Portsmouth-Präsident McInnes über die Übernahme des Klubs durch die Fans

»Er kommt mit einer Bazooka und macht uns alle«

Für unsere aktuelle Ausgabe 11FREUNDE #144 reisten wir nach England, um mehr über die Übernahme des FC Portsmouth durch die eigenen Fans zu erfahren. Wir sprachen unter anderem mit dem neuen Klub-Präsidenten Ian McInnes über Bazookas im Gerichtssaal, betrunkene Anwälte und Ratten im Fratton Park.

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144

Ian McInnes, seit April 2013 sind Sie Präsident des FC Portsmouth. Sind Sie auch Fan des Vereins?
Ich gehe seit dem Jahr 1959 in den Fratton Park. Ich habe große Momente des Klubs erlebt und jede Menge Mist. Ich habe hier angebliche Milliardäre einmarschieren sehen, die sich einen Dreck um unseren Klub geschert haben, sondern nur das große Geld gewittert haben. Was für Dummköpfe! Sie alle sind weg, und der Klub war am Boden. Zahlungsunfähig. Klinisch tot. Also haben sich die Fans organisiert, um ihren Traum zu realisieren: Sie wollten sich den Klub zurückerobern.

Waren Sie von Anfang an dabei?
Oh nein. Im Mai 2012 saßen acht Männer in »Smiffys Bar« in der Nähe des Stadions und nach ein paar Pints bauten sie Luftschlösser. Sie wollten einen Trust gründen, der eines Tages einen Platz im Vorstand erkämpfen sollte. Den Klub zu übernehmen, davon haben sie damals nicht einmal zu träumen gewagt. Die Fans wollten einfach mitreden, wenn es um die Zukunft ihres Klubs ging. Sie haben zu viel Scheiße erlebt. Das waren alles Freunde von mir. Für uns ist der Verein mehr als ein Fußballklub. Er ist zentraler Bestandteil unseres Lebens. Wie eine zweite Ehefrau.

Nur zwei Monate später wurde der Portsmouth Supporters Trust gegründet.
Am Ende hat die Idee dieser Jungs dazu geführt, dass ein Großteil des Geldes, das später zur Übernahme gebraucht wurde, unter den Fans gesammelt wurde. Innerhalb von zwei Wochen hatte der Trust 1000 Mitglieder. Dann kamen die Gründer auf mich zu und und fragten, ob auch ich mir ein finanzielles Engagement für den Trust vorstellen könnte. Ich war sofort dabei.

Wie viel Geld haben Sie gespendet.
Genaue Zahlen werde ich Ihnen nicht nennen, aber es war ein sechsstelliger Betrag. Viel wichtiger war aber meine neue Aufgabe im Trust.

Wie sah diese aus?
Ich bin Geschäftsmann und habe mein Geld mit dem Verkauf von Elektroartikeln gemacht. Ich fing klein und bin heute finanziell unabhängig. Mein Prinzip ist einfach: Wenn ich an eine Sache glaube, dann tue ich alles dafür, damit sie realisiert wird. Ich denke nicht über Risiken nach. Natürlich kann man damit auch scheitern, aber das war mir in diesem Fall egal. Ich versprach, mich in den Wirtschaftskreisen der Stadt für die Idee stark zu machen. Am Ende fand ich neun weitere Männer, die verrückt genug waren, viel Geld in einen maroden Fußballklub zu stecken.

Man nennt Ihre Gruppe das »High Net Worth«. Welche Rolle spielte dieses Netzwerk bei der Übernahme?
Wir verständigten uns darauf, dass wir eine große Summe Geld bereitstellen werden, wenn der Trust ebenfalls seinen Teil beisteuert. Wir reden hier von zwei Millionen Pfund, die wir aus unserem Privatvermögen bezahlen wollten. Das Geld  ist an keine Bedingungen geknüpft. Wir haben unsere Anteile bekommen, aber eigentlich ist es ein Geschenk.

Der Trust sammelte insgesamt 2,5 Millionen Pfund von den Fans ein.
Sie haben hart und kreativ gearbeitet. Es entstand ein unglaublich Euphorie um den Klub. Hier in Portsmouth schien scheinbar jeder seine Mäuse zusammenzukratzen, um Pompey zu helfen. Und fuck, am Ende haben diese Verrückten es tatsächlich geschafft  Als wir das Geld zusammenhatten, bereiteten wir ein Angebot für den Noch-Besitzer Balram Chainrai vor. Wir mussten ihm den Klub und den Fratton Park abkaufen. Nur so konnte die Macht über Pompey in die Hände der Fans gelegt werden.

Chainrai hatte den Klub in den Konkurs geführt. Der Fratton Park war seine letzte Sicherheit. Er wird Ihnen den Klub sicher nicht kampflos überlassen haben.
Im Gegenteil, er zog alle Register. Es war mein Job, die Verhandlungen mit seinen Beratern in die Wege zu leiten und die richtigen Leute zu finden, die seinen Star-Anwälten das Wasser reichen konnten. Als wir am 10. April zu den Verhandlungen nach London fuhren, erreichte uns unterwegs die Nachricht, dass er einen neuen Investor in Stellung gebracht hatte. Wir konnten es nicht fassen.

Wo kam der Mann plötzlich her?
Wahrscheinlich aus dem Märchenland. (lacht) Es stellte sich schnell heraus, dass der Kontoauszug, den der neue Investor als Beweis vorlegte, gefälscht war. Als Bürgen hatte er einen malaysischen Geschäftsmann dabei. Dessen Vater wurde übrigens kurz danach von Auftragskillern auf offener Straße hingerichtet. Lassen Sie es mich so formulieren: Chainrai war bereit mit allen Mitteln zu kämpfen.

Gibt es dafür andere Beispiele?
Wir haben schon lange bevor es zu den finalen Verhandlungen mit Chainrais Männern kam, Gespräche miteinander geführt. Manchmal auch bei mir zuhause. Einmal kam ein Mann vorbei, der fünf Bodyguards mitbrachte. Obwohl es regnete trugen diese Bären die ganze Zeit Sonnenbrillen und standen grimmig in der Ecke. Das sollte wohl Eindruck schinden. Ich bin kein ängstlicher Mann, aber bei ihrem nächsten Besuch habe ich lieber meine Familie ausquartiert. Das zeigt, dass ich diesen Männern alles zugetraut hätte.

Zurück zu den Verhandlungen in London. Chenrais neuer Investor war also ausgestochen. Wie kam es am Ende zur Übernahme.
Es war ein Drama. Parallel zu unseren Verhandlungen lief wenige Kilometer entfernt im High Court ein Verhandlung über das Konkursverfahren des Klubs. Wir saßen in einem Büro und sahen auf der anderen Seite Chainrais Männer, die sich siegessicher abklatschten. Über Twitter verfolgten wir den Fortgang der Dinge im High Court, unsere Anwälte arbeiteten unter Hochdruck an den neuen Unterlagen. Gefühlt dauerte das Ganze Tage. Aber plötzlich kam einer unserer Anwälte rein. Er hielt ein Stück Papier in die Luft und sagte: »Wir haben es. Der Deal ist durch.« Wir sprangen sofort ins Taxi und rasten zum High Court.

Das klingt nach Stoff für einen Hollywood-Film.
Und es ging noch weiter. Im Taxi wären wir fast durchgedreht vor Freude. Der Taxifahrer raste durch die Straßen Londons, im Radio lief »Bycicle Race« von Queen. Wir sangen alle mit. Es war unglaublich. Am High Court angekommen überreichte unser Anwalt dem Richter die Papiere.

Wie reagierte er?
Er blickte in die Unterlagen, blätterte herum, murmelte vor sich hin. Im Saal war Totenstille. Dann sagte er: »Das ist ganz große Scheiße!« Und ich dachte: »Fuck, das war es!«

Was war das Problem?
Der Richter rief die Anwälte beider Seiten zu sich und erklärte, dass die Papiere nicht vollständig seien und noch einige Ergänzungen benötigten. Er unterbrach die Verhandlung für zwei Stunden und unsere Anwälte machten sich sofort an die Arbeit.

Offenbar haben Sie gute Männer ausgewählt.
Zum Glück. Der Richter sah sich die Unterlagen erneut an. Wieder blätterte er umher, murmelte, legte die Stirn in Falten. Ich hätte ihn am liebsten geschüttelt, damit er endlich etwas sagt. Und dann, als er gerade sein Statement abgeben wollte, gab es plötzlich einen Riesenknall. Das Licht ging aus. Stromausfall. Ich dachte nur: »Fuck, jetzt kommt Chenrai mit einer Bazooka rein und macht uns alle.« (lacht) Zum Glück ging das Licht ein paar Minuten später wieder an.

Wie war der Moment, als der Richter die Übernahme durch die Fans bestätigte?
Meine Knie wurden weich. Er sagte: »Seien sie versichert, dass sie in einigen Tagen Besitzer des Portsmouth Football Club sein werden. Herzlichen Glückwunsch!« Danach explodierte der Saal. Er war ja voller Pompey-Fans. Unser Traum war Realität. Den Rest des Tages lief ich wie auf Schienen. Draußen standen die Journalisten und wollten Interviews. Ich weiß heute nicht mehr, was ich damals gesagt habe. Wir wollten alle nur in den nächsten Pub. Dort ließen wir es richtig krachen. Am nächsten Morgen mussten wir einen der Anwälte in sein Hotelzimmer tragen. Aber wissen Sie was: Diesen Vollrausch hatte er sich verdient.

Neun Tage nach der Übernahme hatte Ihr Klub sein letztes Heimspiel der Saison im Fratton Park. Der Abstieg in die Vierte Liga stand bereits fest.
Und den Leuten war das scheißegal. Es kamen 20.000 Fans und feierten die Party ihres Lebens. Eigentlich sollte das Orchester der Navy groß aufspielen. Aber leider wurde sie zu einer Trauerfeier der gerade verstorbenen Magret Thatcher abkommandiert. Also standen plötzlich Samba-Tänzerinnen auf dem Platz und machten Stimmung.

Wessen Idee war das?
Das weiß keiner mehr so genau. Es war ja auch eine ziemlich bescheuerte Idee. Aber wir wollten den Fans einfach eine große Show bieten. Viele Leute wurden vom Klub sehr häufig enttäuscht und kommen trotzdem zu jedem Spiel. Sie haben Anspruch auf ein paar verrückte Ideen.

Nun sind Sie Präsident Ihres Klubs. Was war eigentlich Ihre erste Amtshandlung?
Ich habe die Kammerjäger bestellt.

Wieso denn das?
Es war kein Geheimnis, dass all unsere Kioske rattenverseucht waren. Die Fans sollten merken, dass ab sofort zuerst an sie gedacht wird. Also haben wir die Kioske und Toiletten renovieren lassen. Ein Fan, der sein Urlaubsgeld in einen Anteil des Klubs investiert hat, muss seine Frau mitbringen können, ohne sich zu schämen. Außerdem haben wir die Teepreise gesenkt und alle Bilder entfernen lassen, auf denen Spieler zu sehen waren, die hier mal sehr viel Geld verdient haben, ohne für den Klub zu leben. Das waren vielleicht nur kleine Zeichen, aber uns waren diese Dinge wichtig.

Welche Projekte sollen den Klub in naher Zukunft voranbringen?
Derzeit suchen wir nach einem Trainingsgelände. Unsere Mannschaft trainiert auf den Sportplätzen der Universität. Geduscht wird im Fratton Park. Wir werden hier nie luxuriöse Bedingungen schaffen können, aber das will auch niemand. Ich war einmal in den Umkleiden des FC Chelsea an der Stamford Bridge. Da hat jeder Spieler einen zwei Meter breiten Spind, einen Kühlschrank und ein riesiges Namensschild. In Portsmouth hat man einen Kleiderhaken. That's it! Aber hey, das ist Pompey!

Glauben Sie, dass die Fans dem neuen Vorstand auch in schwierigen Phasen den Rücken stärken werden?
Insgesamt haben knapp 2400 Fans Geld gespendet, das sind circa 25 Prozent unseres Zuschauerschnitts. Rechnet man dann noch die ab, die einfach kein Geld zum Spenden haben und jene, die nicht spenden wollen, ist hier im Stadion noch immer eine große Menge an Menschen, die unser Vorhaben skeptisch beobachtet. Ich schätze diese kritische Masse auf 20 Prozent. Auch die müssen wir in Zukunft von unserer Idee überzeugen. Sonst wird es sehr, sehr schwierig.

Und wenn ein neuer Investor mit dicken Geldscheinen winkt? Ist dann der Traum vom Klub, der den Fans gehört, in Gefahr?
Wenn heute ein Investor kommt und den Klub mit seinem Geld verbessern will, dann schlagen wir ihm nicht die Tür vor der Nase zu. Aber er müsste schon den Papst mitbringen, damit wir ihn für vollends vertrauenswürdig halten.

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