Prof. Dr. Effenberg und die Trainingsrevolution

»Schöner spielen dank synchroner Musik!«

Prof. Dr. Alfred Effenberg, Sportwissenschaftler der Uni Hannover, hat mit einem Forschungsprojekt bewiesen, dass sich synchrone Musik auf die Mannschaftsdienlichkeit von Fußballern auswirkt. Ein Gespräch über einfache Klangfolgen und die Disco von Günter Netzer.

Prof. Dr. Alfred Effenberg, sagen Sie jetzt nicht...

...da muss ich Sie enttäuschen. Weder verwandt, noch verschwägert. 



In Ihrer Funktion als Sportwissenschaftler der Universität Hannover haben Sie vor kurzem das Forschungsprojekt »SoundSoccer« abgeschlossen. Laut Information der Institutshomepage ein Projekt bei dem »mögliche Synchronisationseffekte einer Musikintervention auf Lauf- und Abspielrhythmen innerhalb einer Mannschaft« erkundet wurden. Bitte übersetzen Sie uns das.

In 22 Trainingseinheiten haben wir zwei Fußballteams, der männlichen A-Jugend vom FV Engers 07 und der Frauenmannschaft der SG Eintracht Wetzlar, mit drahtlosen Ohrstöpseln Musik vorgespielt und die Auswirkungen auf die Leistungen im Training untersucht.



Für welche Musik haben Sie sich entschieden? Knallharten HipHop? Oder doch eher gefühlige Balladen?

Weder noch. Matthias Hornschuh, ein Film- und Medienkomponist aus Köln, hat für uns einfache Klangfolgen komponiert. Einer der Teilnehmer hat den Sound als »eine Art Jungle Beat« bezeichnet, vielleicht hilft das, um sich die Richtung in etwa vorzustellen. Die Mannschaften wurden in ihren Übungseinheiten in Fünf-gegen-Fünf-Teams aufgeteilt, eine Seite bekam die Musik auf eine tausendstel Sekunde synchron aufs Ohr gespielt, die andere Seite geringfügig beschleunigt bzw. verzögert. Jede Mannschaft spielte zehn Minuten mit synchroner, zehn Minuten mit asynchroner Musik und zehn Minuten ohne Musik. Wir haben das wissenschaftliche Design der Studie entwickelt, die Idee wurde zusammen mit dem Kölner Musikjournalisten Manfred Müller entwickelt, der zuvor schon Lauf- und Dribbelrhythmen von deutschen und südamerikanischen Fußballern akustisch abgebildet hat.



Mit dem Ergebnis?

Die Mannschaften mit der synchronen Musik im Ohr spielten nachweislich mehr und erfolgreichere Pässe bzw. aufwendigere Passstafetten. 



Wurden auch mehr Tore erzielt?

Tendenziell ja, allerdings wurde der Unterschied statistisch nicht statistisch.



Mit synchroner Musik kann man also besser, nicht unbedingt erfolgreicher Fußball spielen?

So kann man es sagen.



Wie lässt sich das erklären?

So etwas wie einen Bewegungsrythmus kann man sehr schön akustisch transportieren und vermitteln. Beim Sport geht eigentlich immer sehr viel über das Auge, dabei ist auch das Gehör sehr sensibel - Akustik ist deshalb gut geeignet, um versteckte Aspekte von Bewegung wahrnehmbar zu machen.





Haben sich die Ergebnisse eigentlich geschlechtsspezifisch unterschieden?

In der Tat: Frauen sind diesbezüglich offenbar weniger empfänglich für diese Art Musik. Bei den Männern wurden dagegen nicht nur mehr Pässe gespielt, auch die Anzahl der Ballkontakte je Passstation reduzierte sich nachweislich. 



Kann also synchrone Musik, im Training gezielt eingesetzt, Fußballmannschaften besser machen?

Das wäre Spekulation. Um das zu zeigen, dazu müsste man schon Mannschaften über einen längeren Zeitraum bei ihren Pflichtspielen begleiten. Allerdings gibt es so viele unterschiedliche Einflussfaktoren in Bezug darauf, ob eine Mannschaft das Spiel gewinnt oder verliert - dass man deshalb den Einfluss einer neuen Trainingsform nur sehr schwer feststellen können wird. Allerdings: die steigende Passfrequenz und Passerfolgsquote haben wir mit diesem Projekt eindeutig bewiesen.



Verlassen wir die Forschungsebene. Wenn Musik tatsächlich Einfluss auf die Spielgestaltung von Fußballern haben kann: Glauben Sie, dass Beckenbauer, Overath und Co. einen anderen Ball gespielt haben, weil ihre Generation anderen Musikrichtungen lauschte?

Schwer zu sagen. Musik wirkt in ganz unterschiedlichen Facetten auf den Menschen. Schnellere Musik kann die Aktivierung des Körpers erhöhen, muss es aber nicht zwangsläufig. Bedeutet: Wenn Franz Beckenbauer Zeit seiner Karriere nur Walzer gehört hätte, wäre er bestimmt kein langsamerer Fußballer geworden.



Noch ein Versuch: Günter Netzer war bekanntlich Diskothekenbesitzer und Fußballgenie. Hat ihn seine Affinität zur Musik so gut werden lassen?

Wir wissen ja leider nicht, wie er gespielt hätte, wenn er keine Disko besessen hätte. Deshalb: Keine Ahnung.



Viele südamerikanische und afrikanische Mannschaften bringen sich vor Spielen mit gemeinsamer Musik in Stimmung. Vor den WM-Partien der deutschen Nationalmannschaft 2006 soll regelmäßig Xavier Naidoos »Dieser Weg« die Kabine beschallt haben. Wie wichtig ist der emotionale Aspekt von Musik beim Fußball?

Grundsätzlich hat man immer eine emotionale Wirkung bei Musik. Unser Wahrnehmungssystem bewertet kontinuierlich und zwangsläufig emotional das, was wir wahrnehmen. Dementsprechend wirkt das gemeinsame Hören und Tanzen zur Musik: Man bewegt sich gemeinsam und synchron, das ist ein gemeinsames Erleben und Abstimmen von körperlicher Aktivität untereinander. Für eine Fußballmannschaft kann das nur von Vorteil sein. 



Dann wäre es doch eigentlich von Vorteil, wenn Mannschaften in Zukunft eigene Komponisten beschäftigen würden. Quasi Co-Trainer mit der Hand am Mischpult!

Ich denke schon, dass man in Zukunft Musik noch stärker als bisher trainingsbegleitend einsetzen wird. Den Co-Trainer als DJ? Wenn, dann müsste man sich auf eine relativ neutrale Musik einigen, um eine gemeinsame Zeitbasis zu schaffen. Das ist schon sehr visionär, aber grundsätzlich denkbar.



Altkanzler Helmut Schmidt hatte zwar nicht viel mit Fußball zu tun, hatte aber einen geradezu rehagelschen Moment, als er das Zitat »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen« in Umlauf brachte. Glauben Sie, dass die Fußballwelt für solch moderne Methoden empfänglich ist?

Wir haben unsere Ergebnisse gerade erst beim DFB-Wissenschaftskongress vorgestellt. Während die Funktionäre eher zurückhaltend reagierten, waren die anwesenden Trainer und Trainer-Azubis sehr interessiert und vor allem neugierig. So gesehen bin ich recht zuversichtlich, was den Nachhall unseres Projekts angeht.

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