Piotr Trochowski über den HSV, Krisen und spanische Verhältnisse

»Viele Bundesligisten hätten in Spanien Probleme«

Seit 2011 steht der Ex-Nationalspieler Piotr Trochowski FC Sevilla unter Vertrag. Trotz einer schwerwiegenden Verletzung macht er sich so seine Gedanken über die entscheidenden Unterschiede zwischen der Bundesliga und der Primera Division.

Piotr Trochowski, Sie haben sich im Oktober schwer verletzt, Diagnose: Knorpelschaden im Knie – waren die folgenden Wochen die schlimmsten Ihrer Karriere?
Ich war noch nie zuvor so schwer verletzt, von daher: ja.  Als ich beim Doc in München saß und er mir sagte, wie schlimm die Verletzung tatsächlich ist, befand ich mich zunächst in einer Art Schockstarre. Man hofft ja bis zuletzt, dass es doch nicht so schlimm ist. Die Tage danach waren hart, ich war extrem niedergeschlagen und traurig. Da ich allerdings weiß, wie wichtig positives Denken ist, habe ich mir kurze Zeit später gesagt »Nichts geschieht in dieser Welt ohne Grund –  schaue jetzt nach vorn«.

Nur wenige Tage nach Ihrer Knieoperation wurde zudem ein Schienbeinbruch diagnostiziert.
Das war natürlich ein Hammer! Ich hatte starke Schmerzen. Damals konnte ich mich kaum bewegen und war daher ständig auf mein Umfeld angewiesen - meine Frau musste sich um alles kümmern. Es ist mir unheimlich schwer gefallen, meinen neuen Alltag zu akzeptieren.

Haben Sie zu jener Zeit an ein Karriereende gedacht?
(Pause) Ich würde lügen, wenn ich sagte, solche Gedanken seien mir fremd gewesen. Ich habe mir in der Tat die Frage gestellt »Du bist jetzt 29, kommst du nach dieser komplizierten Verletzung wirklich noch mal zurück?«. In derartigen Momenten muss bewusst handeln, sich positive Bilder vor Augen führen, dann sind die Zweifel schnell vom Tisch.

Vor kurzem haben Sie auf Facebook  zwei Fotos ihres Oberschenkels gepostet, eins zeigt ihn nach der OP, eins vor wenigen Wochen – der Unterschied ist enorm. Die Vorfreude ist offensichtlich groß. Haben Sie sich nun Etappenziele gesetzt?
Ich habe die Krücken erst relativ spät abgelegt, nach etwa sechs Monaten, seitdem geht es stetig bergauf. Mein Plan sieht so aus: Juni: Laufen; Juli. Sprinten; August: Mannschaftstraining; September: Spielen. (lächelt) Da allerdings niemand weiß, ob das Knie der zunehmenden Belastung standhält, ist es durchaus möglich, dass sich mein Plan um ein oder zwei Monate nach hinten schiebt. Es ergäbe keinen Sinn, würde ich mir jetzt einen Termin als Ziel setzen. Ich lasse mich von niemandem unter Druck setzen, das habe ich mir fest vorgenommen.

Apropos Ziele: Der FC  Sevilla läuft seinen Erwartungen hinterher. Sie haben vor der Saison das Ziel „Internationaler Wettbewerb“ ausgerufen, zurzeit beträgt der Rückstand auf den sechsten Platz allerdings acht Zähler – was läuft schief ?
Es reicht ein Blick auf die Statistik, um zu erkennen, woran es hakt: Zuhause sammeln wir Punkte, auswärts dagegen stehen wir nach Spielende meist mit leeren Händen da. Wir sind die viertbeste Heimmanschaft, haben in den Auswärtspartien jedoch nur mickrige neun Zähler geholt. Das spricht für sich.

Eine Kopfsache?
Ja, auch. Wir spielen auswärts irgendwie gehemmt. Zuhause treten wir wesentlich dominanter und selbstbewusster auf. Ich hoffe, wir kriegen das Problem bald in den Griff. Klar ist aber auch: Die Verantwortlichen haben in den vergangenen zwei Jahren einen Umbruch vollzogen. Viele ältere Spieler, die die erfolgreichen Zeiten prägten, haben den Verein verlassen. Schaut man sich unseren Kader an, stellt man fest, dass wir - auf dem Papier - noch immer zu den besten spanischen Mannschaften gehören. Leider schöpfen wir unser Potenzial nicht aus. Das muss natürlich dringend besser werden.

Stimmt es, dass das Training in Spanien nicht viel zu tun hat mit dem Training in Deutschland? Kurz: Mehr Taktik, weniger Kondition?
Vor meinem Wechsel nach Spanien habe ich ständig gehört, die Taktikschulung spiele dort eine riesengroße Rolle. Ich dachte mir »Na ja, das wollen wir erst mal sehen«. Ich war total überrascht! Ich hätte niemals gedacht, dass das Taktiktraining derart intensiv sei. Schaut man sich Spiele der Primera Divison an, fällt auf, wie leichtfüßig und locker alles wirkt. Viele Deutsche denken wahrscheinlich »Ach, die sind technisch einfach besser, das ist deren Stil, die Spanier hatten schon immer gute Fußballer«. Aber so einfach ist das nicht! Das sieht zwar alles so leicht und natürlich aus, ist aber mühsam antrainiert, das sind Automatismen, Spielzüge, die im Training stundenlang geübt werden. Ganz deutlich: Das Training, das ich hier in den vergangenen zwei Jahren erlebt habe, ist derart vielfältig, so was habe ich in Deutschland noch nie gesehen.

Bevor Sie weiter schwärmen: Haben Sie ein Beispiel parat? 
In der Primera Division wird weniger wert auf das Körperliche gelegt. Die Spanier sind bekanntlich nicht so robust wie beispielsweise die Engländer oder Deutschen, sie sind ja auch eher kleiner. Die Spieler legen daher enormen Wert darauf, ihre Stärken zu betonen, sie arbeiten stets daran, diese zu optimieren. In anderen Worten: Technik und Spielgeschwindigkeit werden hier groß geschrieben. Ich behaupte, in keiner anderen Liga wird das Pressing so exzellent umgesetzt wie in der Primera Division.

Derzeit werden viele Bundesligaklubs für ihr temporeiches Spiel gelobt, ist ihnen die Primera Division dennoch voraus?
Betrachtet man die gesamte Liga, würde ich sagen: ja. Die stärksten deutschen Mannschaften können gut mithalten, das sehen wir ja gerade in der Champions League. Allerdings hätten die Klubs, die zurzeit im Mittelfeld stehen, sicherlich Probleme mit dem Tempo und Pressing in Spanien.

Wo sehen Sie in Deutschland Nachholbedarf?
In Spanien ist die Trainingsvorbereitung wesentlich intensiver, der Trainer geht mehr ins Detail. Nicht selten werden sogar in der Halbzeit per Touchscreen ausführlich Spielzüge erklärt, die Analyse ist umfassender. Anderes Beispiel: Bereits vor dem Training stehen regelmäßig Besprechungen und Taktikschulungen an. Vergleichbares habe ich in der Bundesliga extrem selten erlebt, vielleicht gelegentlich vor einem Spieltag, das war es dann aber auch schon. Hier dagegen werden wir beinahe täglich damit konfrontiert.

In diesen Tagen heißt es in diversen Medien, die beiden Halbfinalpartien stünden symbolisch für die derzeitigen Machtverhältnisse im europäischen Fußball – halten Sie solche Aussagen für übertrieben?
Ja, eindeutig. Hier geht es doch lediglich um eine Saison, im nächsten Jahr sieht es wahrscheinlich wieder ganz anders aus. Man sollte nicht zu viel hineininterpretieren. Es wäre arrogant, die englischen Klubs abzuschreiben – Manchester United,  Chelsea und Manchester City werden in der kommenden Runde wieder ein entscheidendes Wörtchen mitreden, davon bin ich überzeugt. Außerdem spielen doch auch Zufälle eine Rolle. Hätte Dortmund nicht in der Nachspielzeit das entscheidende Tor gegen Malaga geschossen, stünden drei spanische Teams im Halbfinale. Real dagegen wäre gegen Manchester United beinahe ausgeschieden, ich erinnere nur an die Rote Karte für Nani, die das Spiel auf den Kopf stellte. In den wichtigen Partien entscheiden meist Nuancen über Sieg oder Niederlage.

Piotr Trochowski, Sie waren im vergangenen Monat in Ihrer Heimat Hamburg – wie schätzen Sie die derzeitige Situation des HSV ein?
Ich erzähle nichts Neues, wenn ich sage, dass der Mannschaft die Konstanz fehlt. Beim HSV herrscht unheimlich viel Unruhe, das kenne ich noch aus meiner Zeit in Hamburg. Vor einem Spieltag habe ich eigentlich immer das Gefühl, alles sei möglich, doch es eben immer eine Art Lotterie. Mal gibt es eine klare Auswärtspleite, anschließend wieder einen Heimsieg. Ich vermisse die Stabilität.

Viele Kritiker sagen, dem Hamburger Sportverein fehle ein Konzept? Sehen Sie das ähnlich?
Ich bin zu weit weg, um derlei zu bestätigen. Ich kenne auch die Strukturen innerhalb der Mannschaft nicht gut genug. Nur so viel: Änderst du nach verlorenen Spielen ständig die Aufstellung, trägst du nicht gerade dazu bei, ein Gebilde zu stabilisieren. Im Gegenteil, so was birgt große Probleme in sich. Für einen Profi ist es nämlich extrem schwierig, Topleistungen abzurufen, wenn man immer wieder draußen sitzt, plötzlich reingeschmissen wird, um auf einer neuen Position Akzente zu setzen, und dann im nächsten Spiel erneut auf die Bank muss. Jeder Spieler braucht einen Rhythmus und das nötige Vertrauen. Ständige Wechsel verunsichern eine Mannschaft. Auf Dauer sind doch meistens diejenigen erfolgreich, die konsequent einen Weg verfolgen. Und zwar einen Weg, von dem sie überzeugt sind, dass er zum Ziel führt.

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