, und als der wegging, spielte ich fast immer gegen den Uli (Hoeneß).  

Das können Sie so genau sagen?
Rainer Bonhof: Es waren überschaubare Zeiten, Transfers selten. Ich wusste oft ein Jahr vorher, wer beim Spiel gegen Bayern mein Gegenspieler sein würde. Das hatte einen Vorteil: Wenn der sich im Hinspiel etwas geleistet hatte, wurde die Rechnung im Rückspiel beglichen. Man dachte: »Nächsten Monat habe ich wieder den Uli, packen wir das Paket doch noch mal an ...«  

Betrachtet man die Jahre 1970 bis 1979, stehen neun Siege der Bayern sechs Siegen der Gladbacher gegenüber. Fünfmal spielten Ihre Teams unentschieden in der Bundesliga.
Rainer Bonhof: In München haben wir fast immer schlecht ausgesehen.
Franz Roth:  Stimmt, wir hatten komischerweise viel mehr Probleme mit Werder Bremen und dem 1. FC Kaiserslautern.
Rainer Bonhof: Allerdings ist die Statistik doch relativ ausgewogen. Unsere Problemklubs hießen eher Hertha BSC und Eintracht Braunschweig.

Eintracht Braunschweig?
Rainer Bonhof: Ja, das war eine furchtbare Mannschaft. Die Spieler waren alle 1,90 Meter groß und extrem kantig. Das lag uns einfach nicht. Eine andere Erklärung gibt es nicht.  

In München haben Sie in den kompletten Siebzigern kein Mal gewonnen. Gibt es dafür denn eine Erklärung?
Rainer Bonhof: Das spielte sich in der Birne ab. Die Bayern hatten so viel Selbstvertrauen zuhause und standen so gut, dass wir schon vorher wussten, wie schwer es wird. 1977 haben wir in München am letzten Spieltag einmal mit 2:0 geführt – dann macht der Dicke (Gerd Müller) den Anschlusstreffer, und in der letzten Minute schießt Hans-Jürgen Wittkamp ein Eigentor. 
Franz Roth:  Sie müssen bedenken, dass wir damals in München viereinhalb Jahre lang ungeschlagen waren. Vielen Gegnern merkte man schon beim Auflaufen an, dass sie nicht davon ausgingen, hier irgendwas zu gewinnen.  

Gab es eigentlich eine Art von Initialzündung für die besondere Bedeutung des Duells zwischen Gladbach und Bayern?
Rainer Bonhof: Der Aufstieg beider Klubs im Jahre 1965. Denn beide Vereine setzten sich bald in den vorderen Tabellenrängen fest, insofern war von Anfang an eine besondere Rivalität vorhanden. 
Franz Roth:  Wobei man sagen muss, dass wir von Anfang an immer ein bisschen weiter vorne lagen (lacht). Wir wurden schon 1969 Deutscher Meister. 
Rainer Bonhof: Und wir dann 1970 und 1971. 
Franz Roth: Danach wir gleich dreimal in Folge. 
Rainer Bonhof: Was wir dann von 1975 bis 1977 wiederholten. 
Franz Roth: Unsere beiden Klubs haben praktisch zehn Jahre die Bundesliga beherrscht. 
Rainer Bonhof: Ich habe mich später mal mit Hennes Weisweiler darüber unterhalten. Da hat er zugegeben, dass es ihn wirklich gefuchst hat, dass beide Klubs gemeinsam aufstiegen, aber die Bayern früher Meister wurden.  

Wurde dieses Duell auch von den Fans gelebt?
Franz Roth: Im Rahmen. Gladbach war bei unseren Fans kein verhasster Verein. Wir sind auch gern zum Bökelberg gefahren, da war eine tolle Stimmung, wenn der Manolo trommelte.  

Worin unterschied sich die Stimmung von anderen Gastspielen?
Franz Roth: In Kaiserslautern spürte man den Hass. Wenn man da zu nah am Zaun stand, konnte es passieren, dass ein Zuschauer einen mit dem Schirm durch die Absperrung stach. Heute fahren die Teams im Bus ins Stadion, aber damals mussten wir vorm Spiel mit den Koffern durch die Menge. In Lautern wurde einem Angst und Bange, dass die einen abstechen.  

Für die Fans waren Spiele zwischen Gladbach und Bayern Highlights. Wie war es für die Spieler?
Rainer Bonhof: Natürlich waren es Saisonhöhepunkte. Schließlich spielte da immer der Erste gegen den Zweiten oder maximal Dritten. Da ging es um die Wurst.
Franz Roth: Zumal es auch spielerisch zweifellos die besten Bundesligaspiele in dieser Ära waren.

Was machte diese Spiele aus?
Rainer Bonhof: Zunächst einmal, dass bei uns acht Spieler aus dem westdeutschen Raum in der Startelf standen – und bei denen acht aus Bayern.  

Wie war das möglich?

Franz Roth: Unser Manager Robert Schwan legte viel Wert darauf, Spieler aus der Region zu verpflichten: Franz (Beckenbauer, d. Red) und Sepp (Maier) kamen aus München, Gerd (Müller) aus Nördlingen, Uli (Hoeneß) aus Ulm, Paul (Breitner) aus Freilassing, Bernd Dürnberger aus Kirchanschöring, dazu ich aus Kaufbeuren. Heute gibt es bei Bayern fünf Dolmetscher. 
Rainer Bonhof: Wir hatten mit Ulrik Le Fevre und später auch mit dem Alan Simonsen gerade mal einen Dänen in unserem Team. 
Franz Roth: Bei uns spielte der Österreicher Gustl Starek, aber der sprach gut deutsch. Den Einzigen, den man bei uns schwer verstand, war ab 1973 der Rheinländer Jupp Kapellmann. 

Wenn Sie die Spieler der damaligen Bayern-Elf aufzählen, klingt es rückblickend fast wie eine Weltauswahl.
Rainer Bonhof: Kein Klub könnte sich heute so ein Team zusammen kaufen. Allein Gerd Müller würde eine Milliarde Euro Ablöse kosten, Paul Breitner 500 Millionen, Katsche Schwarzenbeck wäre der teuerste Abwehrspieler der Welt. Und was müsste man wohl für den Franz bezahlen …

Warum waren die Regionen in Sachen Fußball so fruchtbar?
Franz Roth: Meines Erachtens lag es daran, dass wir uns voll mit dem Klub identifizierten. Wenn Branko Zebec nachts um ein Uhr gesagt hätte: »Wir trainieren jetzt«, wären wir dagewesen. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Wenn wir samstags vom Spiel in Gladbach zurückflogen, war es normal, dass wir gemeinsam ins »Take Five« in Schwabing gingen. 
Rainer Bonhof: Wie oft haben wir uns abends verabredet, um am nächsten Tag vorm offiziellen Training vier gegen zwei zu spielen.
Franz Roth: Wenn das Training um halb vier anfing, waren wir um halb drei auf dem Platz, stellten den Sepp in die Kiste und hauten ihm ohne Aufwärmen eine Stunde lang die Dinger drauf. 

Lernte man auch fußballerisch in Ihren Duellen noch dazu?
Rainer Bonhof: Als junger Spieler war es ein Traum. Wir gewannen unsere Spiele mit 5:4 und die Bayern mit 1:0, aber beide Systeme waren sehr interessant. 
Franz Roth: Udo Lattek hatte bei uns den Ergebnisfußball von Branko Zebec übernommen. 
Rainer Bonhof: Und als er 1975 zu uns kam, versuchte er dieses System auch bei uns einzuführen. 

Das ging so einfach?
Rainer Bonhof: Natürlich nicht. Wir waren es schließlich gewohnt, mit Mann und Maus zu stürmen. Solange der Günter bei uns spielte, sind wir immer mit mindestens fünf Spielern nach vorne gerannt. Meistens hat der Hacki den Günter, noch während der mit dem Ball nach vorne lief, überholt. Kurzum: Wir haben viel aufwändiger gespielt als die Bayern. Denn wenn unser Angriff abgeschlossen war, mussten alle Mann ja wieder zurück. 

Wie lief das bei den Bayern?
Rainer Bonhof: Bei denen hat der Bulle, Bernd Dürnberger oder Rainer Zobel den Ball nach vorne getrieben, dann wurde im Doppelpass über die Flügel gespielt, und solange der Dicke vorne drin stand, gab es fast immer einen Abschluss. 
Franz Roth: Da brauchten wir uns keine Sorgen zu machen. Der Dicke machte fast immer sein Ding, auch wenn er mit Berti (Vogts, d. Red.) einen gehörigen Wadenbeißer gegen sich hatte.

Von diesem Duell hing vermutlich viel ab?
Rainer Bonhof: Absolut. Wobei man sagen muss, dass der Gerd in Mönchengladbach des Öfteren als Abwehrspieler auflief.

Gerd Müller in der Abwehr?
Rainer Bonhof: Naja, ich habe jedenfalls mal mitbekommen, wie der Gerd einmal in der Abwehr auftauchte und der Franz ihm zurief: »Was willst du denn hier? Geh’ nach vorne.« Darauf antwortete der Dicke: »Ich mag nicht mehr. Geh’ du doch nach vorne und spiel’ gegen den Berti ...«

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