Rainer Adrion im Interview

»Vertraue, aber kontrolliere«

Rainer Adrion hat als Stuttgarter Nachwuchscoach Spieler wie Kuranyi, Hildebrand und Hinkel groß gemacht. Am 1. Juli übernimmt er nun die deutsche die U21. Wir sprachen mit ihm über den Spagat zwischen Ausbildung und Erfolg. Rainer Adrion im InterviewImago

Herr Adrion, Hermann Gerland ist seit acht Jahren Trainer der zweiten Mannschaft von Bayern München und hat sein Glück gefunden. Sie sind seit fünf Jahren für die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart zuständig, und man glaubte, Sie würden dort auch nicht mehr weggehen. Wieso wechseln Sie nun zum DFB?

Mein Lebensmotto lautet: »Ich bin zu alt, um nur zu spielen, aber zu jung, um ohne Wunsch zu sein.« Zu einem anderen Verein wäre ich nicht gegangen. Es gab zwar immer wieder Anfragen, doch diese habe ich relativ schnell abgelehnt, denn ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit beim VfB. Doch das Angebot des DFB war etwas Besonderes, und die U21 ist eine große Herausforderung. Deshalb bin ich froh, dass der Wechsel zum 1. Juli geklappt hat.

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War Ihnen bei der Anfrage des DFB sofort klar, dass Sie das Angebot annehmen wollen?

Es gab frühzeitig ein Treffen. Nach diesem war mir sehr schnell klar, dass es eine breite Akzeptanz beim DFB gibt und ich dort meine Fähigkeiten und meine Erfahrung gut einbringen kann.

Welche Rolle spielten dabei Bundestrainer Joachim Löw und Sportdirektor Matthias Sammer, die Sie bereits aus dem Tagesgeschäft in Stuttgart bestens kennen?

Es sind zwei wichtige Entscheidungsträger und es ist sicher von Vorteil, wenn man sich gut kennt. Zu Jogi habe ich eine enge persönliche Bindung. Ich war sein Assistent, als wir 1997 den DFB-Pokal gewonnen und ein Jahr später das Europacup-Finale erreicht haben. Ich kenne Jogis Spielphilosophie. Und bei Matthias Sammer ist das ähnlich, weil ich zu seiner Zeit als VfB-Coach bereits die zweite Mannschaft trainiert habe. Doch auch mit Manager Oliver Bierhoff habe ich mich gleich bestens verstanden.

Angeblich kam es wegen Ihrer Rolle zum Machtkampf zwischen Sammer und Löw, weil Sammer Sie nur für die U19 haben wollte. Wie haben Sie diese in den Medien breit geführte Diskussion verfolgt?

Ich weiß nicht, wie intensiv diese Diskussion intern geführt wurde. Aber ich hatte das Gefühl, je länger die Diskussion dauerte, desto deutlicher wurde, dass meine Verpflichtung für die U21 die bevorzugte Variante ist. Außerdem weiß ich, dass es nie gegen mich als Person oder Trainer ging.

Wie würden Sie sich selbst als Trainer charakterisieren?

Meine Motto heißt: Vertraue, aber kontrolliere. Ich brauche ein gutes Team von Spezialisten, in dem ich als Erster unter Gleichen arbeite. An den Spielern bin ich nahe dran, aber ich bin sicher kein ausgesprochener Kumpeltyp. Ich interessiere mich jedoch sehr für ihre Belange und richte auch die Trainingsarbeit sehr individuell aus.

Kürzlich sagten Sie in einem Interview, dass die Spieler deutsch sprechen müssten, um berufen werden zu können.

Ich habe dabei aber sofort zum Ausdruck gebracht, dass diese Bemerkung als Spaß zu verstehen ist. Ich habe Edmund Stoiber zitiert mit den Worten: »Wer randaliert, muss raus. Und wer kein Deutsch kann, kommt nicht rein.« Unabhängig von diesem Gag: Natürlich ist es wichtig, dass die Spieler mich verstehen.

Können Sie schon Ziele für Ihre Arbeit formulieren?

Es ist immer ein schwieriger Spagat zwischen der Ausbildung und dem sportlichen Erfolg. Doch diese Problematik kenne ich auch aus Stuttgart. Ich will natürlich Spieler an die A-Nationalmannschaft heranführen. Aber ich will auch die EM 2011 erreichen und dort möglichst unter die ersten Vier kommen, damit wir bei Olympia 2012 in London dabei sind. Man muss immer erfolgsorientiert denken, und wenn einmal zwei oder drei Topspieler fehlen, darf man die Ziele für Turniere nicht runterschrauben.

Bei der EM 2009 im Juni in Schweden wird noch Horst Hrubesch das Team betreuen. Werden Sie das Turnier vor Ort verfolgen?

Das ist durchaus möglich. Aber wenn ich es tue, dann eher zu informativen Zwecken. Einmischen werde ich mich sicher nicht. Bis Juni konzentriere ich mich ohnehin voll und ganz auf den VfB.

Dort haben Sie - zuletzt in Mario Gomez, Serdar Tasci, Sami Khedira oder Andreas Beck - zahlreiche Spieler zu Nationalspielern oder Kandidaten für die A-Elf geformt. Ist diese Häufung an Talenten aus der VfB-Schmiede auch Glück oder nur das Ergebnis des Konzeptes?

Es gibt schon ein klares Konzept, bei dem ich ja nur am Ende der Kette stehe. Wir arbeiten sehr gut im Team und waren der Konkurrenz meist einen Schritt voraus. Wir setzen zum Beispiel auf einheitliche Spielsysteme in der Jugend oder auf frühzeitige Förderung der Talente. Jedes Jahr ziehe ich bereits zwei bis vier Spieler aus der A-Jugend hoch und setze sie in einem vernünftigen Rahmen in der dritten Liga ein. Die Erfahrung zeigt, dass dies in den meisten Fällen eine Leistungssteigerung bewirkt. Sehr wichtig ist auch die Individualisierung des Trainings.

In Timo Hildebrand, Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel gehörten gleich drei ihrer Ex-Spieler lange zum Kader der A-Elf, sind derzeit aber außen vor. Trauen Sie ihnen ein Comeback zu?

Für Kevin tut es mir leid. Aber Jogi Löw hat deutlich gemacht, dass es in seiner Zeit als Bundestrainer keine Rückkehr gibt. Bei Timo Hildebrand und Andreas Hinkel kann ich es mir dagegen vorstellen, wenn es bei ihnen nach Wunsch läuft und der Bundestrainer das genauso sieht. 

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