09.06.2008

Rafael van der Vaart im Interview

»Ich bin jetzt ein echter Kerl«

Sie wollen immer schön spielen und vergessen dabei das Gewinnen. Hollands Spielmacher Rafael van der Vaart erklärt hier die Fußball-Philsophie in seinem Heimatland – und wie ihn die Bundesliga verändert hat.

Interview: Stefan Hermanns und Michael Rosentritt Bild: Imago
Rafael van der Vaart im Interview
Herr van der Vaart, mit dem Hamburger SV haben Sie eine schwierige Bundesliga-Saison hinter sich. Haben Sie Angst, dass Sie das bei der Europameisterschaft belastet?

Nein, die EM ist für sich ein zu großes Ereignis, als dass da was nachwirkt. Mit der Qualifikation für den Uefa-Cup haben wir die Saison noch gerettet. Jetzt überwiegt die Freude auf das, was kommt.



Die EM ist auch eine große Bühne.

Natürlich, ich möchte glänzen und zeigen, was in mir steckt. Aber als erstes zählt der Erfolg der Mannschaft. Ich denke nicht: Oh, jetzt muss ich die großen Klubs überzeugen. Ich bin 25 Jahre alt, jeder kennt Rafael van der Vaart und weiß, was für ein Spieler ich bin. Aber wenn ich bei der EM gut spiele, wird das nicht von Nachteil sein.

Belastet es Sie nicht, dass Sie noch nicht wissen, wo Sie nach dem Sommer spielen?

Dass ich diesen Gedanken mit ins Turnier nehme, behindert mich nicht. Ich war immer ehrlich zum HSV. Ich habe gesagt: Wenn ein Superverein kommt, denke ich darüber nach. Aber im Moment gibt es keinen. Also muss ich warten oder sagen: Okay, dann bleibe ich noch.

Ist diese EM besonders wichtig für Sie, weil Sie um Ihren nächsten, vielleicht wichtigsten Vertrag spielen?

So denke ich nicht, und so kann ich auch nicht in dieses Turnier gehen. Es geht ab jetzt nur um Holland und nicht um mich. Für unser Land ist dieses Turnier wichtig, vielleicht holen wir mal wieder den Titel. Diese EM soll ein Traum werden.

Sind Sie im Traum schon einmal mit dem Pokal durch die Amsterdamer Grachten geschippert, die von den Massen in Orange gesäumt werden?


Natürlich träumt man davon. Aber das ist ein langer Weg. Wir müssen erst einmal über unsere Spiele nachdenken, vielleicht auch davon träumen, wie so ein Spiel läuft. Wenn man merkt, wir sind gut in die EM gekommen, kann man auch mal von einem Boot in Amsterdam träumen.

Können Sie sich noch an die EM 1988 erinnern, an den einzigen Titel, den Holland gewonnen hat?


Schwach, ich war fünf! Ich kann mich ein bisschen an das Spiel gegen Deutschland erinnern. Dieses Duell ist immer ein besonderes.

Braucht der holländische Fußball nach 20 Jahren wieder mal einen Titel?

Keine Frage. Wir spielen eigentlich immer super und gewinnen eigentlich nichts. Das ist ein bisschen so wie die Spanier, die haben oft gute Mannschaften, aber ihnen gelingt nichts. Noch heute redet jeder in Holland von 1988. Langsam wirds Zeit. Die sollen jetzt über uns reden. Aber bei unserer Gruppe ist es nicht so, dass ich sage: Hach, das ist aber einfach.

Sie treffen auf die beiden WM-Finalisten Italien und Frankreich.

Ja, alle reden von Italien und Frankreich, aber gegen Rumänien haben wir in der Qualifikation einmal unentschieden gespielt und einmal verloren. Die sind richtig gut. Deutschland hat es einfacher. Aber du musst gegen jeden gewinnen können. Und natürlich brauchst du auch einmal ein bisschen Glück, um vielleicht im Elfmeterschießen weiterzukommen.

Holland gewinnt im Elfmeterschießen – ein guter Witz.

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Aber das wäre doch überragend – das Finale im Elfmeterschießen zu gewinnen.

Sie sind immerhin ein sehr sicherer Schütze.

Naja, ich kann mich noch gut daran erinnern, dass man genau das einmal zu mir gesagt hat – und dann habe ich verschossen. Elfmeter sind im Fußball das Schwerste, was es gibt.

Das müssen Sie erklären…

Von draußen sieht es einfach aus, der Ball liegt nah am Tor, keiner stört. Aber für mich ist es einfacher, den Ball aus dem Spiel heraus aus 15, 16 Metern ins Tor zu schießen. Bei einem Elfmeter hast du plötzlich so einen Druck. Alle erwarten von dir, dass du triffst. Jedes Tor ist schön, aber ein Elfmetertor ist für mich noch schöner. Man sieht auch beim Jubeln, welche Erleichterung ich dann spüre. Vielleicht ist es gerade das Schwere, was so leicht aussieht.

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