»Probleme entstehen im Kopf« – Ein Motivationstrainer im Interview

Wie motiviert man Abstiegskandidaten?

Im Abstiegskampf holte sich Werder Bremen jetzt sogar Hilfe von einem Motivationstrainer. Wir sprachen mit Motivationscoach Dirk Schmidt über Blockaden im Abstiegskampf, Ziele und Christoph Daums Schiffchen. »Probleme entstehen im Kopf« – Ein Motivationstrainer im InterviewImago

Dirk Schmidt, wie kann ein Motivationstrainer den Spielern im Abstiegskampf helfen?

Dirk Schmidt: Ich kann weniger den Spielern helfen, wohl aber durch den Trainer neue Impulse senden. Der Fisch stinkt schließlich vom Kopf. Wenn der Trainer nicht hinter den Ideen des Motivationstrainers steht, funktioniert es nicht. Der Trainer ist der primäre Motivator für das Team. Er ist das Vorbild für die ganze Mannschaft. Wenn er nur einen Funken Zweifel am Erfolg hat, wird es schief gehen.

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Was würden Sie einem Abstiegskandidaten konkret raten?

Dirk Schmidt: Das Wichtigste ist, dass man von Beginn an ein klares Ziel anpeilt. Das ist der Weg zum Erfolg. Da liegt bei vielen Teams der Fehler.

Aber der Klassenerhalt ist ein klares Ziel.

Dirk Schmidt: Für mich nicht. Das ist ein Vermeidungsziel. So etwas funktioniert nicht. Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass Sie nicht an den Eiffelturm denken sollen. Woran denken Sie dann?

An den Eiffelturm! 

Dirk Schmidt: Genau. Und wenn ein Trainer sagt: »Jungs, wir wollen nicht verlieren!« wird genau das passieren. Mit Vermeidungszielen kann man keinen Menschen motivieren.

Und welches Ziel setzt man sich, um den Klassenerhalt zu schaffen?

Dirk Schmidt: Man kann viel besser mit Punkten arbeiten. Das ist ein so genanntes Anstrebungsziel. Anstatt zu sagen: »Wir wollen nicht absteigen.« oder »Wir wollen nicht verlieren.«, sagt man: »Wir wollen 45 Punkte holen!« Man muss positiv formulieren.

Hat das schon mal konkret funktioniert? 

Dirk Schmidt: Frankfurt hat das vor Jahren gemacht. Die haben einen Zettel in die Kabine gehängt, auf dem stand: »Wir holen 45 Punkte!« Diese Zahl wurde auch auf Trikots gedruckt, um dem ganzen Klub das Ziel zu verdeutlichen. Wissen Sie, wie viele Punkte die am Ende hatten?

45!

Dirk Schmidt: Genau.

Hätte man da nicht besser mehr Punkte auf den Zettel schreiben können?

Dirk Schmidt: Nein. Mann sollte sich immer realistische Ziele setzen. Aber mein Tipp wäre gewesen: 45 Punkt oder mehr.

Und was macht ein Verein, wenn nur noch fünf Spiele ausstehen und von den 45 Punkten erst 20 auf dem Konto sind?

Dirk Schmidt: Das wird nicht passieren. Wenn Trainer, Team und Management hinten dieser Idee stehen, wird es funktionieren.

Dann würde ja niemand mehr absteigen.

Dirk Schmidt: Natürlich ist das nicht einfach. Schließlich muss der ganze Klub hinter diesem Ziel stehen. Und der Fußball behandelt solche Ideen noch sehr stiefmütterlich. Im Basketball oder im Ski-Sport, wo viele Amerikaner aktiv sind, haben Sportler längst Motivationstrainer und Sportpsychologen an Bord. Im deutschen Fußball geschieht das fast ausschließlich bei Hoffenheim mit Bernhard Peters, dem ehemaligen Hockey-Bundestrainer.

Und wie ist es mit Werder Bremen?

Dirk Schmidt: Ich kenne die Ziele von Werder Bremen nicht. Ich weiß auch nicht, ob Werder Bremen mit Thomas Schaaf klare Ziele hatte und wenn ja, ob die im Team kommuniziert wurden. Da geht es um Ziele, die im Unterbewusstsein herumschleichen, aber nie klar besprochen wurden. Solche Ziele kann man nicht verwirklichen.


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Haben Spieler im Abstiegskampf nicht auch mit anderen Problemen als schlecht formulierten Zielen zu kämpfen?

Dirk Schmidt: Klar. Mit Ängsten. Wettkampfblockaden. So etwas hemmt. Die Jungs können Fußball spielen. Die Probleme entstehen aber im Kopf. Und mit Ängsten haben sie vielleicht Zugriff auf 30 bis 40 Prozent ihres Potentials.

Christoph Daum hat seine Spieler über glühende Kohlen laufen lassen. Helfen solche Maßnahmen, um Blockaden zu lösen?

Dirk Schmidt: Feuerlauf, Scherbenlauf, Hochseilgarten. Das sind letztlich nur Metaphern. Da geht es darum, Angst in Mut umzuwandeln. Denn wer läuft schon über 800 Grad heiße Kohlen? Wenn man diese Angst überwindet, gibt es noch mal einen Ruck nach vorne. Es geht darum, Mut zu machen.

Christoph Daum im Interview: »Ich wurde verspottet« >>

Was kann man noch machen?

Dirk Schmidt: Daum hat 2008 in Köln eng mit einem Sportpsychologen zusammen gearbeitet. Um den Aufstieg zu schaffen, haben sie das Ziel visualisiert. Zusammen mit dem Team haben sie ein Schiff gemalt, ein Schiff, das in die erste Liga segelt. Der Aufstieg hat geklappt. Es ist unheimlich effektiv, Ziele in Bildern zu vermitteln.

Hilft es auch, einfach mit Straftraining zu drohen?

Dirk Schmidt: Die »Methode-Magath«?

Wenn Sie es so nennen wollen.

Dirk Schmidt: Die funktioniert tatsächlich. Das Ziel »Weg vom Schmerz« ist ein großer Motivator. Ein Kind greift nur einmal auf die heiße Herdplatte. Als Magath noch bei Bayern war, haben sie unter der Woche mal miserabel in der Champions League gespielt, obwohl Bayern in der Liga vorher deutlich gewonnen hatte. Daraufhin hat Magath schnell einen Bus organisiert, der die Mannschaft nachts um eins vom Flughafen München abgeholt hat und zum Trainingsgelände bringen sollte. Da wurde dann noch zwei Stunden trainiert.

Lassen Sie mich raten. Es hat funktioniert?

Dirk Schmidt: Absolut. Beim nächsten Spiel haben die Bayern haushoch gewonnen.

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