09.05.2008

Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im Interview

»Die Hemmschwelle setzt aus«

Der Fall Ivan Klasnic hat den Konsum von Schmerzmitteln im Fußballsport zum öffentlichen Thema gemacht. Mit Schmerzforscher Prof. Graf-Baumann sprachen wir über die Hintergründe, die Risiken und Voltaren als Zwischenmahlzeit.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im Interview
Einmal abgesehen vom Fall Klasnic, haben Sie mit Mannschaftsärzten über das Schmerzmittel-Problem gesprochen?

Ja, aber es ist ein schwieriges Thema. Die Ärzte reagieren verunsichert, wenn man sie darauf anspricht. Sie wissen, wie die Realität aussieht, aber sie wissen nicht, was sie dagegen tun sollen. Häufig besorgen sich die Spieler die Medikamente ja selber.

Der Vereinsarzt steckt in einer Zwickmühle. Er wird vom Klub dafür bezahlt, die teuren Angestellten möglichst schnell fit zu bekommen – trotz aller Risiken, die damit verbunden sind. Was erwarten Sie von einem Mediziner in einer solchen Situation?

Er muss sich immer vor Augen halten, dass er in erster Linie Arzt und der Sportler sein Patient ist. Er muss eine sachgerechte Diagnose stellen und dann kritisch abwägen, was zu tun ist. Hat der Spieler eine Verletzung, ist eine Begleitbehandlung mit Schmerzmitteln unter medizinischer Aufsicht und für eine begrenzte Zeit angebracht. Aber bei Muskelschmerzen, wie sie angesichts der hohen Belastung gang und gäbe sind, sieht das anders aus. Solche Beschwerden kann man auch konservativ ohne Medikamente beispielsweise durch bestimmte physiotherapeutische oder osteopathische Techniken lindern. Aber häufig hat der Spieler ganz einfach keine Lust, sich einer zweistündigen Behandlung beim Physiotherapeuten zu unterziehen, sondern schmeißt lieber schnell mal Diclofenac ein.

Sie appellieren auch an die Eigenverantwortung der Spieler…

Auf jeden Fall. Durch den Einsatz von Schmerzmitteln werden ja nur die Symptome behandelt, aber nicht die Gründe dafür beseitigt – mal ganz abgesehen von den Nebenwirkungen. Das Verhalten vieler Spieler ist gedankenlos. Das geht runter bis in den Amateurbereich. Ich bin Präsident eines Verbandsligisten. Die Spieler meines Vereins schlucken auch Schmerzmittel, obwohl ich ihnen schon zigmal gesagt habe, sie sollen das lassen.

Schmerzmittel werden zur Leistungssteigerung eingenommen. Warum stehen die Medikamente nicht auf der Dopingliste?


Einem gesunden Sportler bringt die Einnahme von Voltaren nichts. Hat er Schmerzen, kann die dadurch bedingte Leistungsminderung beispielsweise von 50 auf 25 Prozent verringert werden. Die Medikamente helfen nur, das normale Leistungsniveau zu erreichen, aber sie erhöhen dieses Niveau nicht. Das ist der Unterschied zu klassischen Dopingmitteln. Aber selbstverständlich ist auch die ständige und unreflektierte Einnahme von Schmerzmitteln sehr bedenklich. Es gibt aufgrund erster Untersuchungen der Sporthochschule Köln Hinweise auf eine unkritische Grundhaltung gegenüber Medikamenten-Konsum, auch was Dopingsubstanzen angeht.

Was kann getan werden, um den Schmerzmittelmissbrauch einzudämmen?

Es muss auf jeden Fall viel Aufklärungsarbeit betrieben werden. Zudem muss wissenschaftlich untersucht werden, was die Sportler dazu bringt, sich den Gefahren des regelmäßigen Schmerzmittelgebrauchs auszusetzen, warum die intellektuelle Hemmschwelle aussetzt. Ein Grund dafür ist sicherlich der Leistungsdruck.

Auch die hohe Belastung aufgrund übervoller Spielpläne trägt ihren Teil dazu bei.

Auf jeden Fall. Die Regenerationsphasen sind zu kurz. Im vergangenen Jahr hat das ja schon mal Franz Beckenbauer angesprochen. Aber nicht einmal auf den Kaiser hat man gehört.

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