Philipp Lahm im Interview

»Nicht immer nur nicken«

Philipp Lahm galt nie als der Lautsprecher seiner Mannschaften, dennoch als Führungsspieler. Wir sprachen mit ihm über Michael Ballack, die Hierarchien in der Nationalmannschaft und das Gefühl, die Kapitänsbinde zu tragen. Philipp Lahm im InterviewImago

Philipp Lahm, wie fühlt sich die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft an?

Ich hatte ja mal die Ehre. Es ist ein gutes Gefühl. Ich hatte sehr gerne die Binde um, auch wenn es nur für zwei Minuten war.

Waren es wirklich nur zwei Minuten?

Ja, das war kurz vor Schluss im Wembley gegen England, aber ich hab’ nicht mitgestoppt. Bernd Schneider hat mir die Binde gegeben, als er vom Feld gegangen ist.

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Waren Sie der deutsche Spieler mit den meisten Länderspielen auf dem Feld?

Ich glaube nicht. Bernd kam zu mir und hat gesagt: Das hast du dir verdient.

Verdient, weil Sie damals auf einer für Sie ungewohnten Position im zentralen Mittelfeld gespielt haben oder für Ihre Leistungen in der Nationalelf insgesamt?

Da müssen Sie Bernd Schneider fragen, wie er es gemeint hat. Ich habe es als Anerkennung für dieses eine Spiel empfunden.

Verleiht es einem noch einen Kick, wenn man sich die Binde über den Arm streift?

So selbstverständlich ist so etwas ja nicht in der deutschen Nationalmannschaft. Egal, wie es dazu gekommen ist oder welche Spieler uns gefehlt haben. Egal, ob es nur ein paar Minuten waren. Aber warum fragen Sie?

Das Kapitänsamt besitzt in Deutschland eine hohe Bedeutung. Von Ihnen ist bekannt, dass Sie im Sommer gerne Kapitän bei den Bayern geworden wären. Haben Sie sich und Ihre Bedeutung überschätzt?

Halt, halt. Ich habe nie von mir aus gesagt: Ich will Kapitän bei den Bayern werden.

Sondern?

Man hat mich damals gefragt. Das war im Februar oder März, lange bevor die Saison angefangen hat. Ich habe das nicht erfunden, sondern bin zu diesem Thema im Wochenrhythmus gefragt worden.

Dann wollten Sie gar nicht Kapitän des FC Bayern werden?

Natürlich hätte ich mich nicht gewehrt. Ich bin der Typ, der gern Verantwortung übernehmen möchte. Das habe ich gesagt und auch schon oft getan. Ich sage auch außerhalb des Platzes meine Meinung – intern natürlich. Für mich spielt die Frage nach dem Kapitänsamt bei den Bayern gar keine Rolle. Wie sich das entwickelt, wird man sehen.

Immerhin gehören Sie beim FC Bayern und seit der EM auch in der Nationalmannschaft zum Mannschaftsrat. Dann haben Sie also schon Prämien ausgehandelt.

Stimmt. Ich war gut darauf vorbereitet.

Wie bereitet man sich auf Prämienverhandlungen vor?

Ich habe drei große Turniere gespielt, ich weiß also, wie die Entwicklung war. Und natürlich habe ich einen Standpunkt vertreten. Ich wäre ja fehl am Platze, wenn ich dasitzen und immer nur nicken würde, oder?

Haben Sie sich mal den Mund verbrannt?

Nein, wie soll man sich den Mund verbrennen, wenn man seine Meinung sagt? Und wenn man das intern macht, kann einem doch keiner böse sein, oder? Man kann verschiedene Standpunkte vertreten, aber es wäre schlimm, wenn man seine Meinung nicht sagen dürfte.

Haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Ihre Bedeutung in beiden Mannschaften gewachsen ist?

Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Das ist ein schleichender Prozess. Man merkt aber, dass einen die Trainer zu ganz bestimmten Sachen fragen, vielleicht auch der Vorstand die Meinung von einem hören möchte. Daran erkennt man, wie wichtig man für einen Verein oder eine Mannschaft ist.

So dürften Sie das Kapitänsthema nicht loswerden. Und wenn Mark van Bommel den FC Bayern im Sommer verlassen sollte, wäre das Amt wieder vakant.

Auch in einem Mannschaftssport muss man als Erstes auf sich schauen. Wenn jeder Einzelne auf sich schaut und jeder seine Leistung bringt, hilft das auch der Gruppe. Dann kann man sehen, was man darüber hinaus für die Mitspieler, für die Mannschaft tun kann. So ist es bei mir eben. Ich habe jetzt jahrelang ganz ordentlich gespielt und kann mich jetzt umso mehr um die Mannschaft kümmern. Darin sehe ich auch meine Aufgabe, weil ich weiß, was die Trainer von mir halten. Das ist beim FC Bayern nicht anders als bei der Nationalmannschaft. Ich weiß, dass meine Meinung überall etwas zählt. Und dann muss man die auch sagen. Das mache ich gerne. Noch mal: Alles andere wird man sehen.

Wenn Sie die Wahl hätten: In welcher Mannschaft würden Sie lieber das Amt innehaben?

Das ist im Moment gar kein Thema für mich. Das wird man dann sehen, wenn was passiert. Wenn’s überhaupt passiert. Darüber mache ich mir seit Juli keine Gedanken mehr, als Mark zum Kapitän bestimmt wurde. Ich weiß, dass mein Einfluss gewachsen ist.

Sehen Sie sich als Führungsspieler?

Ich mag den Begriff nicht.

Warum nicht?

Was ist ein Führungsspieler? Für mich gibt es keine klare Definition.

Stefan Effenberg war ein Führungsspieler.

Warum war er ein Führungsspieler? Weil er außerhalb was gesagt hat?

Weil er auf dem Platz Präsenz ausgestrahlt hat.

Wenn das das Kriterium ist – okay, dann habe ich vielleicht eine andere Vorstellung von einem Führungsspieler. War Effenberg ein Führungsspieler, weil er Präsenz ausgestrahlt hat oder weil er Präsenz hatte? Das ist doch ein Unterschied. Heute gibt es nicht mehr den einen Spieler, der eine Mannschaft führt. Heute verteilt sich dieser Anspruch doch auf mehrere Schultern. Jeder Einzelne hat auf seine Art und Weise Verantwortung für die Mannschaft zu übernehmen. Schauen Sie sich Manchester United an, den Champions-League-Sieger. Da gibt es diesen einen Führungsspieler doch gar nicht mehr.

Früher war es Roy Keane...

Genau, aber die Zeit hat sich gewandelt. Oder nehmen Sie Arsenal, dort finden Sie auch nicht den einen Spieler, um den sich alles ausrichtet und dreht.

Dann ist Michael Ballack Ihrem Verständnis nach in der Nationalmannschaft auch nicht der Führungsspieler?


Würde ich so sehen, ja. Auch bei uns in der Nationalmannschaft verteilt sich der Führungsanspruch auf mehrere Spieler. Michael Ballack ist ein hervorragender Spieler, er ist ganz wichtig für die Mannschaft, an ihm kann man sich orientieren. Aber ich würde ihn nicht als den Führungsspieler bezeichnen. Wir haben bewiesen, dass wir auch ohne ihn gute Spiele abliefern können. Seine Klasse auf dem Feld, sein Abschluss, wie er in den Strafraum geht – das ist einmalig, das bestreitet auch niemand. Aber für eine Mannschaft ist wichtig, dass sie es auffangen kann, wenn ein solcher Spieler mal ausfällt.

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