Raimond Aumann im Interview

„Ich war vom Ehrgeiz zerfressen“

Wie wird man ein guter Keeper? Darüber sprachen wir diesmal mit Raimond Aumann, dem einstigen Bayern-Torwart. Auf seinem Weg zum Top-Niveau musste er sich sogar von seinem Widersacher Jean-Marie Pfaff boxen lassen.
Heft #72 11 / 2007
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Herr Aumann, was macht Ihrer Meinung nach einen guten Torwart aus?
Das kann man nicht nur mit ein, zwei prägnanten Attributen beschreiben. Ein Torhüter muss vor allem der Zeit, in der er spielt, angepasst sein. Neben Nervenstärke, guten Reflexen und Strafraumbeherrschung, muss ein Torhüter heutzutage auch mitspielen können. Dazu muss er ein Spiel lesen können, um seine Vorderleute dementsprechend zu dirigieren. Man muss mehr können. als nur im Tor zu stehen.

Früher war das anders?
Wer am schlechtesten kicken konnte, wurde ins Tor gestellt.

Waren Sie auch der schlechteste Fußballer in der Nachbarschaft?

Ich spielte zu Beginn auch im Feld. Irgendwann brauchte meine Mannschaft einen Torhüter, da habe ich mich eben reingestellt. Als Torhüter hatte ich auch etwas mehr Talent, dazu kam mein Ehrgeiz. Im Nachhinein war es wohl gut für mich, ins Tor zu wechseln.

Hat sich das Torwarttraining und –spiel im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit verändert?
Absolut. Früher wurden die Torhüter vom Co-Trainer trainiert, heute hat jeder Verein mindestens einen Trainer, der sich ausschließlich um die Aus- und Weiterbildung der Keeper kümmert. Ich bin auch der Meinung, dass Torhüter, im Vergleich zu früheren Zeiten, gegenwärtig einen anderen Stellenwert in der Öffentlichkeit, aber auch im Spiel selbst, haben. Sepp Maier war damals einer der ersten Torwarttrainer in der Bundesliga. Das war ein Startsignal dafür, dass erkannt wurde, wie wichtig die Position des Torhüters wirklich ist.

Sind Torhüter generell eher Einzelkämpfer oder Mannschaftsspieler?
Ein Torhüter ist letztendlich immer auf sich alleine gestellt. Wenn ein Verteidiger patzt, weiß er, dass hinten immer noch einer steht. Bei einem Torhüter kommt nach einem Gegentor immer die Diskussion auf, ob der Ball haltbar war oder nicht.

Hätten Sie mit Oliver Kahns Entscheidung gerechnet, als Ersatztormann mit zur WM zu fahren?
Absolut. Ich war immer davon überzeugt, dass Oliver Kahn ein fairer Sportsmann ist. Die Entscheidung Klinsmanns musste er so akzeptieren, wie er sich danach verhielt zeugt von großem Sportsgeist und verdient größten Respekt. Ob ich in seiner Situation so gehandelt hätte, kann ich nicht sagen.

Im Verein standen Sie in harter Konkurrenz zu Pfaff - am Ende setzten sie sich jedoch durch. Wie würden Sie Ihr Verhältnis beschreiben?

Wir waren beide vom Ehrgeiz zerfressen. Wir können uns heute aber noch in die Augen schauen und sogar über den damals in den Medien hochgespielten Zweikampf im Training lachen (Anm. d. Red.: Pfaff soll Aumann im Training geohrfeigt/wahlweise auch mit der Faust geschlagen haben.). Für mich war das zwischen Jean-Marie und mir ein ganz normaler Wettkampf unter Torleuten, die beide spielen wollten. Ich denke, dass wir uns gegenseitig zu Leistungssteigerungen brachten.

Agierten Sie bei Bayern München aggressiver als gegen ihre Konkurrenten in der Nationalelf?
Ich war eigentlich nie aggressiv, ich wollte immer nur spielen. Vor der WM 1990 hatte sich Franz Beckenbauer für Bodo Illgner als Nummer Eins festgelegt, das musste ich verdammt noch mal so hinnehmen. Ich bin dann in dem Wissen, nur die Nummer Zwei zu sein, nach Italien mitgereist und versuchte, mich so gut es ging in den Dienst der Mannschaft zu stellen und für den Fall eines möglichen Einsatzes fit zu halten. Das sollte auch jeder Sportler tun: Entscheidungen des Trainer, auch wenn sie gegen einen ausfallen, akzeptieren.

Es ist momentan so, dass mit Enke und Hildebrand auf der einen sowie Neuer, Adler und Rensing auf der anderen Seite fast schon zwei Torhütergenerationen miteinander konkurrieren. Sind Sie für den sanften Übergang mit der Generation Enke, oder würden Sie eher sofort auf die Jugend bauen?
Momentan spielt Jens Lehmann noch, deshalb sollte man sich nicht zu Spekulationen, die Zukunft betreffend, hinreißen lassen. Denn Lehmann macht zur Zeit einen großartigen Job als Torhüter der Nationalelf. Ich sehe primär auch nicht, dass sich zwei Torhütergenerationen um die Nachfolge im Tor der Nationalelf streiten. Meine Sichtweise ist, dass Deutschland noch nie ein Torhüterproblem hatte und auch in Zukunft keines haben wird. Sie nannten eben selbst fünf Namen von Torhütern, die das Tor der Nationalmannschaft hüten könnten.

Wer ist für Sie der stärkste Keeper aller Zeiten?
Ich denke, dass es nicht den besten Torhüter aller Zeiten gibt. Aber jede Zeit hat einen Torhüter, der über den anderen ragt. Mich hat natürlich Sepp Maier stark beeinflusst. Aber es wäre ungerecht zu sagen, dass Maier stärker als Kahn war. Oder als Buffon, der für mich momentan vielleicht der stärkste Keeper von allen ist.

Welches Spiel ihrer Karriere ist ihnen am stärksten im Gedächtnis geblieben?
Wenn ich auf meine Karriere zurück blicke, dann fallen mir spontan zwei Spiele ein. Und wenn ich mich nicht entsinne, dann tut es die Öffentlichkeit. Das erste Spiel, an das ich auch weniger gern denke, war die Partie gegen Roter Stern Belgrad in Belgrad. Im Halbfinale des Landesmeisterpokals schaufelte ich mir einen harmlosen Ball von Klaus Augenthaler selbst ins Tor. Das hat mir für meine Mitspieler wahnsinnig leid getan. Viel lieber denke ich an eine Partie bei Inter Mailand. Nach der Partie hatte mich wirklich jeder in den Himmel gelobt.


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