Pyrotechnik legalisieren?

»Ein Stilmittel der Kurve«

Die junge Kampagne »Pyrotechnik legalisieren« plädiert für ein kontrolliertes Abbrennen von bengalischen Feuern im Fußballstadion. Wir sprachen mit Initiator Jannis Busse über Selbstkritik und den Dialog mit dem DFB. Pyrotechnik legalisieren?Imago

Jannis Busse, die öffentliche Wahrnehmung von Pyrotechnik könnte gegensetzlicher nicht sein. In den Medien werden Fans mit Bengalos oft als »Chaoten« bezeichnet, in der Kurve sind sie diejenigen, die die Emotionen transportieren.

Wobei auch die Medien feine Unterscheidungen treffen: Ich erinnere mich an Europa-League-Spiel zwischen deutschen und türkischen Mannschaften. Das mit der Begeisterung der Türken einhergehende Abbrennen von bengalischen Feuern wurde von den Reportern als »farbenfroh« bejubelt. Passiert das Gleiche in einem deutschen Fanblock, wird von »Verrückten« oder »Chaoten« gesprochen.

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Woher rührt diese Doppelmoral?

Pyrotechnik ist in der deutschen Fan- und Fußballkultur nicht so stark verankert wie etwa in südeuropäischen Stadien oder sogar in Österreich, wo kürzlich auf Initiatve von zahlreichen Ultragruppen Pyrotechnik wieder legalisiert wurde.

Vor diesem Hintergrund: Sollte man nicht erst einmal die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren, bevor man eine Legalisierung von Pyrotechnik fordert?

Genau das will unsere Initiative. Natürlich ist unser langfristiges Ziel eine Legalisierung der Pyrotechnik. Kurzfristig aber wollen wir versuchen, die Leute für das Thema zu gewinnen, dass sie sich daran erinnern wie es früher war. Nämlich, dass Pyro – wie Applaus, wie Schlachtgesänge, Fahnen oder auch Pfiffe – ein Stilmittel der Kurve ist.

Wie war es denn früher?

Pyrotechnik war in den neunziger Jahren nicht legal, aber sie war geduldet. Ich kann diesbezüglich von meiner Szene in Hannover sprechen: Dort wurden die meisten Fans mit Pyros gar nicht belangt und wenn doch, mussten sie im schlimmsten Fall eine Strafe von 80 Mark zahlen. Das Ganze mutet an wie eine Lapalie, ein Vergehen wie Falschparken. Deshalb musste das Abbrennen also seltener im Geheimen stattfinden, die Pyrotechnik wurde offen gezündet. Somit war es für umstehende Zuschauer viel ungefährlicher. Das hat sich geändert, seit der DFB Stadionverbote ausspricht.

Inwiefern?

Durch den Druck, der durch Polizei, Verein und Verband auf den geneigten Pyrotechniker ausgeübt wird, brennt dieser seine Bengalos klammheimlich ab. Er legt sie etwa auf die Stufen der Kurven. Da braucht man sich nichts vormachen: Das ist gefährlicher.

Seit den Verboten wird auch vermehrt Rauchpulver in die Stadien geschmuggelt.

Das hat eine einfache Erklärung: Die Ordner können es nicht so leicht  finden. Dieses Pulver auf dicht gedrängten Stufen verursacht nicht nur meist hässlichen und destruktiven Rauch, sondern ist natürlich auch gefährlicher als offen brennende Bengalos. Ich bin mir sicher: Bei einem kontrollierten und bewussten Abbrennen von Pyrotechnik hätte dieses Rauchpulver in der Kurve keine Chance mehr. Alleine, weil es die Optik zerstören würde.

Mal ehrlich: Wie kann man ein bengalisches Feuer in einer dicht gedrängten Fankurve kontrolliert abbrennen? Müssten da nicht Leute stehen, die im Umgang mit Pyrotechnik geschult sind?

Kontrolliert heißt für mich erstmal, dass das Feuer sichtbar ist und nicht auf den Treppenstufen vor sich hin brennt. Und natürlich müssten die Leute, die das abbrennen, absolut verlässlich sein.



Würde kontrolliertes Abbrennen einen Sicherheitsabstand zwischen  Fanblock und Pyrotechnikern bedeuten?

Die Pyrotechnik sollte bestenfalls dort brennen, wo die Luft gut zirkuliert. Wie das konkret aussieht, müsste in Konzepten erarbeitet werden – im Dialog mit dem DFB, unserer Initiative, den Vereinen und Experten. Da würden dann auch regionale Faktoren geklärt werden: Wie viele Zuschauer stehen im Stadion? Gibt es ein Dach? Gibt es Holztribünen? Was uns trotz einem möglichen Sicherheitsabstand allerdings wichtig ist: Die Pyros sollten nicht separat von den Fankurven brennen, sondern so weit es geht in diese integriert werden. Ansonsten würden sich sämtliche Emotionen verflüchtigen.

Eure Initiative führt als Untertitel den Slogan »Emotionen  respektieren« an. Inwiefern stellt Pyrotechnik für dich ein Teil von Emotionen dar?

In diesem Slogan steckt deutlich mehr als Pyrotechnik. Für mich steht es sinnbildlich für eine Art der Entfaltung. Schauen wir mal nach England...

Dort werden Emotionen genormt.

Und dadurch werden sie eingedämmt. »Emotionen respektieren« bedeutet  für uns auch eine Kritik an den vielen Regulierungen. Heutzutage ist es  mitunter ja schon verboten, Konfetti mit ins Stadion zu bringen – wegen Brandgefahr. Eine aberwitzige Forderung, wenn man sich die Massen an Papier und Abfall anschaut, die an einem Spieltag im Stadion auf den Boden geworfen werden.

Ihr sprecht auch von einer neuen Art Pyrotechnik. Wie sieht die aus?  

Feuerwerkexperten haben uns erklärt, dass man bei schon existierender  Pyro, etwa der Seenotfackel, Rauchelemente stark reduzieren könnte. Und letztendlich würde mit einer Legalisierung von Pyrotechnik auch die Entstehung eines neuen Marktes einher gehen. Es könnte stadiontaugliche Pyrotechnik hergestellt werden.

Die erhofften Regelungen und Innovationen würden dennoch nicht die Sicherheit geben, dass niemand mehr Rauchpulver ins Stadion bringt oder Bengalos aufs Spielfeld schmeisst. Der Reiz des Illegalen wäre immer noch da.

Hundertprozentige Sicherheit kann niemand geben. Sicher ist aber, dass  Leute, die Böller aufs Spielfeld schmeißen, innerhalb der Fanszenen viel stärker verurteilt würden.

Weil man selbstkritischer geworden ist?

Ich finde, ja. Ein gutes Beispiel ist die Fandemo in Berlin. Dabei gab es etliche Redebeiträge, die das eigene Handeln hinterfragten, die dazu aufriefen, sich stärker zu reflektieren.

Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn erklärte unlängst Gesprächsbereitschaft. Ein erster Erfolg?

Auf jeden Fall. Auch wenn man die vorigen Wochen Revue passieren lässt. In Chemnitz wurde im Oktober gemeinsam mit Ultras, mit der örtlichen Polizei, dem Ordnungsamt und dem Verein eine Legalisierung von Pyrotechnik vereinbart. Das Problem: Auch der DFB musste zustimmen, um dies langfristig zu realisieren. Das lehnte Helmut Spahn ab. Nun aber hat er uns Gesprächsbereitschaft signalisiert – scheinbar im Wissen, dass es nicht mehr nur um eine kleine Gruppe geht, sondern um ein kollektives Begehren. Vielleicht steht der DFB nun an einem Punkt, an dem er sich zusehends isoliert fühlt.

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