Philipp Lahm im Interview

»Mein Wort hat Gewicht«

Der Mann hat einen Lauf: Philipp Lahm avanciert zum wertvollsten Mann des FC Bayern und in der Nationalelf. Wir sprachen mit ihm über die Stimmungsdebatte, seine Topform und die Vorteile eines Lebens als Außenverteidiger. Philipp Lahm im InterviewImago

Herr Lahm, das Fachblatt kicker hat Sie in seinem Länderspiel-Formcheck als einzigen deutschen Spieler in die Rubrik "In Topform" aufgenommen. Sind Sie in Topform?

Ich bin topfit.

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Topform haben Sie also nicht?

Man kann immer noch besser spielen. Ich würde sagen, meine Leistungen zurzeit sind in Ordnung.

In Ordnung? Man könnte auch sagen, Sie spielen im Moment überragend.

Okay, ich war ganz gut. So ein Fachblatt wird schon wissen, was es schreibt.

Haben Sie ihr herrliches Tor für Bayern am Wochenende schon verflucht?


Warum?

Es scheint Ihr Schicksal zu sein, dass Sie - wie jetzt gegen Hertha oder wie im Eröffnungsspiel der WM 2006 - von der linken Außenposition nach innen ziehen und mit rechts schöne Tore erzielen. So dass kein Mensch mehr Argumente hat, Sie hinüber auf rechts zu stellen - Ihre eigentliche Lieblingsposition.

Das scheint so zu sein, ja, aber ich kann ja schlecht freiwillig vorbeischießen... Ich habe aber nie gesagt, dass ich nur rechts spielen will. Ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft.

Vermutlich bei Bayern weiterhin links. Der Linksverteidiger Marcell Jansen hat den Klub verlassen, für rechts hinten wurde Massimo Oddo geholt.

Meine Chancen, rechts zu spielen, sind sicher nicht gestiegen.

Immerhin hat der Verein Ihren neuen Vertrag - bis 2012 - mit deutlich verbesserten Bezügen versüßt.

Klar, auch das Gehalt legt den Stellenwert eines Spielers fest.

Sie haben oft betont, dass Sie gerne Kapitän bei Bayern geworden wären. Enttäuscht, dass sich Trainer Jürgen Klinsmann anders entschieden hat?

Am Anfang war ich auf jeden Fall enttäuscht, keine Frage, ich hätte mich bereit gefühlt für dieses Amt. Aber der Trainer hat gesagt, dass er mich in dieser Rolle noch nicht sieht. In Zukunft vielleicht, aber jetzt noch nicht.

Und Sie revanchieren sich für die Enttäuschung mit Leistungen, die das Etikett »In Topform« rechtfertigen.

Ich bin nicht der Typ, der wegen solcher Dinge beleidigt ist. Ich kenne ja den Stellenwert, den ich beim Trainer und beim Verein habe. So sehe ich mich auch selbst.

Als Führungsspieler?

Ganz klar, das ist mein Anspruch, auch hier bei der Nationalmannschaft. Ich habe schon drei große Turniere gespielt, ich würde sagen, dass mein Wort Gewicht hat. Ich bin mir sogar sicher, dass mein Wort was zählt.

Welches Gefühl hat der DFB-Führungsspieler Lahm für die bevorstehende WM-Qualifikation?

Ein sehr gutes. Aber es ist keine einfache Gruppe - mit Russland und anderen unangenehmen Gegnern, wo du auswärts locker mal zwei Punkte liegen lassen kannst. Trotzdem: Wir sind Europameisterschafts-Zweiter und WM-Dritter, also wollen wir ganz klar Erster in unserer Gruppe werden.

Jens Lehmann hat kürzlich in einem Interview gesagt, die Stimmung im Team sei bei der EM nicht mehr so gewesen wie bei der WM 2006. War das so?


Die Stimmung war sicher nicht mehr zu hundert Prozent so wie damals, aber sie war immer noch gut. Sonst wären wir nicht ins Finale gekommen.

Offenbar gab es auch heftige interne Debatten über den Tonfall, der auf dem Feld herrschte. Es hieß, der jüngeren Generation missfalle es, von älteren Spielern - gemeint waren Ballack und Frings - zusammengestaucht zu werden .


Ich mache das nicht an jüngeren oder älteren Spielern fest. Es ging insgesamt um die Ansprache auf dem Platz. Wir haben gesagt, man darf kritische Worte finden, aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass man einen Mitspieler fertigmachen will. Der konstruktive Aspekt muss immer sichtbar sein, der Gegenüber muss merken: Da will mir einer nur helfen. Denn keiner spielt drei Fehlpässe mit Absicht.

Was direkt zur aktuellen Michael-Ballack-Debatte führt. Hat er intern an Standing und Renommée verloren?

Nein. Es ist schade, dass er so oft verletzt ist, die Mannschaft würde ihn häufiger gebrauchen. Er ist unser Kapitän - ein Spieler, der mit seiner Präsenz und seiner Torgefährlichkeit enorm wichtig für die Mannschaft ist. Wichtig ist aber auch, dass die Mannschaft gezeigt hat, dass sie auch ohne solche Spieler überzeugend gewinnen kann.

In einem dieser überzeugenden Spiele - 2007 in England - haben Sie sehr überzeugend auf der Sechser-Postion agiert. Warum eigentlich nicht öfter?


Ich sehe mich als rechter oder linker Verteidiger. Im Moment! Vielleicht bringt mich die Zukunft irgendwann ins Mittelfeld. Aber meine Stärken sehe ich klar als Außenverteidiger.

Zu einer führenden Position in der Teamhierarchie würde ein Part im Mittelfeldzentrum aber besser passen.


Ich sage ja nicht: Nie! Aber meine Fähigkeiten im Eins-gegen-eins, offensiv wie defensiv, kommen mir als Außenverteidiger besser zugute. Eins-gegen-eins, das hast du auf der Sechser-Position nicht oft. Und was mir sehr gut gefällt: Außenverteidiger haben heute oft die meisten Ballkontakte im Spiel, du musst variabel sein - das passt zu mir.

Warum haben Außenverteidiger heutzutage eine so wichtige Rolle?

Das Spiel hat sich geändert. Es ist viel schneller geworden, deshalb ist es enorm wichtig, dass die Zentrale dicht ist. Also hat der Sechser in der Mitte viel mehr Defensivarbeit zu verrichten - dafür werden die Außenverteidiger viel mehr in die Offensive einbezogen.

Aha: Der Sechser muss nach hinten schuften, der Außenverteidiger darf nach vorne rennen - daher Ihre Vorliebe für diese Position.
..

(lacht) Nein, nein, so habe ich das nicht gemeint.

Sie gehören mit 24 Jahren zur aufstrebenden Nationalspieler-Generation der »jungen Zwanziger«. Kommen deren goldene Jahre erst noch?

Wir haben ganz klar den Anspruch, 2010 um den Titel mitzuspielen.

Spieler im klassischen besten Fußballeralter, zwischen 28 und 30, gibt es im Nationateam derzeit kaum.

Das stimmt - aber 2010 werden wir viele Spieler haben, die langsam in diese Altersgruppe reinpassen.

Ist es im modernen athletischen Fußball so, dass Spieler über 30 mit der Fitness immer mehr Probleme kriegen?

Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Schauen Sie sich Zé Roberto bei Bayern an: 34, topfit, dynamisch! Aber Fakt ist: Fußball wird immer, immer schneller. Damit kommen junge Leute besser zurecht - auch bei uns in Deutschland kommen immer mehr Talente nach vorn, die ein hohes Niveau haben.

Spiele aus den Siebzigern wirken heute wie Zeitlupenfußball. Werden die Leute in 20 Jahren auch sagen: Guck mal, wie langsam der Lahm da draußen am Flügel gekickt hat?

Gut möglich, ja. Die Zeiten ändern sich, alles entwickelt sich, der Fußball, die Welt, die Technik. In 20 Jahren wird der Kühlschrank wahrscheinlich auch nicht mehr in der Ecke stehen. Da geht der Kühlschrank neben dir her und gibt dir die Cola-Flasche in die Hand.


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