29.01.2009

Prof. Liesen über Glück und Zufall

»Eine Frage des Könnens«

Schon den 1970er Jahren plädierte Prof. Heinz Liesen für ein Zusammenwirken von Wissenschaft und Fußball. Doch erst seit 2006 scheinen seine Bemühungen zu fruchten. Ein Gespräch über Pioniere, Glück und den perfekten Spieler.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Professor Heinz Liesen, spätestens seit der WM 2006 arbeiten Sportwissenschaft und Fußball Hand in Hand, ohne dass diese Beziehung ständig in Frage gestellt wird. Inwiefern hatte die Wissenschaft in den 60er und 70er Jahren im Fußball Einzug erhalten?

Auch in den 60er und 70er Jahren ist die Fußballnationalmannschaft untersucht worden, aber nicht nach sportwissenschaftlichen Erkenntnissen, eher auf betreuender Basis. Nur einige Wenige machten schon in den 70er Jahren mit Sportlern fahrradergometrische Leistungsdiagnostik. In Köln schafften wir in der Zeit das erste Laufband an, das es überhaupt in Deutschland gab. Anfangs machten wir die Leistungsdiagnostik mit Hockeyspielern, später auch mit Fußballern. Unsere Forderung lautete: Man muss Fußballer so belasten, wie sie auch auf dem Platz belastet werden.



Wer waren die ersten Fußballer auf dem Fahrrad?

Das waren Spieler der Fohlen-Elf: Rainer Bonhof, Herbert Wimmer und Berti Vogts, dann kamen die Kölner Hennes Löhr und Wolfgang Weber dazu. Später wurden sukzessive auch ganze Mannschaften untersucht. Ende der 80er Jahre betreuten wir fast zwei Drittel der Profimannschaften.

Noch Anfang der 80er Jahre kämpften Sie dafür, Trainingsmethoden auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu fundieren. War das ein Kampf gegen Windmühlen?

Teilweise schon. Doch als ich Mitte der 80er Jahre als DFB-Arzt zur deutschen Nationalmannschaft berufen wurde, traf ich mit Franz Beckenbauer glücklicherweise einen Trainer, der sich der Wissenschaft nicht verschließen wollte.

War Franz Beckenbauer in dem Sinne ein Pionier, der Jürgen Klinsmann der 80er Jahre?

Franz Beckenbauer hatte mitbekommen, was in den Jahren zuvor im Hockey entwickelt worden war – ich kam ja aus dem Hockeysport –, und welche Fortschritte es dort gegeben hatte. 1985 wurde zudem die sportmedizinische Trainingslehre ein Teil der Ausbildung der Fußballlehrer. Und plötzlich erkannten einige Trainer, dass es ein riesiges Gebiet im Bereich des Sports gibt, das bis dahin im Fußball noch gar nicht berücksichtigt worden war.

Was zum Beispiel?

Das fing bei vermeintlich banalen Dingen an: Es gab etwa bis 1985 im Fußball kein richtiges Aufwärmprogramm, es gab kein Auslaufen, keine Regenerationsläufe, nicht mal generelle Regeneration. Ribbeck und viele andere haben das aufgegriffen – ganz so wie es Rangnick und Klinsmann heute tun – und verabschiedeten sich vom Schnelligkeitsausdauertraining.

Ein Jahr später wollten Sie dennoch das Handtuch schmeißen.

Ein Jahr nach der WM in Mexiko hatte ich das Gefühl, keine Veränderung erzielt zu haben. Doch ich war einfach zu dicht am Geschehen, konnte das gar nicht richtig beurteilen. Beckenbauer kam dann zu mir und sagte: »Was willst du eigentlich? Es macht doch heute kaum noch jemand Schnelligkeitsausdauertraining, du hast doch so viel erreicht. Die Trainer haben schon so viel aufgenommen.«

Wie wichtig war es für die Akzeptanz neuer Trainingsmethoden diese auch sichtbar zu machen? Also auch in den Medien ein positives Echo zu haben.


Wichtiger war die Nationalmannschaft, sie war stets das Qualitätssiegel. Wenn dort etwas Neues ausprobiert wurde und dieses Neue funktionierte, war das der Schlüssel für Veränderungen auf Vereinsebene. Denn an der Nationalmannschaft orientierten sie sich alle. Das ist heute immer noch so.

Heute bezieht sich jeder Trainer direkt oder indirekt auf Klinsmann?

Jeder macht es wie Klinsmann zwischen 2004 und 2006, die Trainer haben die Veränderungen gierig angenommen. Wer hat denn vor 2006 Stabilität trainiert? Heute macht das jeder Trainer 15 Minuten lang in jeder Trainingseinheit. Natürlich gibt es immer noch Kritiker, die fragen, was der Sinn dahinter ist und wie sich der Fortschritt, der Trainingserfolg wissenschaftlich belegen lässt. Leider lässt sich das wissenschaftlich tatsächlich schwer belegen, ganz einfach, weil es schwer zu messen ist.

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