Pro-Fans-Sprecher Jakob Falk über den Fankongress und rechtsoffene Kurven

»Die Verbände drehen sich nicht um 180 Grad!«

Nach zwei Jahren fand am Wochenende in Berlin wieder ein Fankongress statt. Wie lautet das Fazit? Hat sich das Verhältnis zwischen Fans und Verbänden entspannt? Wird es einen Dialog zwischen Fans und Polizei geben? Wie alarmierend sind die rechtsoffenene Fanszenen in einigen Stadien? Ein Gespräch mit Organisator und »ProFans«-Sprecher Jakob Falk.

Jakob Falk, als der Fankongress vor zwei Jahren stattfand, war das große Schlagwort »Dialog«. Wir sieht es im Januar 2014 aus? Hat sich das Verhältnis zwischen Fans und Verbänden normalisiert?
Als Mitglied der AG Fanbelange treffe mich alle paar Wochen mit Verbandsfunktionären, und ich kann sagen: In der Form des Dialogs gibt es auf jeden Fall Fortschritte. Ich finde auch, dass Andreas Rettig auf dem Fankongress eine sehr gute Rede gehalten hat, die viele wichtige Punkte beleuchtet hat. Zudem hat es Herr Rettig geschafft, auf die Fans zuzugehen. Er ist hier nicht als der große Verbandsvertreter aufgetreten, sondern als interessierter Teilnehmer, der von Anfang bis Ende bei Workshops und Diskussionen aktiv teilgenommen hat.

Es ist also alles in Butter?
So kann man es auch nicht sagen. Denn trotz alledem gehen wir in vielen Vorstellungen noch weit auseinander. Bestes Beispiel: Die Stadionverbote. Zu dem Thema haben wir am Samstag ausführlich mit Fananwälten diskutiert, die den Fans die rechtlichen Möglichkeiten erklärt haben. Und auch wenn Herr Rettig als DFL-Chef einen guten Eindruck hinterlassen hat, wissen die Fans, dass sich die Verbände jetzt nicht um 180 Grad drehen werden.

Neben dem Thema Stadionverbote wurde ausgiebig über das Verhältnis von Polizei und Fans gesprochen. Auf einer Diskussion lud der Berliner Polizist Hans-Ulrich Hauck die Fans zur gemeinsamen Nachbetrachtung eines Einsatzes ein.  Außerdem wurde Selbstkritik geübt. Ist das ein erster Schritt zu Annäherung?
Fans fordern seit Jahren eine Abrüstung vor dem Stadion. Kurz: Sie wünschen zum Beispiel, dass sie nicht von vermummten Polizisten mit heruntergelassenen Visieren begrüßt werden. Herr Hauck sieht das ähnlich, und natürlich begrüßen wir so eine Aussage. Allerdings heißt das nicht, dass er für den Großteil der Polizei spricht. Denn die meisten Polizei-Gewerkschaftler sehen das komplett anders. Seit 2012 gibt es eine neue Einsatzstrategie, und die ist eben nicht auf mehr Transparenz und Deeskalation ausgerichtet, sondern auf eine höhere Präsenz und rigoroses Durchgreifen.

Es wird demnach keinen runden Tisch mit Polizei und Fans geben?
Vielleicht haben einige Leute erwartet, dass sich die Fans dialogbereiter zeigen. Doch es hilft uns nicht, an der Realität vorbeizugucken, und die sagt: Die meisten Fans lehnen den Dialog weiterhin ab.

Welche Meinung haben Sie als Vertreter von »Pro Fans« dazu?
Wir fordern, die Positionen der Fanbetreuer und Fanprojekt-Mitarbeiter zu stärken, also von Leuten, die vermittelnd arbeiten. Es kann jedenfalls nicht sein, dass die Fanarbeiter am Stadion von Polizisten als normale Fans wahrgenommen werden.

Am Sonntag wurde ebenfalls über das Thema »Anti-Diskriminierung« diskutiert. Hätten Sie sich eine größere Kontroverse gewünscht? 
Man muss keine Nazis einladen, um eine kontroverse Diskussion zu haben. Und um eine Sache klarzustellen: Es wurde kolportiert, dass wir zum Beispiel die Aachener »Karlsbande« ausgeladen hätten. Das stimmt nicht. Die Gruppe hat sich nicht angemeldet, vermutlich mit der Vorahnung, dass wir als Veranstalter ein ernsthaftes Problem damit gehabt hätten. Das wäre auch der Fall gewesen. Ich denke, dass im Publikum einige Leute saßen, die eine andere Meinung vertreten, die sich aber nicht getraut haben, diese hier zu äußern. Für die Diskussion ist das natürlich schade. Auf der anderen Seite wird so auch deutlich, dass die große Mehrheit in dieser Frage gleich tickt.

So ergab sich auf der Diskussion im Saal ein antirassistischer und antidiskriminierender Grundkonsens. Inwiefern spiegelt er die Kurven wider?
Das kann man nicht pauschal beurteilen. In Dortmund hast du 25.000 Fans auf der Südtribüne stehen. Im Berliner Olympiastadion sind es über 7000. Das ist eine heterogene Masse, die niemals ein verbindlichen und meinungsübergreifenden Banner an den Zaun hängen wird. Letztendlich liegt es jetzt an den Szenen vor Ort, mit Gruppen zu sprechen, die sich bislang als rechtsoffen zeigten.


Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die Rechtsoffenheit der Kurven in den vergangenen Jahren viel sichtbarer geworden ist?
Ich finde nicht, dass sich sichtbarer geworden ist. Früher, in den achtziger Jahren, war sie das doch viel mehr.

Anders gefragt: Warum wird die Rechtsoffenheit der Kurven denn heutzutage mehr diskutiert?
Weil Fans mehr Initiative ergreifen. Weil Fans die Öffentlichkeit informieren und einbeziehen. Weil es zu Machtverschiebungen innerhalb der Kurve kommt, wenn jüngere Fans gegen ältere Fans aufmucken. Und wenn eine Gruppe mit einem antidiskriminierenden Selbstverständnis aus der Kurve geprügelt wird, ist das ein offener Konflikt, und natürlich bewegt das die Öffentlichkeit.

»ProFans« begleitet also die Szenen in diesen Fragen?
Ganz konkret mischen wir uns nicht ein. Denn nach gewissen Vorfällen man kann von allen Seiten halbwegs glaubwürdige Berichte bekommen. Dennoch: Im Zweifel sind wir natürlich auf der antidiskriminierenden und antirassistischen Seite.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn Fans glauben, ein antirassistisches Spruchband gehört nicht ins Stadion, dann sehen wir das komplett anders.

Am Wochenende sorgte außerdem ein Brief des NRW-Innenministers Ralf Jäger für Trubel. Ihr Kollege Sig Zelt sprach von einer »Kampfansage«. Wie bewerten Sie den Brief?
Wir fanden es schade, dass wir mit ihm nicht über die Positionen diskutieren konnten. Aber wir wollen gerne auf das Dialogangebot eingehen, denn wir haben seinen Brief als Nachricht an die Fans aufgefasst. Daher haben wir seine Zitate (»Straftäter reisen quer durch Deutschland, provozieren auf dem Weg zum Stadion Krawalle und Ausschreitungen«, d. Red.) kommuniziert. Dass das für so viel Wirbel bei den Verbänden gesorgt hat, kann ich nicht so richtig verstehen. Die Funktionäre wissen doch genau, wie wir hier auftreten: Wir sind hier Fanvertreter. Wenn wir einen Brief als Veranstalter des Kongresses bekommen, sehen wir es als unsere Pflicht, diesen zu veröffentlichen.

Herr Falk, der Fankongress wurde von Fan-Auseinandersetzungen beim Testspiel zwischen Schalke und Köln überschattet. Ein Fan schwebte sogar in Lebensgefahr. Welche Auswirkungen hatte das auf den Kongress und Ihre Arbeit?
Wir haben davon am Samstag während einer Podiumsdiskussion erfahren und waren natürlich sehr erschüttert. Es hat uns sehr erleichtert, dass der Betroffene durchkommen wird. Wir sind uns alle einig: Das darf einfach nicht vorkommen. Allerdings können die Vorfälle den Kongress und unsere Arbeit nicht tangieren, denn wir wissen, dass wir diese Leute nicht erreichen können. Wir fokussieren uns auf Jugendliche, die sich ansprechen lassen wollen. Die ein Interesse an einer kreativen und bunten Kurve haben. Deswegen ist der Fankongress wichtig, wo Fans, Journalisten, Wissenschaftler und Verbandsvertreter über mögliche Freiräume und Alternativen diskutieren.

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