Rafael Benitez im Interview

»Ein Trainer ist ein einsamer Mann«

Rafael Benitez, Trainer des SSC Neapel, über Klopps Wutausbruch und seinen Lieblingsfeind José Mourinho.

Guido Gazzilli
Heft: #
152

Rafael Benitez, wir treffen uns in einem Hotel direkt am Trainingszentrum, hier wohnen Sie seit einem Jahr. Bis in den Abend laufen Sie über die Flure wie ein Chefarzt durchs Krankenhaus. Ist der SSC Neapel Ihr Patient?
Das würde ja bedeuten, dass der Verein krank ist. Aber nein, er ist gesund. Ich will ihn nur noch gesünder machen. Deshalb eile ich hier von einer Besprechung zur nächsten.

Unlängst hat Ihnen der Hoteldirektor einen Balkon anbauen lassen, damit Sie von Ihrem Zimmer die Trainingsplätze besser im Auge haben. Vielleicht sind Sie ja krank - fußballsüchtig.
Keine Sorge, auch mir geht es gut. Meine Spieler brauchen Erholung, Ablenkung. Ich nicht. Ich will und muss den ganzen Tag an Fußball denken.

Vermissen Sie Ihre Familie denn gar nicht? Sie lebt noch immer in Liverpool, wo Sie bis 2010 Trainer waren.
Doch, sicher. Aber meine Töchter sind in einer entscheidenden Phase ihrer Schullaufbahn, und es wäre zu riskant gewesen, sie jetzt noch an eine neue Schule in einem anderen Land zu gewöhnen.

Sie haben nach Ihrem Amtsantritt mit Pepe Reina, Raul Albiol und José Callejón gleich drei Spanier nach Neapel geholt. Ihre Ersatzfamilie?
Ja, wie auch meine Assistenten, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeite. Wissen Sie, ein Trainer ist ein einsamer Mann: Er entscheidet allein, hält allein dem Druck stand. Das muss er aushalten können. Aber es schadet auch nicht, sich ein bisschen Beistand zu suchen. Schon die gemeinsame Sprache verbindet uns.

Sie arbeiten seit zehn Jahren im Ausland. Fehlen Ihnen manchmal noch die Vokabeln?
Ich kann mich recht gut verständigen. Italienisch liegt mir, Englisch habe ich lange geübt. Aber ich erinnere mich noch an meine Liverpooler Anfangszeit. Vor einem der ersten Spiele sagte ich zu Steven Gerrard, er solle sich vor dem Wind in Acht nehmen: »Be careful with the wind!« Es klang wie: »Be careful with the wine!« Steven hat mich angeguckt, als wäre ich verrückt.

Werden Sie eigentlich noch von Albträumen geplagt?
Nein, ich schlafe wie ein Baby. Warum fragen Sie?

Könnte ja sein, dass die Grimasse, die Jürgen Klopp im Champions-League-Gruppenspiel zwischen dem SSC Neapel und Borussia Dortmund zog, sie nachhaltig verängstigt hat.
Seine Wut galt doch nicht mir. Und sein Gesicht schien, denke ich, auch nur deshalb so böse, weil es überall und immer wieder in Superzeitlupe gezeigt wurde. Total verzerrt. Ich sähe auch so aus, wenn man mich etwa verlangsamt beim Niesen zeigen würde. (Lacht.)

Aber Klopp war nicht erkältet. Er hätte den vierten Offiziellen fast aufgefressen.
Und dafür hat er seine Strafe bekommen. Er wurde auf die Tribüne verbannt und konnte seiner Mannschaft nicht mehr helfen. Da muss man nun wirklich nicht mehr nachkarten.

Auf den Bildern von diesem Spiel wirken Sie neben dem ausrastenden Klopp vollkommen ungerührt.
Was nicht heißt, dass ich seine Emotionen nicht nachvollziehen könnte. Sie zeigen eben auch, was in einer solchen Partie auf dem Spiel steht. Für ihn und für mich.

Sie meinen: finanziell? Für einen Sieg in der Gruppenphase bekommt ein Klub allein 800 000 Euro extra aus den Töpfen der UEFA, für den Einzug ins Achtelfinale drei Millionen.
Mir sind diese Summen natürlich geläufig. Aber glauben Sie, ich würde während der neunzig Minuten an Geld denken? Dann haben Sie aber eine ziemlich kaputte Idee von meinem Beruf, muss ich sagen.

Worum geht es dann? Ruhm und Ehre?
Darum, den Gegner in einem archaischen Sinn niederzuringen? Nennen Sie es doch einfach: gewinnen. Ein schönes Wort, ein schönes Gefühl. Dafür arbeiten wir, darauf hoffen unsere Fans im San Paolo, darum geht es in unserem Sport.

Klopp wurde nach dem Ausraster in Neapel und anderen Auffälligkeiten in Teilen der deutschen Presse als schlechter Verlierer bezeichnet.
Jürgen wurde aber auch schon, wenn ich richtig informiert bin, für seine mitreißende Art gefeiert. Wahrscheinlich von denselben Leuten. Kann ein solcher Mann, wenn er verliert, plötzlich gefühllos sein? Niemand verliert gern. Auch ich nicht. Man merkt es mir nur nicht so an.

Aber man braucht doch Niederlagen. Woraus soll man denn sonst lernen?
Man kann zwar auch aus Siegen lernen, denn nichts ist perfekt, immer gibt es etwas zu verbessern. Aber natürlich haben Sie recht: Erst aus Niederlagen entstehen die Entwicklungsschübe einer Mannschaft, weil dann alle willens sind, etwas zum Besseren zu verändern.

In Deutschland gab es die Diskussion, der FC Bayern habe das Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid vor allem deshalb verloren, weil die Mannschaft nach dem frühen Gewinn der Meisterschaft keinen Schwung mehr gehabt habe.
Ach, das ist das übliche Gerede der sogenannten Experten. Es klingt so schlau. Aber was hätte Pep Guardiola denn machen sollen? Etwa absichtlich verlieren? Stellen Sie sich vor, nach einer Niederlage im März fragt ihn ein Reporter: »Warum haben Sie heute verloren?« Und er sagt: »Um im Halbfinale in Form zu sein!« Wenn ich eines in all den Jahren gelernt habe, dann dass Fußball sich nicht berechnen lässt.

Sie sagen es: Ihre Mannschaft ist nicht über die Gruppenphase der Champions League hinausgekommen, obwohl sie satte zwölf Punkte geholt hatte. Das war zuletzt Paris Saint-Germain vor 17 Jahren passiert.
Und gleichzeitig ist Zenit St. Petersburg in Gruppe G mit sechs Punkten weitergekommen. Aber was soll ich machen? Dagegen klagen?

Wenn Ihre Mannschaft am letzten Spieltag gegen den FC Arsenal ein Tor mehr geschossen hätte, wäre sie durch gewesen.
Was Sie nicht sagen. Aber gegen eine Mannschaft wie Arsenal darf man eben auch nicht nur nach vorn rennen, dann steht es nicht 3:0, sondern ganz schnell 2:2.

Wenn Kevin Großkreutz nicht in der 87. das 2:1 für den BVB in Marseille erzielt hätte, hätte auch Ihr 2:0 zum Weiterkommen gereicht.
Und noch bitterer: Ein italienischer Radiokommentator behauptete, Olympique habe danach noch mal ausgeglichen. 2:2! Was glauben Sie, was im San Paolo los war, als diese Nachricht durchdrang! Und wie groß die Enttäuschung war, als sich nach Abpfiff herausstellte, dass sie nicht stimmte!

Wie haben Sie Ihre Spieler getröstet?
Das Wichtigste in solchen Situationen ist, all die »Was wäre gewesen, wenn ...«-Gedanken aus den Köpfen zu kriegen. Was wäre gewesen, wenn wir im Heimspiel gegen Dortmund in der 87. Minute kein Eigentor gemacht hätten? Wenn wir in Marseille in der 86. Minute nicht noch den Anschlusstreffer kassiert hätten? Ich muss den Blick der Spieler nach vorn richten. Auf die nächsten Herausforderungen, die es ermöglichen, wieder Positives zu erleben. Dann trösten sie sich schon von ganz allein.

Und wer tröstet Sie?
Mich muss niemand trösten. Ich sehe viele Vorzeichen für eine erfreuliche Zukunft meiner Mannschaft. Sie betritt den Platz mit Charakter und Identität. Sie hat eine Vorstellung davon, wie sie zu spielen hat. Sie spielt mit Kopf und Herz. Wir sind Dritter in der Serie A geworden, wir haben mit zehn Auswärtssiegen einen neuen Vereinsrekord aufgestellt. Und wir wollen noch mehr erreichen.

Aber der Trend geht doch nach unten: Unter Ihrem Vorgänger Walter Mazzarri wurde der SSC Neapel letztes Jahr noch Vizemeister.
Sagt Ihnen der Name Edinson Cavani etwas, mein Freund?

Das ist der Mann, der den Verein letzten Sommer in Richtung Paris verließ.
Cavani hat in drei Jahren 104 Tore für den Verein geschossen. So einen Spieler kann man nicht ersetzen.

Der Transfer brachte 64 Millionen Euro ein. Für das Geld holten Sie unter anderem Gonzalo Higuaín von Real Madrid und Dries Mertens aus Eindhoven. Auch nicht gerade Nieten.
Das Spiel des SSC Neapel war auf Cavani zugeschnitten, fast alle Spielzüge endeten bei ihm. Deswegen mussten wir umplanen, umbauen, umdenken. Das brauchte seine Zeit. Aber nun sind wir flexibler, viel schwerer auszurechnen.

In Italien wird traditionell an einer Stammformation festgehalten, Sie aber führten beim SSC Neapel die Rotation ein. Kapitän Marek Hamsik etwa fand sich zum ersten Mal seit 2011 auf der Bank wieder.
Auch das ist Teil meines Plans, flexibler zu werden. Mir stehen 20, 22 Spieler zur Verfügung, die das Zeug für die erste Elf haben. Warum sollte ich das nicht nutzen?

Was muss noch passieren, damit der SSC Neapel zu einem echten Konkurrenten für den Abo-Meister Juventus Turin werden kann?
Wir müssen die Ruhe bewahren, Geduld haben. Das sind die Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung. Präsident Aurelio de Laurentiis, Riccardo Bigon, der sportliche Leiter, und ich sind uns vollkommen einig, dass wir den Fortschritt nicht nur auf dem Transfermarkt suchen dürfen. Er muss auch aus dem Inneren des Vereins kommen, aus der eigenen Jugend. Und er wird kommen, da bin ich mir sicher. Igor Michal Lasicki, Antonio Romano: Merken Sie sich diese Namen!

Haben Sie irgendwo in den engen Gassen Neapels schon einen neuen Maradona entdeckt?
Es wird keinen geben. Diego war einzigartig.

Würden Sie ihn auch auf die Bank setzen?
Nun, heutzutage wäre er mir wohl die größere Hilfe, wenn er neben mir sitzen würde.

Mit Maradona gewann der SSC den letzten Meistertitel. Das war 1987, vor nunmehr 27 Jahren. Die Sehnsucht der Napoli-Fans nach dem Scudetto ist riesengroß. Wie arbeitet es sich unter solch einem Erwartungsdruck?
Ich habe nie Angst vor großen Zielen gehabt. Aber man muss geduldig sein, wenn man sie erreichen will. Ich bin geduldig.

Die Fans auch?
Ich habe das Gefühl, dass sie den Prozess, den wir begonnen haben, verstehen und unterstützen. Immerhin sind wir italienischer Pokalsieger geworden. Und das am 10. Mai, dem Jahrestag der letzten Meisterschaft.

Im Vorfeld des Finales gegen den AC Florenz war es in Rom zu schweren Ausschreitungen gekommen. Zehn Menschen wurden verletzt, darunter drei Napoli-Fans bei einer Schießerei.
In meiner gesamten Karriere habe ich etwas derart Widerwärtiges noch nicht erlebt. Das hat unserem Sport großen Schaden zugefügt, unseren Triumph zu einem traurigen Tag gemacht. Ich erwarte von den zuständigen Autoritäten, dass sie solche Vorkommnisse in Zukunft verhindern.

Was können die Vereine selbst tun?
Es liegt in unserer Verantwortung, die Stimmung im Vorfeld solcher Spiele nicht zusätzlich aufzuheizen. Wir sollten mehr Respekt voreinander zeigen, um vorhandene Feindseligkeiten nicht zu schüren. Es gibt Leute, die Fußball mit Krieg verwechseln.

Ihre Meinung zu José Mourinho?
José wer?

Der Mann war zwei Mal Ihr Vorgänger, bei Inter Mailand und beim FC Chelsea. Beide Male war Ihr Engagement von kurzer Dauer und äußerst disharmonisch. Welche Rolle hat Mourinho dabei gespielt?
Wollen Sie wirklich wissen, welche Meinung ich dazu habe?

Bitte!
Ich habe mit Inter den Weltpokal und mit Chelsea die Europa League gewonnen. Das ist meine Meinung.

In London wurden Sie von der Vereinsführung als »Interimscoach« vorgestellt, die Fans verspotteten Sie als »dicken spanischen Kellner«. Warum haben Sie sich das bieten lassen?
Ich gebe offen zu, dass ich schon freundlicher begrüßt worden bin. Aber ist das ein Grund, das Selbstvertrauen zu verlieren? Die Entwicklung hat ja gezeigt, dass es nicht falsch gewesen wäre, längerfristig mit mir zu planen. Der Kellner hat serviert, wenn Sie so wollen.

Wir sprachen vorhin über das Lernen aus Niederlagen. Was haben Sie denn aus Ihrer Zeit beim FC Chelsea gelernt?
Ich empfinde diese Zeit überhaupt nicht als Niederlage. Aber fragen Sie doch mal in London nach, ob man dort nun schlauer ist als zuvor.

In Neapel nennt man Sie ehrfurchtsvoll »Don Rafa«. Ist das in einem geistlichen Sinne zu verstehen, wie bei Don Camillo?
Die Fans haben seit Maradonas Zeiten zwar eine geradezu religiöse Beziehung zum Klub. Aber ich bin hier nicht der Priester. Sie müssen wissen: Die Stadt war von 1505 an für etwa 200 Jahre spanisch. Seither werden, wie in Spanien, die Oberhäupter von Familien mit »Don« angeredet. Deswegen »Don Rafa«. Dass ich gewissermaßen als Oberhaupt der Napoli-Familie angesehen werde, ehrt mich natürlich sehr. Ich versuche, ein guter Vater zu sein.

Neapel ist eine Hafenstadt wie Liverpool und Valencia, wo sie ebenfalls erfolgreich gearbeitet haben. Was gefällt Ihnen an der Mentalität dieser Orte?
Sie sind weltoffen und lebendig, weil sie seit Jahrhunderten unter dem Einfluss anderer Kulturen stehen. Man ist es in diesen Städten gewohnt, mit Händen und Füßen zu kommunizieren und Fremde willkommen zu heißen. Das sind die besten Voraussetzungen für ein so buntes Gefüge wie einen Fußballverein und seinen Trainer.

Aber wie viel bekommen Sie vom Leben in der Stadt wirklich mit, hier in Ihrem Hotel 40 Kilometer außerhalb Neapels?
Ich bin kein Flaneur, und das könnte ich aufgrund meiner gewissen Bekanntheit auch gar nicht sein. Aber ich bekomme genug mit, um die Mentalität zu verinnerlichen.

Sie arbeiteten sechs Jahre beim FC Liverpool, noch heute singen die Fans an der Anfield Road Ihren Namen. Ist dort Ihre eigentliche Heimat?
Meine spanischen Freunde sagen jedenfalls, ich käme ihnen schon sehr liverpoolerisch vor. Ja, ich bin ein Scouser geworden.

Mit den Reds gewannen Sie im CL-Finale 2005 gegen den AC Mailand. Und das nach einem 0:3-Rückstand. Ihr Gegenüber damals: Carlo Ancelotti.
Ja, Carlo scheint sich von mir abgeguckt zu haben, wie man ein Spiel noch dreht! (Lacht.)

Das von ihm trainierte Real Madrid glich diesmal gegen Atletico in der 94. Minute aus und gewann schließlich mit 4:1. Hatten Sie auch solche Angst, dass Diego Simeone Amok läuft?
Als er kurz vor Schluss auf dem Platz auftauchte, wurde mir schon mulmig.

Können Sie ihn trotzdem verstehen, so wie Jürgen Klopp?
Es war sein Fehler, Diego Costa trotz Verletzung aufzustellen, das war ihm bewusst. Dann das späte 1:1, und in der Verlängerung bricht Atletico ein. Das ist bitter. Man sollte uns Trainer nicht in solchen Stresssituationen beurteilen, sondern daran messen, was wir tun und sagen, wenn wir uns beruhigt haben. Fragen Sie Klopp nach seiner Grimasse, fragen Sie Simeone nach seinem Platzsturm. Sie werden Ihnen nichts anderes sagen als ich: Es stand verdammt viel auf dem Spiel. Sie wollten gewinnen. Das ist alles.

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