Prof. Götze über seinen Sohn Mario

»Er is schon´n Guter«

Im Bundesliga-Sonderheft blickte Mario Götze zurück auf eine rauschhafte Bundesligasaison. Redakteur Tim Jürgens traf sich dafür auch mit seinem Vater Jürgen Götze. Ein Gespräch über den Schulabbruch, Mediensperren und Neid unter Brüdern. Prof. Götze über seinen Sohn Marioimago
Heft#117 08/2011
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Professor Götze, Sie sind Experte für Datentechnik, und zwei Ihrer Kinder sind Fußballprofis. Woher stammt das Talent?

Prof. Jürgen Götze: Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Wir waren immer eine sportbegeisterte Familie. Ich habe auch mal auf Viertliganiveau Tennis gespielt, meine Frau war eine gute Ski-Fahrerin. Aber Fußball war nur eine von vielen Sportarten, die bei uns betrieben wurden.

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Welche denn noch?

Prof. Jürgen Götze: Ich habe einige Zeit an amerikanischen Universitäten gearbeitet, in den USA treiben die Familien je nach Jahreszeit unterschiedliche Sportarten. Wir haben fast alles mitgemacht: Baseball, Tennis, Basketball, Fußball, Ski. Der Umgang mit dem Ball war auch immer da. Eigentlich wollte ich meinen Jungs Tennis beibringen, ein bisschen ist es mir auch gelungen. Aber als wir wiederkamen, lebten wir in Ronsberg im Allgäu. Da gab es nur zwei schöne Rasenfußballplätze. 

Wann wurde Ihnen bewusst, dass Mario talentierter ist als alle anderen?

Prof. Jürgen Götze: Ach, so was entwickelt sich. Da meine Frau und ich selbst Sport treiben, haben wir natürlich gesehen, dass die Jungs das gut annehmen, und eine logische Folge daraus war, dass sie immer mehr Zeit darin investierten. Als wir dann nach Dortmund zogen, haben sie anfänglich parallel auch noch Tennis gespielt. Aber als dann BVB erst den Fabian und kurz darauf Mario haben wollte, war natürlich klar, dass sie offenbar ganz gut sind.

Ahnten Sie schon, dass da mehr draus werden kann?

Prof. Jürgen Götze: Nein, in diesen jungen Jahren schaffen viele den Sprung. Dass Mario und Fabian das Zeug hatten, Profis zu werden, fiel mir erst auf, als sie mit 15 Jahren immer wieder zu den Junioren-Nationalmannschaften eingeladen wurden.

»Ein gottgegebenes Talent« – Mario Götze im Interview #1 >>

Das heißt, Sie haben das Talent zu keinem Zeitpunkt besonders gefördert.

Prof. Jürgen Götze: Nein, nur unterstützt, etwa mit den regelmäßigen Fahrten zum Training und den Spielen. Ansonsten haben das die Jungs ganz von alleine gemacht. Das finde ich auch das Schöne: Dass es ihnen stets gelungen ist, das Ganze als Sport zu verstehen und sich das Spielerische daran zu erhalten. Und je höher das Niveau wurde, desto mehr Spaß macht es ihnen offenbar.

Wenn Mario statt des Fußballs großen Spaß am, sagen wir, Posaunespielen gehabt hätte, wäre Ihnen das auch recht gewesen?

Prof. Jürgen Götze: Das mit der Posaune hätte mich gewundert, aber zum Beispiel hat er immer viel Spaß am Zeichnen gehabt. Wenn er das hätte ausbauen wollen, warum nicht?

Wie gut zeichnet Mario denn?

Prof. Jürgen Götze: Als er sich nach der elften Klasse entscheiden musste, welche Leistungskurse er nimmt, stand auch Kunst im Raum. Letztlich hat er sich dann aber für Mathe und Sport anstatt Kunst entschieden.

Mario hat nach dem Fachabitur die Schule abgebrochen. Sie sollen gesagt haben: »Der Junge war nicht mehr an der Schule zu halten.«

Prof. Jürgen Götze: Das habe ich so sicher nicht gesagt, wenn wir das um jeden Preis gewollt hätten, dann hätte er das Abi auch durchgezogen. Sein Bruder hat es ja auch gemacht. Wir wohnen direkt in Dortmund, das Training hat für die Jungs in den Juniorenteams des BvB deshalb nie so einen extremen Zusatzaufwand bedeutet. Trotzdem war er bei den U-17-Turnieren auch mal vier Wochen aus der Schule, so dass das Nacharbeiten schon stressig war. Als dann Mario schon in der vorletzten Saison einige Einsätze bei den Profis bekam, wurde es immer zeitintensiver. Ein Junge in dem Alter braucht auch Erholungszeit. Als er das Fachabi geschafft hatte, haben wir uns geeinigt, dass er mit der Schule aufhören darf.

Mit einem unguten Gefühl?

Prof. Jürgen Götze: Ich habe schon gesagt: »Komm, das eine Jahr geht doch noch.« Aber es war okay. Wenn er das Fachabi nicht gemacht hätte, wäre ich allerdings schon sehr dagegen gewesen. Aufgrund meiner Tätigkeit an der Universität aber weiß ich, dass er über den Umweg eines Praktikums immer noch die Chance hat – im Fall eines Falles – zu studieren und auch von der Fachhochschule zur Uni zu gehen. Er hat sich durch diese Entscheidung jedenfalls nichts Gravierendes verbaut.

Zumal er nun ein erfolgreicher Profi ist.

Prof. Jürgen Götze: Was immer sein großes Ziel war. Und ich hoffe natürlich, dass er noch 12, 13, 14 Jahre Fußball spielen kann. Und wenn nicht, kann er immer noch die Fachhochschule besuchen.

Hatte der BVB in der Frage, die Schule abzubrechen, ein Mitspracherecht?

Prof. Jürgen Götze: Nein, das haben wir zuhause entschieden. Das Einzige, was wir in dem Zusammenhang mit dem Klub besprochen haben, war, dass er dort die Möglichkeit erhält, ein studienorientiertes Praktikum zu machen. Aber als er ab Beginn der neuen Saison einen Stammplatz hatte, kam es gar nicht mehr dazu.

 

Ehemalige Trainer sagen, Mario sei ein introvertierter Typ, der klare Vorstellungen hat. Was war er für ein Kind?

Prof. Jürgen Götze: Er war immer sehr bewegungsfreudig, aber zweifellos ist er eher der überlegte und sensible Typ. Jedenfalls kein Junge, der in irgendeiner Form aufbrausend oder unberechenbar war.

Hat sich das Leben im Hause Götze verändert, seit Mario über Nacht zum größten Talent des deutschen Fußballs wurde?

Prof. Jürgen Götze: Beim Abendbrot haben sich die Gespräche nicht großartig verändert. Es geht ja schon lange viel um Fußball bei uns, auch unser jüngster Sohn Felix spielt inzwischen beim BVB.

Das Medieninteresse speziell an Mario hat aber extrem zugenommen. Hatten Sie zwischendurch mal das Gefühl, dass es für ihn zu viel wird?

Prof. Jürgen Götze: Eigentlich nicht. Aber ich fand es eine gute Idee, dass es in Absprache mit dem Verein im ersten halben Jahr eine Mediensperre für ihn gab. Das hat ihn schon entlastet. Der Verein hat ihn bewusst aus der Schusslinie genommen, und offenbar fand auch Mario es ganz gut, dass es da diese Schutzmauer gibt.

»Keine Zeit zum Durchdrehen« – Mario Götze im Interview #2 >>

Vor der zurückliegenden Spielzeit war Mario immer wieder verletzt, teilweise auch über Monate. Wie geht er mit Frustmomenten um?

Prof. Jürgen Götze: Wir reden schon darüber, wenn es ihm nicht gut geht. Meine Einstellung dazu: »Ist passiert, einfach weitermachen.« Ich wollte den Jungs immer vermitteln, dass sie nicht anfangen darüber nachzugrübeln, was passiert, wenn sie nicht trainieren können. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen. Mario ist kein grüblerischer Typ. Er hat längere Verletzungspausen bislang auch immer gut kompensiert. Er wurde gleich wieder zu den Junioren-Nationalmannschaften eingeladen. 

Sein großer Bruder Fabian hat beim FSV Mainz eher eine durchwachsene Saison erlebt, Mario ist total durchgestartet. Wie kam das zuhause an?

Prof. Jürgen Götze: Mit Fabian rede ich öfter über den Erfolg von Mario. Er sagt schon mal: »Er is schon’n Guter!« Ich glaube, Fabian erkennt den Erfolg seines Bruder voll und ganz an. Er kennt das ja schon lange. Mario hat, obwohl er zwei Jahre jünger ist, immer in den Teams von Fabian gespielt. Er hatte stets dieses gewisse Etwas auf dem Platz. Und Fabian hat in Mainz viel Pech gehabt. Erst hat er sich nach sechs Wochen bei den Profis einen Husten eingefangen und anschließend an der Schulter verletzt – und schon war er ein halbes Jahr außer Gefecht. Aber so ist der Fußball nun mal. Jetzt spielt er beim VfL Bochum und wohnt nur 200 Meter von unserem Haus entfernt. Ich glaube, es tut ihm und uns ganz gut, dass er wieder näher bei der Familie ist.

Warum ist Fabian nicht wieder bei Ihnen eingezogen?

Prof. Jürgen Götze: Weil er jetzt schon eineinhalb Jahre nicht mehr zuhause lebt. Und außerdem hat Mario sich bei uns auch ziemlich ausgebreitet.

Hat er sich einen eigenen Fitnessbereich eingerichtet?

Prof. Jürgen Götze: Nein, wir haben ein Reihenendhaus, und Mario hat nun im Obergeschoss eine Art Studio bezogen. Das sind 44 Quadratmeter mit seperatem Badezimmer und Balkon. Da war vorher Fabian drin, und jetzt hat Mario es übernommen.

Dass ein Vater stolz ist, der weiß, dass einer seiner Söhne als das größte deutsche Nachwuchstalent gilt, versteht sich von selbst. Aber macht es Ihnen auch Angst?

Prof. Jürgen Götze: Mehr als es mich stolz macht. Allein, wenn ich an die Erwartungen denke. Dabei wird es schon schwer genug, überhaupt wieder an das Niveau der vergangenen Saison heranzukommen. Als ich 20 Jahre alt war, wollte ich auch Tennisprofi werden, heute bin ich fünfzig und kann guten Gewissens sagen, dass mir mein Leben an der Hochschule auch viel Spaß macht. Deswegen kann ich mir auch immer noch ein anderes Leben für ihn vorstellen, wenn er großes Verletzungspech hätte. Ich denke immer nur in Vierteljahresspannen, weil ich weiß, wie schnell es im Profisport vorbei sein kann. Aber Gott sei Dank läuft es gerade ja.

Was sagt denn Ihre Frau?

Prof. Jürgen Götze: Sie sieht das ganz entspannt. Wir versuchen Mario zu vermitteln, dass er einfach so weiterlebt wie bisher, als wenn es den ganzen Rummel gar nicht gäbe.

Gibt es dennoch einen Moment, in dem auch Ihnen bewusst wurde, was für ein einzigartiger Fußballer Mario ist?

Prof. Jürgen Götze: Solche Augenblicke kenne ich seit der E-Jugend. Damals war ich bei dem Team, in dem die Jungs spielten, auch eine Zeitlang Co-Trainer. Aber wenn Sie mich so fragen: In der A-Jugend habe ich wirklich mal gedacht, das es nicht wahr sein kann, was der Mario da macht.

Erzählen Sie.

Prof. Jürgen Götze: Die A-Jugend des BVB spielte gegen den VfL Bochum. Mario saß in der ersten Halbzeit auf der Bank, weil er längere Zeit verletzt gewesen war. Vom Alter her war er sogar noch B-Jugendlicher. Die Bochumer führten zur Halbzeit, und Trainer Peter Hyballa wechselte ihn ein. Und was macht er: Schießt zwei Tore und bereitet das dritte Tor vor. Der BVB gewann 4:3. Hinterher habe ich Mario gefragt, wie er das hingekriegt hat. Da sagte er: »Ich habe dem Trainer gesagt, ich sei fit, aber er hat mich nicht von Anfang an spielen lassen. Da wollte ich dem mal zeigen, was ich kann.«

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