21.06.2012

Professor Jürgen Buschmann, Wissenschaftler und DFB-Scout

»Deutschland hat das beste System«

Drei Spiele, drei Siege: Dass die deutsche Nationalmannschaft als einzige Auswahl bei dieser EM noch eine weiße Weste hat, liegt auch an Professor Jürgen Buschmann und seinem Scouting-Team von der Sporthochschule Köln. Ein Interview über passverhindernde Aktionen und ein Zeugnis von Jogi Löw.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago

Professor Jürgen Buschmann, dass die Griechen das Viertelfinale erreicht haben, hat die meisten Fußballfans überrascht. Sie und Ihre Mitarbeiter als Experten wahrscheinlich nicht.
Doch, uns auch. Da haben uns die Griechen ein dickes Ei ins Nest gelegt. Ich hatte nach der Auslosung Anfang Dezember die 15 Mannschaften in A- und B-Teams eingeteilt. Zu den A-Teams, die wir besonders gründlich analysierten, gehörten unsere Vorrunden-Gegner und die potenziellen Gegner im Viertelfinale, zu denen wir aber nur Polen, Tschechien und Russland zählten. Jetzt mussten wir ein paar Nachtschichten einlegen. Montagmittag war Deadline, bis dahin mussten wir unsere Auswertung der griechischen Mannschaft an Jogi Löw und sein Trainerteam mit denselben umfangreichen Informationen wie bisher liefern.

Können Sie uns denn verraten, wie das Abwehrbollwerk der Griechen zu überwinden ist?
Nein, das darf ich natürlich nicht. Der »Feind« liest ja mit.

Es heißt, so ein Gegner-Dossier umfasst bis zu 800 Seiten.
Das ist das absolute Maximum. In der Regel sind es 300 bis 500 Seiten. Nehmen wir das Beispiel Portugal, den ersten Gegner bei der EM: Da haben wir zehn DVDs mit den jeweils wichtigsten fünf Qualifikations- und Freundschaftsspielen analysiert. Zunächst erfolgte eine quantitative Auflistung, jeder Ballkontakt wird festgehalten. Das sind pro Partie etwa 1.500 bis 2.000 Aktionen. Um die grundlegenden taktischen und technischen Aspekte des Spiels zu betrachten, erfolgt eine sogenannte qualitative Analyse: Wie ist der Spielaufbau, gibt es bestimmte Muster, wie verhält sich eine Mannschaft nach Rückstand? Aber es geht auch um die Stärken und Schwächen von einzelnen Spielern im Persönlichkeitsbereich oder die Frage, mit welchen Erwartungen der eigenen Fans die Mannschaft zur EM fährt. Dafür analysieren wir die Medienberichte in den jeweiligen Ländern.

Mal Hand aufs Herz, hatten Sie damit gerechnet, dass die als spielstark geltenden Portugiesen gegen Deutschland so defensiv beginnen?
Ja. Es ist alles so eingetreten, wie wir es erwartet hatten, nicht nur im Portugal-Spiel, sondern auch in den Partien gegen Holland und gegen Dänemark. Bei den Niederländern hatten wir viele Schwächen erkannt, vom Abwehrverhalten bis zum mangelhaften Teamgeist. Das einzige, was mich wirklich überrascht hat, war die Tatsache, dass die deutsche Mannschaft gegen Portugal am Ende körperlich, aber auch geistig nachgelassen hat.

Gab es schon eine Rückmeldung vom DFB-Trainerteam in Polen?
Hansi Flick hat gleich nach dem ersten Spiel eine SMS geschickt, mit dem Inhalt: »Super Arbeit Team Köln, wir sind stolz auf Euch.« Und Oliver Bierhoff hat uns in einer Pressekonferenz lobend erwähnt. Das tut gut.

Welchen Anteil hat denn das »Team Köln« am bislang makellosen Ergebnis der DFB-Elf bei der EURO 2012?
Man kann nicht sagen, dass wir in Köln prozentual an einem Sieg beteiligt wären. Das wäre Blödsinn. Wir gewinnen keine Spiele, sondern leisten einen kleinen Beitrag dazu. Die Arbeit einer Scouting-Abteilung wird umso wichtiger, je höher und ausgeglichener das Niveau ist. Da kann die eine oder andere Kleinigkeit den Unterschied ausmachen. Wir helfen dem Trainerstab, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

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