Puma-Werbechef Helmut Fischer über Maradona

»Der Ball war seine Welt«

Puma-Werbechef Helmut Fischer tütete Anfang der achtziger Jahre den womöglich größten Deal der Firmengeschichte ein: Diego Maradona. Ein Gespräch über Höflinge bei Armin Dassler und zwei Streifen für Johan Cruyff. Puma-Werbechef Helmut Fischer über Maradona

Helmut Fischer, wann hatten Sie das erste Mal Kontakt zu Diego Maradona?

1979, ein Jahr nach der Weltmeisterschaft in Argentinien. Kurz vor der WM war Puma-Chef Armin Dassler nach Südamerika geflogen, um sich mit Nationaltrainer Cesar Menotti zu treffen. Mit dem Erfolg, das im WM-Finale neun Argentinier mit Puma-Schuhen über den Rasen liefen, darunter auch der Star dieser WM: Mario Kempes.

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Menotti verzichtete bei dieser WM auf Maradona, der führte sein Land dafür 1979 zum Titel bei der U-20-WM.

Genau, zu dem Zeitpunkt hatte er bereits seinen ersten Vertrag bei uns unterschrieben. 1982 war er dann ja bei seiner ersten »richtigen« Weltmeisterschaft, allerdings nur als Einwechselspieler. Es war aber damals schon jedem klar, dass dieser Junge der kommende Superstar im Weltfußball werden würde. Was dann auch passierte.

Wann haben Sie Maradona das erste Mal persönlich kennengelernt?

Im WM-Jahr 1982 auf der Ispo (Internationale Sportmesse, d. Red.) in München. Die Besucher haben fast unseren Stand über den Haufen gerannt. So einen Personenkult habe ich nachher nur noch bei Boris Becker erlebt. Wenn der auf Ispo war, musste unser Standteam Schwerstarbeit leisten.

Was ist Maradona für ein Typ?

Ein absolut schräger Vogel, der den Starkult um seine Person sofort genossen hat. Mit dabei waren schon damals an die 20 Leute, die sich rund um die Uhr um ihn gekümmert haben. Eigentlich brauchte er neben dem Platz nur noch geradeaus laufen, den Rest haben andere übernommen. Später hat sich die Maradona-Clique immer mehr vergrößert. Zu Höchstzeiten folgten ihm 40 Menschen Schritt auf Tritt.

Was waren das für Leute?

Der Nachteil solchen Starkults ist, dass sich sehr viele Ja-Sager und Höflinge um einen scharen. Die dir 24 Stunden am Tag sagen, was du für ein toller Hecht bist. Und in Maradonas Gefolge gab es sehr viele davon. Immer mit dabei war natürlich auch sein Berater mit den lustigen Locken.

Maradonas Jugendfreund Jorge Cyterszpiler.

Ein kleiner pummeliger Mann, der immer sehr viel schwitzte. Über ihn kam auch der erste Kontakt zu Maradona zustande.

Hat sich der Hype um seine Person in den folgenden Jahren noch gesteigert?

Und wie. Spätestens nach der grandiosen WM 1986 konnte Maradona kein normales Leben mehr führen. Schon als er das erste Mal nach Neapel kam, hätten ihn die Fans mit ihrer Begeisterung beinahe umgebracht. Man wollte ihn mit einem Bus durch die Stadt fahren, aber 100 000 Menschen haben ihm den Weg versperrt und so heftig an dem Bus gerüttelt, bis der beinahe umgefallen wäre. Diego hat um sein Leben gefürchtet.

Wann haben Sie ihn nach der WM das nächste Mal wieder gesehen?

Wieder zur Ispo im gleichen Jahr. Wir hatten vertraglich festgelegt, dass er nach München kommen musste. Wirkliches Interesse an dieser Vereinbarung schien aber nicht zu haben, er meinte nur: »Von mir aus. Aber dann müsst ihr mich schon abholen.«

Was haben Sie gemacht?

Mich gemeinsam mit dem damaligen Sportchef von Puma in ein Flugzeug gesetzt und nach Neapel geflogen! Und dort wurde Maradona standesgemäß mit einem Learjet zur Messe nach München geflogen und anschließend wieder zurück nach Italien. Für drei Stunden Aufenthalt! Ein unvorstellbarer Aufwand für eine Person. Dafür war unsere Halle wieder brechend voll – und wir hatten damals einen Stand von 3000 Quadratmetern.

Auf der Bühne saß er dann gemeinsam mit Lothar Matthäus. Wie haben sich die beiden verstanden?

Sehr gut. Ich hatte befürchtet, dass sie sich nicht wirklich würden leiden können, wurde aber eines Besseren belehrt. Alles war friedlich.

Maradona war nicht der einzige Weltstar, mit dem Sie zu tun hatten. Wenn Sie einen Vergleich wagen, wie sympathisch würde Maradona abschneiden?

Nun ja, ein einfacher Charakter war er sicherlich nicht. Aber er lebte schon bald in einer ganz eigenen Welt, vielleicht konnte er nicht anders. Ein Gegenbeispiel ist ausgerechnet sein Erzrivale Pelé. Der wiederum ist der geduldigste Mensch, den ich je kennen gelernt habe. Einmal war ich zwei Wochen lang mit Pelé für eine Promotion-Tour unterwegs, das hätte Maradona nie im Leben durchgehalten.

Und fußballerisch: Wer hatte mehr drauf am Ball?

Technisch war und ist Maradona unerreicht. Da konnte selbst Pelé nicht mithalten und jeder, der danach kam auch nicht. Wenn Maradona einen Ball am Fuß hatte, dann war das etwas Magisches. Bei unseren Treffen in München oder Neapel musste immer ein Ball in der Nähe sein. Wenn er schlechte Laune hatte, oder einfach gerade keine Lust auf Pflichttermine, hat er den Ball über seinen Fuß tanzen lassen und die Welt reduzierte sich für ihn auf einen Fußball. Da konnten wenige Meter entfernt tausende Menschen seinen Namen brüllen, er hat es gar nicht mehr mitbekommen.

War er denn auch was die Schuhauswahl anbelangte ein Exzentriker?

Das nun wiederum nicht. Maradona konnte in jedem Schuh spielen, da war er absolut pflegeleicht.

Wollte er auch bestimmte Farben tragen oder eingestickte Namen?

Nein, das brauchte und wollte er alles nicht. Schwarze Schuhe mit weißem Schweif, das war alles, was er an den Füßen tragen wollte.

Puma hatte früher immer auffällig viele »Zehner« unter Vertrag: Johan Cruyff, Pelé, Maradona, Matthäus...

Das war unser Konzept: Diese Spieler waren außergewöhnlich und wollten auch in der Wahl ihres Ausrüster aus der Masse hervorstechen. Damals gab es ja nur adidas und Puma. Bei Johan Cruyff ging seine Zuneigung zu Puma so weit, dass er sich vor dem WM-Finale 1974 einen seiner drei Streifen, die er auf dem Trikot tragen musste, abriss und nur mit zwei Streifen spielte. Heute würde er mit zwei Streifen nicht mal ins Stadion gelassen werden! (lacht)

Was war das kurioseste Erlebnis, das Sie je mit Maradona hatten?

Einmal haben wir ihn nach Herzogenaurach eingeladen, um sich ein wenig mit den neuesten Puma-Waren aus dem Werk einzukleiden. Es ist ganz normal, das bei solchen Terminen immer auch ein oder zwei Begleitpersonen anwesend sind, die ebenfalls ein paar nette Stücke abgreifen. Maradona reist also an, mit in seinem Wagen zwei seiner Freunde. Alles im normalen Bereich. Doch dann bog ein großer Reisebus um die Ecke, und 40 Maradona-Kumpels stiegen aus, um unser Lager zu entern. Armin Dassler wäre fast das Herz stehen geblieben. Aber was sollten wir machen? Wir haben so lange ausharren müssen, bis der ganze Tross wieder auf und davon war.


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