29.01.2009

Prof. Liesen über Glück und Zufall

»Eine Frage des Könnens«

Schon den 1970er Jahren plädierte Prof. Heinz Liesen für ein Zusammenwirken von Wissenschaft und Fußball. Doch erst seit 2006 scheinen seine Bemühungen zu fruchten. Ein Gespräch über Pioniere, Glück und den perfekten Spieler.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Gibt es denn in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung, die alles verändert hat?

Ganz generell: Die Leistungsdiagnostik in den 70er und 80er Jahren. Leider ist damals die Fokussierung auf den Energiestoffwechsel sehr groß gewesen und hat die Weiterentwicklung torpediert. Erst die Entwicklung der letzten Jahren spiegelt das wider, was ich seit Jahren gefordert habe.

Was meinen Sie?

Die Steuerung des zentralen Nervensystems. Nur so konnten wir bei der WM 2006 gegen Mannschaften wie Argentinien bestehen – wir waren auf der psychologischen Ebene unglaublich stark. Der Fehler, der bis dahin gerne gemacht wurde, war der, dass man Körper und Psyche voneinander trennte. Dabei heißt es doch schon so schön: Fußball ist Kopfsache. Letztlich geht es also darum, das Gehirn zu trainieren.

Wie genau macht man das?

Man muss es schaffen, den präfrontalen Kortex, also dort wo Wahrnehmung und Aufnahmefähigkeit sitzen, mit dem limbischen System, wo Freude und Spaß sitzen, zu verknüpfen. Und das ist die Schwierigkeit. Erst wenn das gelingt, kann man optimale Trainingsergebnisse erzielen. So kann etwa eine Verbesserung in Kreativität und auch Schnelligkeit erzielt werden.

Im Zuge der Suche nach dem perfekten Spieler: Wird es in Zukunft Spieler wie Wolfram Wuttke oder Gerd Müller überhaupt noch geben, das heißt Spieler, die schon von ihrer Statur nicht dem Idealtyp entsprechen?

Die wird es immer geben. Man braucht auch Wasserträger, Kämpfertypen, Spieler mit krummen Beinen, also solche, die das unvorhersehbare machen. Nehmen Sie zum Beispiel David Odonkor: Der hat sicherlich begrenzte Möglichkeiten, spielerisch ein Superstar zu werden, aber er hat bestimmte Fähigkeiten – seine Schnellig- und Wendigkeit –, die für eine Mannschaft in bestimmten Situationen unglaublich hilfreich sein können. Ein Trainer kann diesen Spieler differenziert einsetzen.

Wird es denn irgendwann den perfekten Spieler geben? Also einen, der fast mechanisch funktioniert, den man anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse formen kann.

Nein, es wird immer Verbesserungsmöglichkeiten geben. Gerade in dem Punkt, alle Sinnesbereiche gleichermaßen stark zu entwickeln, wird man nie am Ende sein. Es werden sich immer wieder überragende Spielerpersönlichkeiten entwickeln, doch werden sie auch in naher Zukunft noch rar bleiben.

Wird es eines Tages dennoch so sein, dass man die Faktoren Zufall und Glück mit Hilfe der Wissenschaft in Gänze ausschließen zu können.

Das, was man Glück oder Pech nennt, ist eine Frage des Könnens. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Tomas Rosicky, den ich in Dortmund betreut habe, kam häufig zu mir und sagte: »Prof, ich bin ein Pechvogel, ich bin der Weltmeister im Latte- und Pfostenschießen.« Ob der Ball ins Tor geht oder an den Pfosten, ist aber keine Frage von Glück oder Pech, sondern eine Frage der optimalen Fitness. Und wenn man total fit ist – körperlich und geistig –, gehen solche Dinger rein. Aber in diesem Punkt werden wir nie am Ende sein, das heißt, das Optimum oder den Topwert wird es nie geben.

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