Rainald Grebe im Interview

»Bundesliga ist wie Brecht mit Catchern«

Was hätte Thomas Bernhard über Felix Magath geschrieben? Ist Zettel-Ewald ein Dramatiker? Und wie hoch flog Beckenbauers Heli wirklich? Der Kabarettist Rainald Grebe über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Theater. Rainald Grebe im InterviewJim Rakete

Rainald Grebe, wie fühlen Sie sich?

Rainald Grebe: Im Moment fühle ich mich ganz gut. Danke.

Und wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie nach jedem Auftritt ein Reporter fragen würde: »Wie fühlen Sie sich?«

Rainald Grebe: Durchaus angefressen. Ich würde also mindestens sagen: »Hau ab!« Als Theatermann bin ich in dieser Situation übrigens geschützt. Es gibt da so eine Minutenregelung: Wenn ich jemanden unmittelbar nach dem Auftritt ohrfeige oder sogar ein Verbrechen begehe, stehe ich unter Immunität. Das müsste man für Fußballer auch mal einführen, dann würden die Antworten bestimmt interessanter ausfallen.

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Wir fragen auch deshalb, weil Sie in einem Ihrer Lieder singen: »Ich fühl mich heut' so wie Franz Beckenbauer kocht, ich weiß gar nicht, wie der kocht.« Wir tippen auf Knorr-Tütensuppen, für die er früher Werbung gemacht hat: »Knorr in den Teller, Kraft auf den Tisch.« So fühlen Sie sich also?

Rainald Grebe: Es überrascht mich jetzt, dass Beckenbauer ein Tütensuppen-Typ ist. Ich kenne ihn eher als Weißbier-Menschen. Stichwort »Qualität und Zuversicht«. Obwohl man da ganz deutlich sieht, dass der Schaum nicht echt ist. 

Wie oft kommt es vor, dass Sie über Beckenbauer nachdenken?

Rainald Grebe: Ab und an. Vor allem natürlich bei der WM 2006: der Kaiser in seinem Helikopter über Deutschland, das war was! Schon beim ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher haben die Leute sich gewundert, dass er an so vielen Orten gleichzeitig sein konnte, ja, dass er sich selbst über dem Ozean begegnete. Daran musste ich immerzu denken, als der so genannte Kaiser über Deutschland kreiste.

Welche Gedanken gingen Beckenbauer wohl selbst durch den Kopf?

Rainald Grebe: Vielleicht: »Ja, Herrschaften, in meinem Leben hat ja wohl mal alles geklappt!« Nur bei Goethe und Mandela ist alles so sauber wie bei ihm. 

Über seinen Misserfolgen schweben, sogar über seinen Erfolgen, über einer WM und einem ganzen Land – wie schafft Beckenbauer es, sich selbst nicht mit Gott zu verwechseln?

Rainald Grebe: Das dürfte in der Tat schwierig sein. Beckenbauer ist unantastbar, der bekommt keine Kratzer. Was umso erstaunlicher ist, da er als Redner alles andere als brillant ist. 

Sind Gott und der Fußballgott ein und derselbe?

Rainald Grebe: Beides ist ein Synonym für den Zufall. Dem Zufall bin auch ich als Künstler unterworfen. Die eigentliche Kunst besteht darin, den Zufall wie Absicht aussehen zu lassen. Man muss die Behauptungskraft haben – man könnte es auch Scharlatanerie nennen –, erst sich und dann anderen weis zu machen, dass man Herr der Lage ist, während man insgeheim Luft melkt. So dürfte es auch im Fußball sein: Jemand hat eigentlich keine Ahnung, wo der Ball gerade ist, nennt es aber Dribbling.


Sie stellen Christoph Daums Unschuldsbeteuerung in Leverkusen in einer Klangcollage auf eine Stufe mit Barschels »Ehrenwort« und Blüms »Die Rente ist sicher«. Ist Fußball also so wichtig wie Politik? Oder ist alles nur ein einziger Schmerz?


Rainald Grebe: Im Zweifel Letzteres. Aber natürlich ist Fußball auch ein großer Machtfaktor. Es ist wahnsinnig, dass ein so banaler Sport durch das Geld, das in ihn hineingepumpt wird, so bedeutungsvoll wird. Insofern ist der Herr Daum also ein Staatsmann, wie Barschel einer war, wenn er im Fernsehen auftritt und sein »Ehrenwort« gibt. 

Als Michael Ballack seinen Einsatz für die WM 2010 absagen musste, war dies die erste Nachricht bei der Tagesschau. Noch vor Irak oder Obama.

Rainald Grebe: Wenn es die Nation bewegt oder sogar im Kern zusammenhält, dann darf das die erste Nachricht sein. Auch wenn es natürlich lächerlich ist. 

Trotz aller Banaliät scheinen Sie sich der Faszination Fußball nicht gänzlich entziehen zu können.

Rainald Grebe: Natürlich nicht. Das hat ja was. Ich lese viel. Fußball rührt in meinem Kopf herum. Weil es eben auch großes Theater ist. In fast schon antiken Dimensionen, wie im Kolosseum. 

Abgesehen davon, dass die Spieler am Ende nicht von Löwen aufgefressen werden.

Rainald Grebe: Das fehlt noch! Aber alles andere ist da: Freund und Feind, wir gegen die anderen, alle gegen mich. Das hat mich immer schon fasziniert, aber eben nicht aus der Fanperspektive, sondern aus der des Theatermanns. Wenn sich Clemens Tönnies mit Felix Magath auf einem Bauernhof trifft, ist das doch pures Theater! 

Das hat etwas von Thomas Bernhards »Jagdgesellschaft«.

Rainald Grebe: Ja! Feuer im Kamin. Draußen ist es kalt. Millionen liegen auf dem Tisch. Herrlich! Oder Hoffenheim: Herbstmeister sein und dann den Bach runtergehen. Wie in »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« von Bertolt Brecht! 

Ist Bundesliga Brecht mit Laiendarstellern?

Rainald Grebe: Ich glaube eher, es ist Brecht mit Catchern. 

Die Texte Ihrer Lieder bestehen aus einzelnen fragmentierten Ideen, die sie auf kleinen Zetteln sammeln und in Ihrer Wohnung verstreuen, um sie später zusammenzufügen. Kennen Sie eigentlich Zettel-Ewald?

Rainald Grebe: Oh, ja! Ich habe Ewald Lienen 1983 beim Joggen in Südfrankreich getroffen. Noch mit D’Artagnon-Bart. Er hat mich aber nicht erkannt. 

Schade.

Rainald Grebe: Ja, Lienen weiß nichts über mich! Bedauerlich. Dafür weiß ich umso mehr über ihn: Er ist Jahrgang 1953. Da staunen Sie! Das weiß ich noch, weil ich damals die Panini-Alben auswendig gelernt habe. Paul Breitner, 1951 geboren in Kolbermoor! Rummenigge! Jahrgang 1955! Lippstadt! 

Was für ein Trainer-Typ wären Sie? Lassen Sie uns raten: der Detailversessene.

Rainald Grebe: Nein, nein. Ich würde meine Spieler einfach spielen lasse. Der Drill jedenfalls ist nicht so meins. Was mir aber ganz gut stehen würde, wäre das Kettenrauchen. Vollkommen unsportlich am Spielfeldrand rumsitzen. Wie Ernst Happel.

Hape Kerkeling gab sich beim Grazer AK einst als litauischer Trainer aus. Der Bluff hielt erstaunlich lange. Wann würden Sie auffliegen?

Rainald Grebe: Sofort! Selbst wenn ich den schweigenden Kettenraucher geben würde. Ich beherrsche die Theorie nicht. Obwohl die natürlich auch mein Co-Trainer übernehmen könnte, während ich nur Angst verbreite. Fußball ist ja viel Psychologie. 

Wen würden Sie denn als Co-Trainer mitnehmen?

Rainald Grebe: Ewald Lienen natürlich! Aber das wäre wohl eine einzige Zettelwirtschaft. Und ehrlich gesagt: Die Vorstellung, Trainer zu sein, finde ich ganz fürchterlich. Das ist so ähnlich wie im Theater, wenn der Intendant kommt und hinterm Rücken Kritik über die Presse äußert. Das widert mich an. Da bin ich harmoniesüchtig.

Können Sie bei Ihren Auftritten auch gewinnen und verlieren? Gibt es sogar den Zustand des Unentschiedens?

Rainald Grebe: Ich rufe manchmal »Auswärtssieg!«, wenn ein Auftritt richtig gut gelaufen ist. Wenn es wirklich schön war – und keine Routine. Mit Pannen, die man angenehm ausgebügelt hat. 

Gibt es Städte, in die Sie ungern fahren, so wie die Bayern nach Kaiserslautern?

Rainald Grebe: Diese Angstgegner gibt es schon. In Köln etwa beginnen die Leute, kaum hat man etwas gesagt, rhythmisch zu klatschen. Womit sie aber ziemlich bald aufhören, weil ich sie dann aus der Kurve haue. 

Ist das Publikum also Ihr Gegner?

Rainald Grebe: Manchmal sitze ich vor einem Auftritt hinter Bühne und rufe: »Ich mach die fertig heute, ich mach die alle platt!« Und hinterher: »Denen habe ich heute einen eingeschenkt!« Diesen Moment des Triumphs brauche ich, wenn ich zwei Stunden da oben auf der Bühne rumgeschrien habe.

Sind Sie als Künstler mit 39 eigentlich noch ein Talent?


Rainald Grebe: Das Kabarett alter Prägung ist eine Greisenveranstaltung. Von daher kann man mit 40 immer noch Nachwuchspreise gewinnen kann. Danach kippt es dann ziemlich schnell. Jetzt habe ich schon irgendwo gelesen, ich sei ein Urgestein. Das fand ich krass. Das geht von einem Tag auf den anderen. 

Als Fußballer wären Sie schon in den Ruhestand geschickt worden.

Rainald Grebe: Ich bin in dem Alter, in dem die Letztmöglichen längst aufgehört haben. Gut, Klaus Fichtel war 40. In den Achtzigern ging das noch. Heutzutage aber ist Ballack mit 34 ein Opa.

Die neue Generation des deutschen Fußballs habe, so schrieb der »Spiegel«, etwas »Leichtes, Tänzelndes«. 

Rainald Grebe: Es gab eine andere Bezeichnung, die fand ich gar nicht doof: »Generation iPod«. Das fand ich treffend. Jeder ist für sich, hat seine Glocke auf. Das steht auch für eine Generation, in der jeder für sich ein Künstler ist, die sich von oben, von älteren Spielern, nicht mehr so viel sagen lässt. Ballack faucht. Aber niemand hört ihn. 

Ballacks Manager Michael Becker hat dieses Tänzelnde als »halbschwul« bezeichnet.


Rainald Grebe: Siehste, da war sie gleich wieder da, die alte Zeit. Aber Becker wurde ja zum Glück weggetanzt. 

Was hat Sie an dieser Mannschaft fasziniert?

Rainald Grebe: Ich fand den Thomas Müller klasse, wie der aufgetreten ist: »Ich grüße meine Omas«. Diese Spieler sind 19 oder 20, stehen da aber so abgeklärt rum. Es ist erstaunlich, wie schnell die sich zurecht finden in dieser Maschine Fußball. Aber sie müssen das ja auch, weil viel früher wieder Schluss ist als noch vor zwanzig Jahren.

Und plötzlich stand Angela Merkel neben einem halbnackten Schweinsteiger in der Kabine.

Rainald Grebe: Ich finde das ziemlich plump. Es wäre interessanter, wenn Frau Merkel die Chuzpe hätte, das nicht zu tun: »Das interessiert mich leider nicht. Schön, dass es das gibt, aber ich brauche das nicht.« Das würde den Sympathien keinen Abbruch tun. Aber es ist eben, ganz platt, diese Symbiose aus Fußball und Macht. 

Was früher der »Internationale Frühschoppen« war, ist heute der »Doppelpass«.

Rainald Grebe: »Doppelpass« – herrlich! Stammtisch mit Udo. Haben die Bayern ein Torwartproblem? Und dann immer: Jazz.

Das Trio la Haze tritt dort nicht mehr auf, dafür sitzt da jetzt der Sohn von Udo Jürgens und macht den DJ.

Rainald Grebe: Wie bitte? Das ist doch scheiße.

Können Sie uns erklären, warum die Kolumbianerin Shakira die offizielle Hymne der WM in Südafrika singen durfte?

Rainald Grebe: Waka-Waka. Was soll man dazu sagen? Ich weiß nicht, wie so etwas passiert, wer so etwas entscheidet. Irgendwer muss ja singen. Aber es wäre besser gewesen, wenn diese Hymne ein Künstler aus Afrika gesungen hätte. Nur ist Shakira wahrscheinlich genau die World-Mischung, auf die sich bei Sony alle einigen konnten.

Was heißt eigentlich »Waka-Waka«?

Rainald Grebe: Ich weiß es nicht. Wackel mit dem Arsch. Hallo, hallo. Vielleicht.

Wäre das eine Antwort auf die Frage: »Wie fühlen Sie sich?«? 

Rainald Grebe: Na klar, kann man machen. Es geht ja eh nur darum, irgendwas zu reden.

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