09.02.2012

Rainald Grebe im Interview

»Bundesliga ist wie Brecht mit Catchern«

Was hätte Thomas Bernhard über Felix Magath geschrieben? Ist Zettel-Ewald ein Dramatiker? Und wie hoch flog Beckenbauers Heli wirklich? Der Kabarettist Rainald Grebe über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Theater.

Interview: Lucas Vogelsang und Dirk Gieselmann Bild: Jim Rakete

Rainald Grebe, wie fühlen Sie sich?

Rainald Grebe: Im Moment fühle ich mich ganz gut. Danke.

Und wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie nach jedem Auftritt ein Reporter fragen würde: »Wie fühlen Sie sich?«

Rainald Grebe: Durchaus angefressen. Ich würde also mindestens sagen: »Hau ab!« Als Theatermann bin ich in dieser Situation übrigens geschützt. Es gibt da so eine Minutenregelung: Wenn ich jemanden unmittelbar nach dem Auftritt ohrfeige oder sogar ein Verbrechen begehe, stehe ich unter Immunität. Das müsste man für Fußballer auch mal einführen, dann würden die Antworten bestimmt interessanter ausfallen.



Wir fragen auch deshalb, weil Sie in einem Ihrer Lieder singen: »Ich fühl mich heut' so wie Franz Beckenbauer kocht, ich weiß gar nicht, wie der kocht.« Wir tippen auf Knorr-Tütensuppen, für die er früher Werbung gemacht hat: »Knorr in den Teller, Kraft auf den Tisch.« So fühlen Sie sich also?

Rainald Grebe: Es überrascht mich jetzt, dass Beckenbauer ein Tütensuppen-Typ ist. Ich kenne ihn eher als Weißbier-Menschen. Stichwort »Qualität und Zuversicht«. Obwohl man da ganz deutlich sieht, dass der Schaum nicht echt ist. 

Wie oft kommt es vor, dass Sie über Beckenbauer nachdenken?

Rainald Grebe: Ab und an. Vor allem natürlich bei der WM 2006: der Kaiser in seinem Helikopter über Deutschland, das war was! Schon beim ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher haben die Leute sich gewundert, dass er an so vielen Orten gleichzeitig sein konnte, ja, dass er sich selbst über dem Ozean begegnete. Daran musste ich immerzu denken, als der so genannte Kaiser über Deutschland kreiste.

Welche Gedanken gingen Beckenbauer wohl selbst durch den Kopf?

Rainald Grebe: Vielleicht: »Ja, Herrschaften, in meinem Leben hat ja wohl mal alles geklappt!« Nur bei Goethe und Mandela ist alles so sauber wie bei ihm. 

Über seinen Misserfolgen schweben, sogar über seinen Erfolgen, über einer WM und einem ganzen Land – wie schafft Beckenbauer es, sich selbst nicht mit Gott zu verwechseln?

Rainald Grebe: Das dürfte in der Tat schwierig sein. Beckenbauer ist unantastbar, der bekommt keine Kratzer. Was umso erstaunlicher ist, da er als Redner alles andere als brillant ist. 

Sind Gott und der Fußballgott ein und derselbe?

Rainald Grebe: Beides ist ein Synonym für den Zufall. Dem Zufall bin auch ich als Künstler unterworfen. Die eigentliche Kunst besteht darin, den Zufall wie Absicht aussehen zu lassen. Man muss die Behauptungskraft haben – man könnte es auch Scharlatanerie nennen –, erst sich und dann anderen weis zu machen, dass man Herr der Lage ist, während man insgeheim Luft melkt. So dürfte es auch im Fußball sein: Jemand hat eigentlich keine Ahnung, wo der Ball gerade ist, nennt es aber Dribbling.
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