Rafael van der Vaart im Interview

»Ich bin jetzt ein echter Kerl«

Sie wollen immer schön spielen und vergessen dabei das Gewinnen. Hollands Spielmacher Rafael van der Vaart erklärt hier die Fußball-Philsophie in seinem Heimatland – und wie ihn die Bundesliga verändert hat. Rafael van der Vaart im InterviewImago

Herr van der Vaart, mit dem Hamburger SV haben Sie eine schwierige Bundesliga-Saison hinter sich. Haben Sie Angst, dass Sie das bei der Europameisterschaft belastet?

Nein, die EM ist für sich ein zu großes Ereignis, als dass da was nachwirkt. Mit der Qualifikation für den Uefa-Cup haben wir die Saison noch gerettet. Jetzt überwiegt die Freude auf das, was kommt.

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Die EM ist auch eine große Bühne.

Natürlich, ich möchte glänzen und zeigen, was in mir steckt. Aber als erstes zählt der Erfolg der Mannschaft. Ich denke nicht: Oh, jetzt muss ich die großen Klubs überzeugen. Ich bin 25 Jahre alt, jeder kennt Rafael van der Vaart und weiß, was für ein Spieler ich bin. Aber wenn ich bei der EM gut spiele, wird das nicht von Nachteil sein.

Belastet es Sie nicht, dass Sie noch nicht wissen, wo Sie nach dem Sommer spielen?

Dass ich diesen Gedanken mit ins Turnier nehme, behindert mich nicht. Ich war immer ehrlich zum HSV. Ich habe gesagt: Wenn ein Superverein kommt, denke ich darüber nach. Aber im Moment gibt es keinen. Also muss ich warten oder sagen: Okay, dann bleibe ich noch.

Ist diese EM besonders wichtig für Sie, weil Sie um Ihren nächsten, vielleicht wichtigsten Vertrag spielen?

So denke ich nicht, und so kann ich auch nicht in dieses Turnier gehen. Es geht ab jetzt nur um Holland und nicht um mich. Für unser Land ist dieses Turnier wichtig, vielleicht holen wir mal wieder den Titel. Diese EM soll ein Traum werden.

Sind Sie im Traum schon einmal mit dem Pokal durch die Amsterdamer Grachten geschippert, die von den Massen in Orange gesäumt werden?


Natürlich träumt man davon. Aber das ist ein langer Weg. Wir müssen erst einmal über unsere Spiele nachdenken, vielleicht auch davon träumen, wie so ein Spiel läuft. Wenn man merkt, wir sind gut in die EM gekommen, kann man auch mal von einem Boot in Amsterdam träumen.

Können Sie sich noch an die EM 1988 erinnern, an den einzigen Titel, den Holland gewonnen hat?


Schwach, ich war fünf! Ich kann mich ein bisschen an das Spiel gegen Deutschland erinnern. Dieses Duell ist immer ein besonderes.

Braucht der holländische Fußball nach 20 Jahren wieder mal einen Titel?

Keine Frage. Wir spielen eigentlich immer super und gewinnen eigentlich nichts. Das ist ein bisschen so wie die Spanier, die haben oft gute Mannschaften, aber ihnen gelingt nichts. Noch heute redet jeder in Holland von 1988. Langsam wirds Zeit. Die sollen jetzt über uns reden. Aber bei unserer Gruppe ist es nicht so, dass ich sage: Hach, das ist aber einfach.

Sie treffen auf die beiden WM-Finalisten Italien und Frankreich.

Ja, alle reden von Italien und Frankreich, aber gegen Rumänien haben wir in der Qualifikation einmal unentschieden gespielt und einmal verloren. Die sind richtig gut. Deutschland hat es einfacher. Aber du musst gegen jeden gewinnen können. Und natürlich brauchst du auch einmal ein bisschen Glück, um vielleicht im Elfmeterschießen weiterzukommen.

Holland gewinnt im Elfmeterschießen – ein guter Witz.

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Aber das wäre doch überragend – das Finale im Elfmeterschießen zu gewinnen.

Sie sind immerhin ein sehr sicherer Schütze.

Naja, ich kann mich noch gut daran erinnern, dass man genau das einmal zu mir gesagt hat – und dann habe ich verschossen. Elfmeter sind im Fußball das Schwerste, was es gibt.

Das müssen Sie erklären…

Von draußen sieht es einfach aus, der Ball liegt nah am Tor, keiner stört. Aber für mich ist es einfacher, den Ball aus dem Spiel heraus aus 15, 16 Metern ins Tor zu schießen. Bei einem Elfmeter hast du plötzlich so einen Druck. Alle erwarten von dir, dass du triffst. Jedes Tor ist schön, aber ein Elfmetertor ist für mich noch schöner. Man sieht auch beim Jubeln, welche Erleichterung ich dann spüre. Vielleicht ist es gerade das Schwere, was so leicht aussieht.

Man hat manchmal das Gefühl, für die Holländer, die den schönen Fußball lieben, ist es ein bisschen unter ihrer Würde, den Ball aus elf Metern ins Tor zu schießen.

Ich hatte auch die Mentalität: Wenn ich den Ball aus einem halben Meter über die Linie drücke, zählt das eigentlich nicht. Aber Ruud van Nistelrooy hat mir bei der EM in Portugal gesagt: Du bist so ein überragender Spieler, aber du musst lernen: Jedes Tor ist ein besonderes. Egal, wie du es schießt. Holland will immer schön gewinnen. Aber du brauchst auch den richtigen Glauben und ein bisschen Glück. 1988 ist Holland nur durch ein ganz komisches Tor von Wim Kieft gegen Irland weitergekommen. Sonst hätten wir gar nichts erreicht.

Elfmeter zu schießen und zu verwandeln ist ziemlich deutsch, oder?

Ja, auch.

Mussten Sie sich in Holland mal dafür rechtfertigen, in die Bundesliga gewechselt zu sein?

Als ich vor drei Jahren in die Bundesliga gekommen bin, haben viele gesagt: Was macht der da? Aber das hat sich geändert. Luca Toni und Franck Ribéry sind nicht umsonst nach Deutschland gewechselt.

Ist auch der Ruf der deutschen Nationalmannschaft besser geworden?

Viel besser. Die Deutschen waren immer gut, aber jetzt kämpfen und laufen sie nicht nur, jetzt spielen sie auch schönen Fußball.

Gibt es einen Mannschaftsteil, in dem die Deutschen besser besetzt sind als Holland?


Die größte Qualität der Deutschen ist ihr Zusammenhalt: dass sie während eines Turniers zusammenwachsen und das auch ausstrahlen. Sie haben keine extremen Superspieler, aber sie wissen: Okay, wir müssen gewinnen, egal wie.

Haben Sie sich in Deutschland verändert?

Als ich gekommen bin, war ich ein guter Fußballer, aber nicht besonders stark. Ich hatte nicht viele Muskeln. In Deutschland bin ich ein echter Kerl geworden.

Haben Sie sich etwas von der deutschen Mentalität abgeschaut?

Der Glaube ist alles im Fußball. Wenn das Spiel nur noch drei Minuten läuft, sagen sich die Deutschen: Alles geht noch. Dieses Denken ist in Deutschland überragend. In Holland denken wir: Ach, nur noch drei Minuten, das schaffen wir nicht mehr. Das war auch bei mir so. Aber ich habe daran gearbeitet, auch noch in der 90. Minute Gas zu geben.

Herr van der Vaart, was ist guter Fußball?

Guter Fußball ist Gewinnen. Das ist jetzt keine holländische Antwort, das habe ich in Deutschland gelernt. Den Ball laufen lassen, gute Kombinationen, sich zwischen den Linien bewegen, die Bälle von hinten gut rausspielen und nicht nur hoch und weit nach vorne – das wollen die Holländer sehen. Wir haben mal zu Hause 2:0 gegen Bulgarien gewonnen, danach haben alle gesagt: Was für ein schlechtes Spiel. Nach einem 2:0! Im Rückspiel in Bulgarien haben wir 1:1 gespielt. Danach haben alle geschwärmt: Das ist Holland! So denken wir. Lieber ein 1:1 mit schönem Fußball als ein Sieg mit schlechtem.

Was ist Ihnen lieber?

Gewinnen.

Braucht guter Fußball einen Spielmacher?

Es ist immer gut, wenn man so viele gute Fußballer wie möglich aufstellt. In Holland haben wir Wesley Sneijder und mich, Spieler mit guter Technik, die beide Spielmacher sein können. Wenn es läuft, ist das schön anzuschauen.

Woher kommt Ihre überragende Technik? Hat das etwas damit zu tun, dass Sie auf einem Campingplatz aufgewachsen sind?

Wir haben da mit vielen Freunden auf engem Raum zusammengewohnt und immer auf der Straße gespielt. Jeden Tag nach der Schule haben wir zwei Tore aufgebaut, drei gegen drei gespielt, eins gegen eins, je nachdem wer gerade konnte. Das hat Spaß gemacht. Auf der Straße habe ich mehr gelernt als im Verein.

Waren Sie auf dem Campingplatz schon der König?

Der König nicht. Ich war gut, hatte eine gute Technik, aber ich war nicht schnell. Die Großen waren schneller. Bei denen hat das damals besser ausgesehen, aber ich wusste, dass ich noch größer, schneller und stärker werden würde. Jetzt bin ich groß. Es ist immer wichtig, dass man ein gutes Auge hat, dass man etwas schneller denkt als andere.

Kann man das trainieren?

Man kann nur schwer lernen, so zu denken wie ich. Das musst du ein bisschen in dir selbst haben. Ich glaube auch nicht, dass Diego oder Ribéry das gelernt haben; die sind einfach so geboren. Man muss großes Vertrauen in sich haben. Das habe ich. Ich weiß: Ich kann gut spielen, und heute kann nichts schief gehen.

Warum ist die holländische Mannschaft besser als vor zwei Jahren bei der WM, als sie im Achtelfinale gegen Portugal ausgeschieden ist?

Ich hoffe, wir haben an Erfahrung gewonnen. Wir sind alle zwei Jahre älter, haben mehr erlebt. Die EM ist mein drittes großes Turnier, meine Lernphase ist jetzt abgeschlossen. Beide Male, bei der EM 2004 und der WM 2006, bin ich mit Verletzungen in die Turniere gegangen. Da merkst du, dass man bei hundert Prozent sein muss, um etwas zu prägen.

Bedauern Sie es, dass Clarence Seedorf auf seine Teilnahme verzichtet?

Es ist schade. Wir werden ihn vermissen, weil er immer noch ein überragender Spieler ist. Ich kann ihn aber auch verstehen. Er will gerne spielen, er will wichtig sein, aber er ist bei Marco van Basten nicht mehr unbedingt gesetzt.

In der Nationalelf gibt es eine ähnliche Situation, wie es sie in der Rückrunde beim HSV gegeben hat. Die Spieler wissen, dass der Trainer aufhört. Ist das ein Problem?


Ich habe das immer als zusätzliche Motivation verstanden. Ich möchte für van Basten gerne noch eine sehr gute EM spielen. Ich empfinde das als persönliche Verpflichtung. Er hat vier Jahre einen guten Job gemacht. Da kann es nicht sein, dass wir ein Katastrophenturnier spielen.



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