11.02.2009

Philipp Lahm im Interview

»Nicht immer nur nicken«

Philipp Lahm galt nie als der Lautsprecher seiner Mannschaften, dennoch als Führungsspieler. Wir sprachen mit ihm über Michael Ballack, die Hierarchien in der Nationalmannschaft und das Gefühl, die Kapitänsbinde zu tragen.

Interview: Stefan Hermanns und Michael Rosentritt Bild: Imago
Philipp Lahm im Interview
Philipp Lahm, wie fühlt sich die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft an?

Ich hatte ja mal die Ehre. Es ist ein gutes Gefühl. Ich hatte sehr gerne die Binde um, auch wenn es nur für zwei Minuten war.

Waren es wirklich nur zwei Minuten?

Ja, das war kurz vor Schluss im Wembley gegen England, aber ich hab’ nicht mitgestoppt. Bernd Schneider hat mir die Binde gegeben, als er vom Feld gegangen ist.



Waren Sie der deutsche Spieler mit den meisten Länderspielen auf dem Feld?

Ich glaube nicht. Bernd kam zu mir und hat gesagt: Das hast du dir verdient.

Verdient, weil Sie damals auf einer für Sie ungewohnten Position im zentralen Mittelfeld gespielt haben oder für Ihre Leistungen in der Nationalelf insgesamt?

Da müssen Sie Bernd Schneider fragen, wie er es gemeint hat. Ich habe es als Anerkennung für dieses eine Spiel empfunden.

Verleiht es einem noch einen Kick, wenn man sich die Binde über den Arm streift?

So selbstverständlich ist so etwas ja nicht in der deutschen Nationalmannschaft. Egal, wie es dazu gekommen ist oder welche Spieler uns gefehlt haben. Egal, ob es nur ein paar Minuten waren. Aber warum fragen Sie?

Das Kapitänsamt besitzt in Deutschland eine hohe Bedeutung. Von Ihnen ist bekannt, dass Sie im Sommer gerne Kapitän bei den Bayern geworden wären. Haben Sie sich und Ihre Bedeutung überschätzt?

Halt, halt. Ich habe nie von mir aus gesagt: Ich will Kapitän bei den Bayern werden.

Sondern?

Man hat mich damals gefragt. Das war im Februar oder März, lange bevor die Saison angefangen hat. Ich habe das nicht erfunden, sondern bin zu diesem Thema im Wochenrhythmus gefragt worden.

Dann wollten Sie gar nicht Kapitän des FC Bayern werden?

Natürlich hätte ich mich nicht gewehrt. Ich bin der Typ, der gern Verantwortung übernehmen möchte. Das habe ich gesagt und auch schon oft getan. Ich sage auch außerhalb des Platzes meine Meinung – intern natürlich. Für mich spielt die Frage nach dem Kapitänsamt bei den Bayern gar keine Rolle. Wie sich das entwickelt, wird man sehen.

Immerhin gehören Sie beim FC Bayern und seit der EM auch in der Nationalmannschaft zum Mannschaftsrat. Dann haben Sie also schon Prämien ausgehandelt.

Stimmt. Ich war gut darauf vorbereitet.

Wie bereitet man sich auf Prämienverhandlungen vor?

Ich habe drei große Turniere gespielt, ich weiß also, wie die Entwicklung war. Und natürlich habe ich einen Standpunkt vertreten. Ich wäre ja fehl am Platze, wenn ich dasitzen und immer nur nicken würde, oder?

Haben Sie sich mal den Mund verbrannt?

Nein, wie soll man sich den Mund verbrennen, wenn man seine Meinung sagt? Und wenn man das intern macht, kann einem doch keiner böse sein, oder? Man kann verschiedene Standpunkte vertreten, aber es wäre schlimm, wenn man seine Meinung nicht sagen dürfte.

Haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Ihre Bedeutung in beiden Mannschaften gewachsen ist?

Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Das ist ein schleichender Prozess. Man merkt aber, dass einen die Trainer zu ganz bestimmten Sachen fragen, vielleicht auch der Vorstand die Meinung von einem hören möchte. Daran erkennt man, wie wichtig man für einen Verein oder eine Mannschaft ist.

So dürften Sie das Kapitänsthema nicht loswerden. Und wenn Mark van Bommel den FC Bayern im Sommer verlassen sollte, wäre das Amt wieder vakant.

Auch in einem Mannschaftssport muss man als Erstes auf sich schauen. Wenn jeder Einzelne auf sich schaut und jeder seine Leistung bringt, hilft das auch der Gruppe. Dann kann man sehen, was man darüber hinaus für die Mitspieler, für die Mannschaft tun kann. So ist es bei mir eben. Ich habe jetzt jahrelang ganz ordentlich gespielt und kann mich jetzt umso mehr um die Mannschaft kümmern. Darin sehe ich auch meine Aufgabe, weil ich weiß, was die Trainer von mir halten. Das ist beim FC Bayern nicht anders als bei der Nationalmannschaft. Ich weiß, dass meine Meinung überall etwas zählt. Und dann muss man die auch sagen. Das mache ich gerne. Noch mal: Alles andere wird man sehen.

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