Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im Interview

»Die Hemmschwelle setzt aus«

Der Fall Ivan Klasnic hat den Konsum von Schmerzmitteln im Fußballsport zum öffentlichen Thema gemacht. Mit Schmerzforscher Prof. Graf-Baumann sprachen wir über die Hintergründe, die Risiken und Voltaren als Zwischenmahlzeit. Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im InterviewImago

Herr Professor Dr. Graf-Baumann, Sie haben schon vor dem Fall Ivan Klasnic auf den Schmerzmittel-Missbrauch im Profi-Fußball hingewiesen. Aber so richtig dafür interessiert hat sich bis dahin niemand.

Das Problem ist in der Tat nicht neu. Es ist erschreckend, wie unkritisch im Fußball, aber auch in anderen Sportarten mit Schmerzmitteln umgegangen wird. Diclofenac, sprich Voltaren, Ibuprofen oder auch Aspirin werden mit einer Selbstverständlichkeit geschluckt, als würde man einen Kaffee trinken – früh, mittags und abends.

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Worauf stützt sich diese These?

Als Mitglied der medizinischen Kommission der Fifa war ich an der Auswertung der Protokolle von Dopingkontrollen bei Länderspielen weltweit beteiligt. Auf dem so genannten Formular 1 müssen von den Teamärzten alle Medikamente angegeben werden, die der Spieler in den letzten 72 Stunden vor der Dopingkontrolle eingenommen hat. Irgendwann kam meine Tochter, die mir bei der Arbeit half, auf mich zu und sagte, dass auffallend oft Schmerzmittel auftauchen würden. Die Menge der verabreichten Mittel war in der Tat erschreckend hoch, wie die genauere Analyse der Kontrollbögen seit 1994 ergab.

Können Sie Zahlen nennen?


Bei der Weltmeisterschaft 2002 nahm beispielsweise jeder zehnte Spieler Schmerzmittel vor jedem Match, 20 Prozent bei zwei von drei WM-Spielen und die Hälfte mindestens einmal während des Turniers ein.

Kann man die Ergebnisse aus den Länderspielen auch auf die Verhältnisse in der Fußball-Bundesliga übertragen?

Es gibt hier kein statistisch ausgewertetes Zahlenmaterial. Aber Sie können davon ausgehen, dass auch hier ohne eine ordentlich geführte Diagnostik und eine medizinische Indikation Schmerzmittel regelmäßig eingenommen werden. Teilweise sogar prophylaktisch, um Muskelschmerzen vorzubeugen.

Dabei sind die Nebenwirkungen gravierend…

Absolut. Jahr für Jahr sterben viermal so viele Menschen an den Nebenwirkungen durch die Dauereinnahme so genannter nicht–steroidaler, antientzündlicher Mittel als durch chirurgische oder chirotherapeutische Eingriffe.

Bei Ivan Klasnic dürfte der Medikamenten-Konsum seine Nierenkrankheit verschlimmert haben.

Ich kenne die einzelnen Daten nicht. Von daher ist es schwer, etwas zum Fall Klasnic zu sagen. Aber dass die Einnahme von Schmerzmitteln eine Niereninsuffizienz gegebenenfalls hervorgerufen und verschlimmert hat, scheint außer Frage zu stehen.

Wie kann es sein, dass die Vereinsärzte die alarmierenden Blutwerte ignoriert haben?

Wie gesagt, ich kenne die Einzelheiten nicht. Jedoch spätestens ab dem Zeitpunkt, als der Spieler über häufige Müdigkeit und Abgeschlagenheit klagte, hätten die Blutwerte genau analysiert und die Zeichen erkannt werden müssen. Die Befunde der Labors geben in der Regel links die Normalwerte und rechts die aktuellen Werte an. Stimmt da etwas nicht, werden sie farblich markiert. Es ist schwer nachvollziehbar, dass bis zum Endstadium in Form einer bevorstehenden Dialyse-Behandlung nichts erkannt worden ist.

Einmal abgesehen vom Fall Klasnic, haben Sie mit Mannschaftsärzten über das Schmerzmittel-Problem gesprochen?

Ja, aber es ist ein schwieriges Thema. Die Ärzte reagieren verunsichert, wenn man sie darauf anspricht. Sie wissen, wie die Realität aussieht, aber sie wissen nicht, was sie dagegen tun sollen. Häufig besorgen sich die Spieler die Medikamente ja selber.

Der Vereinsarzt steckt in einer Zwickmühle. Er wird vom Klub dafür bezahlt, die teuren Angestellten möglichst schnell fit zu bekommen – trotz aller Risiken, die damit verbunden sind. Was erwarten Sie von einem Mediziner in einer solchen Situation?

Er muss sich immer vor Augen halten, dass er in erster Linie Arzt und der Sportler sein Patient ist. Er muss eine sachgerechte Diagnose stellen und dann kritisch abwägen, was zu tun ist. Hat der Spieler eine Verletzung, ist eine Begleitbehandlung mit Schmerzmitteln unter medizinischer Aufsicht und für eine begrenzte Zeit angebracht. Aber bei Muskelschmerzen, wie sie angesichts der hohen Belastung gang und gäbe sind, sieht das anders aus. Solche Beschwerden kann man auch konservativ ohne Medikamente beispielsweise durch bestimmte physiotherapeutische oder osteopathische Techniken lindern. Aber häufig hat der Spieler ganz einfach keine Lust, sich einer zweistündigen Behandlung beim Physiotherapeuten zu unterziehen, sondern schmeißt lieber schnell mal Diclofenac ein.

Sie appellieren auch an die Eigenverantwortung der Spieler…

Auf jeden Fall. Durch den Einsatz von Schmerzmitteln werden ja nur die Symptome behandelt, aber nicht die Gründe dafür beseitigt – mal ganz abgesehen von den Nebenwirkungen. Das Verhalten vieler Spieler ist gedankenlos. Das geht runter bis in den Amateurbereich. Ich bin Präsident eines Verbandsligisten. Die Spieler meines Vereins schlucken auch Schmerzmittel, obwohl ich ihnen schon zigmal gesagt habe, sie sollen das lassen.

Schmerzmittel werden zur Leistungssteigerung eingenommen. Warum stehen die Medikamente nicht auf der Dopingliste?


Einem gesunden Sportler bringt die Einnahme von Voltaren nichts. Hat er Schmerzen, kann die dadurch bedingte Leistungsminderung beispielsweise von 50 auf 25 Prozent verringert werden. Die Medikamente helfen nur, das normale Leistungsniveau zu erreichen, aber sie erhöhen dieses Niveau nicht. Das ist der Unterschied zu klassischen Dopingmitteln. Aber selbstverständlich ist auch die ständige und unreflektierte Einnahme von Schmerzmitteln sehr bedenklich. Es gibt aufgrund erster Untersuchungen der Sporthochschule Köln Hinweise auf eine unkritische Grundhaltung gegenüber Medikamenten-Konsum, auch was Dopingsubstanzen angeht.

Was kann getan werden, um den Schmerzmittelmissbrauch einzudämmen?

Es muss auf jeden Fall viel Aufklärungsarbeit betrieben werden. Zudem muss wissenschaftlich untersucht werden, was die Sportler dazu bringt, sich den Gefahren des regelmäßigen Schmerzmittelgebrauchs auszusetzen, warum die intellektuelle Hemmschwelle aussetzt. Ein Grund dafür ist sicherlich der Leistungsdruck.

Auch die hohe Belastung aufgrund übervoller Spielpläne trägt ihren Teil dazu bei.

Auf jeden Fall. Die Regenerationsphasen sind zu kurz. Im vergangenen Jahr hat das ja schon mal Franz Beckenbauer angesprochen. Aber nicht einmal auf den Kaiser hat man gehört.

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