02.05.2012

»Polizeiruf«-Kommissar Matthias Brandt über Werder und Willy

»Mein Vater hat sich nicht für Fußball interessiert«

Gestern musste sich Schauspieler Matthias Brandt im »Polizeiruf 110« noch mit bayrischen Dörflern herumschlagen. Dabei hält es der Sohn von Altkanzler Willy Brandt doch mit Werder. Für die neue Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir mit ihm.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Matthias Brandt, Sie hatten als 12-Jähriger einen großen Auftritt als Fußballer: Sie schossen im »Aktuellen Sportstudio« auf die Torwand. Wie kam es dazu?
Matthias Brandt: Es war im Jahr 1974. Mein Vater, der Bundeskanzler, war in die Sendung eingeladen worden. Seine PR-Strategen hatten jedoch Angst, dass man ihn fragen würde, ob er auf die Torwand schießen wolle. Das hätte seinen Ruhm in der Tat nicht gemehrt. Also kamen sie auf die Idee, mich schießen zu lassen...

Ist doch toll!
Matthias Brandt: Ja, aber es ist andererseits auch ein Trauma für mich. Ich durfte vier Mal schießen, traf zwei Mal – dann schob mich Hans Joachim Friedrichs plötzlich aus dem Bild und fing an zu moderieren. Nach wütenden Zuschaueranrufen durfte ich zwar noch mal schießen, da haben meine Nerven aber nicht mehr mitgemacht. Mir hätte nur ein Treffer gefehlt, dann würde mein Name heute noch auf der »Sportstudio«-Ehrentafel stehen, neben Netzer und Beckenbauer! Man hat mich darum betrogen. Der Stachel sitzt heute noch tief.

Ihr Leben wäre ganz anders verlaufen.
Matthias Brandt: Vielleicht wäre ich dann nicht Schauspieler geworden, sondern hätte Deutschland 1986 zum Titel geschossen.

Sie sollen sich legendäre Duelle mit den Leibwächtern ihres Vaters geliefert haben.
Matthias Brandt: Das waren sportliche Herren in den besten Jahren, und ich dachte: Bevor die untätig rumsitzen, spiele ich mit denen Fußball!

Hat Ihr Vater dabei als Schiedsrichter fungiert?
Matthias Brandt: Nein, er hat sich nicht besonders für Fußball interessiert. Er hat schon mal hingeguckt, wenn ein wichtiges Spiel im Fernsehen lief, aber meiner Meinung nach überhaupt nichts verstanden. Ehrlich gesagt: Ich war froh drum, wenn ich allein Fußball schauen konnte, denn Ahnungslosigkeit kann ja extrem nerven. Mein Vater hat das respektiert. Und für mich war das auch in anderer Weise von Vorteil, denn dadurch war ich der Fachmann für Fußballfragen und konnte zu Rate gezogen werden.

Sie waren also Staatssekretär!
Matthias Brandt: Eine graue Eminenz geradezu! Und das mit zwölf!

Konnten Sie wenigstens mit Außenminister Genscher fachsimpeln?
Matthias Brandt: Auch das nicht. Die Nähe der Politik zum Fußball war damals noch nicht so ausgeprägt. Heute müssen die Herrschaften ja von Staats wegen so tun, als verstünden sie etwas davon. Die armen Leute! Die müssen doch das Recht haben, sich nicht dafür zu interessieren.

Der Fußball der Siebziger löst bei vielen Wehmut nach einer irgendwie rebellischen Zeit aus. Bei Ihnen auch?
Matthias Brandt: Ich bin kein Nostalgiker. Aber ich bin froh, dass ich diese Zeit mitbekommen habe. Wie alle Kindheitserinnerungen sind mir auch diese heilig. Diese Jungs waren cool, im Gegensatz zu vielen, die sich später dafür hielten. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, hätte ich mich an Bodo Illgner abarbeiten müssen.

Welchen Fußballer würden Sie gern verkörpern?
Matthias Brandt: Mich reizt die Rolle eines Trainers, etwa Peter Neururer auf Jobsuche. Wie gestaltet ein Rausgefallener seinen Tag? Wie bringt er sich wieder ins Gespräch? Wie sitzt er einfach nur da und wartet? Das hätte dramatisches Potential.

Manche Fußballer gelten als Schauspieler. Gibt es unter Schauspielern umgekehrt auch brutale Klopper?
Matthias Brandt: Es fällt in unserem Beruf deutlich schwerer, jemandem die Beine zu brechen. Dafür gibt es starke Ähnlichkeiten in der Gruppendynamik. Ein Ensemble funktioniert ganz ähnlich wie eine Mannschaft: Es braucht Spielmacher und Wasserträger, die in dem, was sie tun, gleichermaßen gut sind. Je homogener das Gefüge ist, desto besser ist das Resultat. Siehe gute Fernsehproduktionen. Siehe auch Borussia Mönchengladbach in dieser Saison.

Laden Sie Ihre Kollegen am Set zum Fußballgucken in den Wohnwagen ein?
Matthias Brandt: Nein, nie! Wie gesagt: Wenn zu viel geredet wird, geht mir das auf die Nerven. Deswegen gehe ich auch nur mit einem bestimmten Kumpel ins Stadion, mit dem ich da sehr eingespielt bin. Wir schweigen gemeinsam.

Grund zum Schweigen haben Sie ja: Sie sind, wie Ihre »Polizeiruf«-Figur Hanns von Meuffels, Werder-Fan.
Matthias Brandt: Es ist nicht immer schön. Es gibt Tage, an denen ich darüber nachdenke, dass es ja auch noch andere schöne Sportarten gibt.

Was empfinden Sie, wenn Sie Marko Arnautovic zuschauen?
Matthias Brandt: Ich bin froh, dass Sie ihn erwähnen und ich es nicht tun muss. Sagen wir so: Es gehört Mut dazu, so zu sein, wie er ist – so gegen jede Konvention, wie Sympathie zustande kommt. Wenn ich heute zehn Jahre alt wäre, würde er mich vielleicht auch elektrisieren. Aber zum Glück bin ich etwas älter und würde mir nicht unbedingt ein Trikot von ihm kaufen.

Wer müsste Thomas Schaaf spielen, wenn sein Leben verfilmt würde?
Matthias Brandt: Ich hätte es dem jungen Anthony Hopkins zugetraut.

Viel Text hätte er nicht auswendig lernen müssen.
Matthias Brandt: Ja, aber die wenigen Sätze hätten sitzen müssen. Das ist die große Kunst.

Auch Sie reden nicht gern, wenn es um Fußball geht.
Matthias Brandt: Was aber nicht heißt, dass ich mir deshalb diesen Verein ausgesucht habe. Es ist reiner Zufall gewesen. Die Liebe zu einem Verein lässt sich nicht erklären. Und wenn das jemand mir gegenüber versucht, dann beende ich sofort das Gespräch.

Also müssten auch wir gemeinsam schweigen.
Matthias Brandt: Genau, eine leere Seite mit einem schönen Foto, das würde vollkommen ausreichen.

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