09.05.2008

Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im Interview

»Die Hemmschwelle setzt aus«

Der Fall Ivan Klasnic hat den Konsum von Schmerzmitteln im Fußballsport zum öffentlichen Thema gemacht. Mit Schmerzforscher Prof. Graf-Baumann sprachen wir über die Hintergründe, die Risiken und Voltaren als Zwischenmahlzeit.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Prof. Dr. Toni Graf-Baumann im Interview
Herr Professor Dr. Graf-Baumann, Sie haben schon vor dem Fall Ivan Klasnic auf den Schmerzmittel-Missbrauch im Profi-Fußball hingewiesen. Aber so richtig dafür interessiert hat sich bis dahin niemand.

Das Problem ist in der Tat nicht neu. Es ist erschreckend, wie unkritisch im Fußball, aber auch in anderen Sportarten mit Schmerzmitteln umgegangen wird. Diclofenac, sprich Voltaren, Ibuprofen oder auch Aspirin werden mit einer Selbstverständlichkeit geschluckt, als würde man einen Kaffee trinken – früh, mittags und abends.



Worauf stützt sich diese These?

Als Mitglied der medizinischen Kommission der Fifa war ich an der Auswertung der Protokolle von Dopingkontrollen bei Länderspielen weltweit beteiligt. Auf dem so genannten Formular 1 müssen von den Teamärzten alle Medikamente angegeben werden, die der Spieler in den letzten 72 Stunden vor der Dopingkontrolle eingenommen hat. Irgendwann kam meine Tochter, die mir bei der Arbeit half, auf mich zu und sagte, dass auffallend oft Schmerzmittel auftauchen würden. Die Menge der verabreichten Mittel war in der Tat erschreckend hoch, wie die genauere Analyse der Kontrollbögen seit 1994 ergab.

Können Sie Zahlen nennen?


Bei der Weltmeisterschaft 2002 nahm beispielsweise jeder zehnte Spieler Schmerzmittel vor jedem Match, 20 Prozent bei zwei von drei WM-Spielen und die Hälfte mindestens einmal während des Turniers ein.

Kann man die Ergebnisse aus den Länderspielen auch auf die Verhältnisse in der Fußball-Bundesliga übertragen?

Es gibt hier kein statistisch ausgewertetes Zahlenmaterial. Aber Sie können davon ausgehen, dass auch hier ohne eine ordentlich geführte Diagnostik und eine medizinische Indikation Schmerzmittel regelmäßig eingenommen werden. Teilweise sogar prophylaktisch, um Muskelschmerzen vorzubeugen.

Dabei sind die Nebenwirkungen gravierend…

Absolut. Jahr für Jahr sterben viermal so viele Menschen an den Nebenwirkungen durch die Dauereinnahme so genannter nicht–steroidaler, antientzündlicher Mittel als durch chirurgische oder chirotherapeutische Eingriffe.

Bei Ivan Klasnic dürfte der Medikamenten-Konsum seine Nierenkrankheit verschlimmert haben.

Ich kenne die einzelnen Daten nicht. Von daher ist es schwer, etwas zum Fall Klasnic zu sagen. Aber dass die Einnahme von Schmerzmitteln eine Niereninsuffizienz gegebenenfalls hervorgerufen und verschlimmert hat, scheint außer Frage zu stehen.

Wie kann es sein, dass die Vereinsärzte die alarmierenden Blutwerte ignoriert haben?

Wie gesagt, ich kenne die Einzelheiten nicht. Jedoch spätestens ab dem Zeitpunkt, als der Spieler über häufige Müdigkeit und Abgeschlagenheit klagte, hätten die Blutwerte genau analysiert und die Zeichen erkannt werden müssen. Die Befunde der Labors geben in der Regel links die Normalwerte und rechts die aktuellen Werte an. Stimmt da etwas nicht, werden sie farblich markiert. Es ist schwer nachvollziehbar, dass bis zum Endstadium in Form einer bevorstehenden Dialyse-Behandlung nichts erkannt worden ist.

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