Prof. Liesen über Glück und Zufall

»Eine Frage des Könnens«

Schon den 1970er Jahren plädierte Prof. Heinz Liesen für ein Zusammenwirken von Wissenschaft und Fußball. Doch erst seit 2006 scheinen seine Bemühungen zu fruchten. Ein Gespräch über Pioniere, Glück und den perfekten Spieler. Prof. Liesen über Glück und ZufallImago
Heft #87 02/2009
Heft: #
87

Professor Heinz Liesen, spätestens seit der WM 2006 arbeiten Sportwissenschaft und Fußball Hand in Hand, ohne dass diese Beziehung ständig in Frage gestellt wird. Inwiefern hatte die Wissenschaft in den 60er und 70er Jahren im Fußball Einzug erhalten?

Auch in den 60er und 70er Jahren ist die Fußballnationalmannschaft untersucht worden, aber nicht nach sportwissenschaftlichen Erkenntnissen, eher auf betreuender Basis. Nur einige Wenige machten schon in den 70er Jahren mit Sportlern fahrradergometrische Leistungsdiagnostik. In Köln schafften wir in der Zeit das erste Laufband an, das es überhaupt in Deutschland gab. Anfangs machten wir die Leistungsdiagnostik mit Hockeyspielern, später auch mit Fußballern. Unsere Forderung lautete: Man muss Fußballer so belasten, wie sie auch auf dem Platz belastet werden.

[ad]

Wer waren die ersten Fußballer auf dem Fahrrad?

Das waren Spieler der Fohlen-Elf: Rainer Bonhof, Herbert Wimmer und Berti Vogts, dann kamen die Kölner Hennes Löhr und Wolfgang Weber dazu. Später wurden sukzessive auch ganze Mannschaften untersucht. Ende der 80er Jahre betreuten wir fast zwei Drittel der Profimannschaften.

Noch Anfang der 80er Jahre kämpften Sie dafür, Trainingsmethoden auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu fundieren. War das ein Kampf gegen Windmühlen?

Teilweise schon. Doch als ich Mitte der 80er Jahre als DFB-Arzt zur deutschen Nationalmannschaft berufen wurde, traf ich mit Franz Beckenbauer glücklicherweise einen Trainer, der sich der Wissenschaft nicht verschließen wollte.

War Franz Beckenbauer in dem Sinne ein Pionier, der Jürgen Klinsmann der 80er Jahre?

Franz Beckenbauer hatte mitbekommen, was in den Jahren zuvor im Hockey entwickelt worden war – ich kam ja aus dem Hockeysport –, und welche Fortschritte es dort gegeben hatte. 1985 wurde zudem die sportmedizinische Trainingslehre ein Teil der Ausbildung der Fußballlehrer. Und plötzlich erkannten einige Trainer, dass es ein riesiges Gebiet im Bereich des Sports gibt, das bis dahin im Fußball noch gar nicht berücksichtigt worden war.

Was zum Beispiel?

Das fing bei vermeintlich banalen Dingen an: Es gab etwa bis 1985 im Fußball kein richtiges Aufwärmprogramm, es gab kein Auslaufen, keine Regenerationsläufe, nicht mal generelle Regeneration. Ribbeck und viele andere haben das aufgegriffen – ganz so wie es Rangnick und Klinsmann heute tun – und verabschiedeten sich vom Schnelligkeitsausdauertraining.

Ein Jahr später wollten Sie dennoch das Handtuch schmeißen.

Ein Jahr nach der WM in Mexiko hatte ich das Gefühl, keine Veränderung erzielt zu haben. Doch ich war einfach zu dicht am Geschehen, konnte das gar nicht richtig beurteilen. Beckenbauer kam dann zu mir und sagte: »Was willst du eigentlich? Es macht doch heute kaum noch jemand Schnelligkeitsausdauertraining, du hast doch so viel erreicht. Die Trainer haben schon so viel aufgenommen.«

Wie wichtig war es für die Akzeptanz neuer Trainingsmethoden diese auch sichtbar zu machen? Also auch in den Medien ein positives Echo zu haben.


Wichtiger war die Nationalmannschaft, sie war stets das Qualitätssiegel. Wenn dort etwas Neues ausprobiert wurde und dieses Neue funktionierte, war das der Schlüssel für Veränderungen auf Vereinsebene. Denn an der Nationalmannschaft orientierten sie sich alle. Das ist heute immer noch so.

Heute bezieht sich jeder Trainer direkt oder indirekt auf Klinsmann?

Jeder macht es wie Klinsmann zwischen 2004 und 2006, die Trainer haben die Veränderungen gierig angenommen. Wer hat denn vor 2006 Stabilität trainiert? Heute macht das jeder Trainer 15 Minuten lang in jeder Trainingseinheit. Natürlich gibt es immer noch Kritiker, die fragen, was der Sinn dahinter ist und wie sich der Fortschritt, der Trainingserfolg wissenschaftlich belegen lässt. Leider lässt sich das wissenschaftlich tatsächlich schwer belegen, ganz einfach, weil es schwer zu messen ist.

Gibt es denn in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung, die alles verändert hat?

Ganz generell: Die Leistungsdiagnostik in den 70er und 80er Jahren. Leider ist damals die Fokussierung auf den Energiestoffwechsel sehr groß gewesen und hat die Weiterentwicklung torpediert. Erst die Entwicklung der letzten Jahren spiegelt das wider, was ich seit Jahren gefordert habe.

Was meinen Sie?

Die Steuerung des zentralen Nervensystems. Nur so konnten wir bei der WM 2006 gegen Mannschaften wie Argentinien bestehen – wir waren auf der psychologischen Ebene unglaublich stark. Der Fehler, der bis dahin gerne gemacht wurde, war der, dass man Körper und Psyche voneinander trennte. Dabei heißt es doch schon so schön: Fußball ist Kopfsache. Letztlich geht es also darum, das Gehirn zu trainieren.

Wie genau macht man das?

Man muss es schaffen, den präfrontalen Kortex, also dort wo Wahrnehmung und Aufnahmefähigkeit sitzen, mit dem limbischen System, wo Freude und Spaß sitzen, zu verknüpfen. Und das ist die Schwierigkeit. Erst wenn das gelingt, kann man optimale Trainingsergebnisse erzielen. So kann etwa eine Verbesserung in Kreativität und auch Schnelligkeit erzielt werden.

Im Zuge der Suche nach dem perfekten Spieler: Wird es in Zukunft Spieler wie Wolfram Wuttke oder Gerd Müller überhaupt noch geben, das heißt Spieler, die schon von ihrer Statur nicht dem Idealtyp entsprechen?

Die wird es immer geben. Man braucht auch Wasserträger, Kämpfertypen, Spieler mit krummen Beinen, also solche, die das unvorhersehbare machen. Nehmen Sie zum Beispiel David Odonkor: Der hat sicherlich begrenzte Möglichkeiten, spielerisch ein Superstar zu werden, aber er hat bestimmte Fähigkeiten – seine Schnellig- und Wendigkeit –, die für eine Mannschaft in bestimmten Situationen unglaublich hilfreich sein können. Ein Trainer kann diesen Spieler differenziert einsetzen.

Wird es denn irgendwann den perfekten Spieler geben? Also einen, der fast mechanisch funktioniert, den man anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse formen kann.

Nein, es wird immer Verbesserungsmöglichkeiten geben. Gerade in dem Punkt, alle Sinnesbereiche gleichermaßen stark zu entwickeln, wird man nie am Ende sein. Es werden sich immer wieder überragende Spielerpersönlichkeiten entwickeln, doch werden sie auch in naher Zukunft noch rar bleiben.

Wird es eines Tages dennoch so sein, dass man die Faktoren Zufall und Glück mit Hilfe der Wissenschaft in Gänze ausschließen zu können.

Das, was man Glück oder Pech nennt, ist eine Frage des Könnens. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Tomas Rosicky, den ich in Dortmund betreut habe, kam häufig zu mir und sagte: »Prof, ich bin ein Pechvogel, ich bin der Weltmeister im Latte- und Pfostenschießen.« Ob der Ball ins Tor geht oder an den Pfosten, ist aber keine Frage von Glück oder Pech, sondern eine Frage der optimalen Fitness. Und wenn man total fit ist – körperlich und geistig –, gehen solche Dinger rein. Aber in diesem Punkt werden wir nie am Ende sein, das heißt, das Optimum oder den Topwert wird es nie geben.

Dennoch wird man den Zufall immer weiter minimieren. Werden vor dem Hintergrund, Spiele in Zukunft noch 4:4 ausgehen? Wird es noch Fehlpässe geben, die Spiele in der letzten Minute entscheiden – siehe die Hinrundenpartie des FC Bayern gegen 1899 Hoffenheim?

So etwas wird es immer geben, die Spieler sind Menschen und keine Maschinen. Natürlich können wir das Nervensystem immer weiter trainieren, versuchen, die Konzentration bis zur letzten Sekunde zu erhalten. Aber das wird immer schwieriger, auch weil das Umfeld komplexer wird. Es wird immer ein höheres Level geben, an das sich der Spieler erstmal anpassen muss. Das Nervensystem nimmt sich dann Pausen.

Was muss man machen?

Das Nervensystem variabel entwickeln, wir nutzen ja von unseren weit über 100 Milliarden Nervenzellen nur relativ wenige, wir haben noch Riesenreserven, um unsere Kreativität, Konzentrationsfähigkeit oder auch Ganzkörperstabilität zu entwickeln und weiter zu optimieren. Ich könnte Ihnen jetzt etliche Beispiele nennen.

Bitte.

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Champions-League-Partie, in der wir mit dem BVB gegen FC Brügge verloren. Im Spiel gab es einen Freistoß für Brügge in Nähe des Strafraums und ein Spieler des FC Brügge stellte sich zu den Dortmundern in die Mauer. Er brachte dabei die ganze Mauer ins Wanken – die BVB-Spieler konnten sich nicht körperlich stabilisieren und dem Druck standhalten –, dass diese fast umfiel. Es enstand eine Lücke und das Tor fiel.

Woran lag das?

Es fehlte das entsprechende Training, um diese komplexe Stabilität zu entwickeln. Doch ein solches Training war damals, 2003, in Dortmund noch gar nicht möglich, da wir noch nicht die Trainingsvoraussetzungen hatten. So etwas muss man auf instabilen Untergründen trainiert werden. Das hört sich zunächst rein konditionell an, hat aber was mit dem Nervensystem zu tun.

Sind Krafttrainingsräume demnach vollkommen überholt?

Auf jeden Fall. Zumindest macht es keinen Sinn, Dinge in einem Krafttrainingsraum zu trainieren, die sich nicht auf den Fußball übersetzen lassen. Ich glaube, dass Krafttrainingsräume in den nächsten Jahren verschwinden werden. Das ist eine fehlgeleitete Entwicklung gewesen, denn ich muss mich als Mensch immer einbringen, wenn ich Krafttrainingssachen mache. Und das tue ich nicht, wenn ich an bewegungsrichtunggeführten Geräten trainiere. Dann gebe ich meinen Kopf am Eingang an und lasse etwas mit meinem Körper machen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!