Philipp Lahm im Interview

»Ich bin ehrgeizig«

Während die Nationalelf zwischen Lethargie und Enthusiasmus schwankt, spielt Philipp Lahm auf konstant hohem Niveau. Wir sprachen mit ihm über den Unterschied zwischen links und rechts, seine neue Chefrolle und über Klinsi. Philipp Lahm im InterviewImago

Herr Lahm, es gibt schlechte Nachrichten.

Nämlich?

Seit dem Spiel Russland gegen Holland muss man festhalten, dass Sie in der Wertung »bester Linksverteidiger des Turniers« heftige Konkurrenz vom Russen Schirkow bekommen haben.

Ich hab das Spiel gesehen, das stimmt, die Russen waren wirklich gut.

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Wollen Sie denn überhaupt der beste Linksverteidiger werden? Sie wollen neuerdings doch nur noch Rechtsverteidiger sein.

Nein, das stimmt so nicht. Ich habe gesagt, dass ich lieber rechts spielen, aber im Prinzip bin ich Links- und Rechtsverteidiger. Und im Moment spiele ich eben Linksverteidiger.

Erklären Sie mal, was das für Sie für einen Unterschied ausmacht.

Der entscheidende Unterschied ist mein Gefühl. Ich habe das Gefühl, dass ich auf rechts etwas besser bin.

Das ist nur ein Gefühl?

Natürlich gibt's auch fachliche Gründe, aber die hängen mit dem Gefühl zusammen. Wenn ich auf der rechten Seite außen vorbeigehe, dann liegt der Ball eben auf meinem stärkeren Fuß. Oder nehmen Sie die Defensivarbeit: Auf der rechten Seite kann ich mit meinem stärkeren Fuß dazwischengehen, das ist einfach ein kleiner Unterschied. Andersherum gibt's natürlich auch auf links Vorteile, da kann ich zum Beispiel nach innen gehen und Pässe spielen.

Sie haben im ersten Spiel gegen Polen rechts verteidigt und mussten dann in der Halbzeit des Kroatien-Spiels nach links wechseln, weil Marcell Jansen da Probleme hatte. Polen war ein gutes Spiel der DFB-Elf, gegen Kroatien und Österreich war es schwach, das Portugal-Spiel fast überragend. Selten hat eine deutsche Nationalmannschaft so sehr verwirrt - können Sie erklären, welches das wahre Gesicht der Nationalmannschaft ist?

Es kommt eben darauf an, ob die Mannschaft top vorbereitet ist und ob sie mit dem nötigen Willen und Engagement in die Spiele geht. Wenn das so ist, dann sieht das wahre Gesicht der Mannschaft aus wie gegen Polen oder Portugal. Wenn das nicht der Fall ist, dann sieht es so aus wie gegen Kroatien.

Man kann also ganz platt feststellen, dass die Einstellung nicht gestimmt hat?

Kann man schon so sagen. Wir hatten ein gutes Spiel gegen Polen hinter uns, und einige haben vielleicht gedacht, jetzt kommen halt noch Kroatien und Österreich, und dann sind wir im Viertelfinale. Gegen Portugal hat jeder gewusst, was er tun muss, da waren wir von der ersten Sekunde an den Gegenspielern dran, und prompt hat's wieder funktioniert. Die Lehre aus dem Kroatien-Spiel heißt: Ohne die Grundlagen geht es einfach nicht.

Und das Österreich-Spiel?


Das nehme ich ein bisschen aus. Da war der Druck enorm, wir wussten, dass wir gegen eine Mannschaft spielen, die Außenseiter ist, aber Heimvorteil hat. Und wir wussten natürlich, dass wir mit einer Niederlage aus dem Turnier fliegen würden, und ich konnte den Jungs ja noch aus meiner Erfahrung von der EM 2004 erzählen, was nach einem Vorrunden-Aus in Deutschland los ist - zumal wir ja auch noch in der vermeintlich leichtesten Gruppe waren. Von daher sprach von der Ausgangsposition her vieles gegen uns, deshalb sage ich: Dieses Spiel war okay. Wir haben spielerisch nicht überzeugt, aber wir haben dagegengehalten.

Sie trauen sich inzwischen auch in der Öffentlichkeit sehr klare Einschätzungen der Mannschaft zu. Deshalb eine typisch deutsche Frage: Sind Sie etwa auf dem Weg zum Führungsspieler?

Dass ich intern Dinge anspreche wie etwa Michael Ballack, ist für mich inzwischen normal. Die Trainer fragen mich auch, ich spüre schon, dass da auf meine Meinung vertraut wird.

Sie haben sich auch bei der mannschaftsinternen Aussprache nach dem Kroatien-Spiel zu Wort gemeldet?

Natürlich hab ich da was gesagt. Und wenn man dann das Gefühl hat, man wird von der Mannschaft gehört, dann merkt man, dass man langsam in so eine Führungsrolle hineinwächst. Und nachträglich gesehen war es ja ein Glück für uns, dass das alles nach dem zweiten Turnierspiel passiert ist. Es war noch Vorrunde, die Mannschaft konnte noch reagieren, und sie hat reagiert.

Das Kroatien-Spiel hat der Mannschaft weitergeholfen?

Der Meinung bin ich absolut. Es war nicht der schlechteste Moment für eine Niederlage, wir wurden ja ziemlich hochgejubelt, und wenn nur das viele Lob in den Köpfen drinsteckt, denkt man vielleicht irgendwann, das läuft schon alles so weiter. In einem langen Turnier gibt es ja immer Schlüsselerlebnisse, und ich denke, das Kroatien-Spiel könnte unser Schlüsselerlebnis gewesen sein - so wie's bei der WM 2006 der späte Sieg gegen Polen war. Damals war alles euphorisch, und das hat uns dann durchs Turnier getragen, diesmal war es vielleicht nötig, dass wir aufwachen.

Wächst man in die Führungsrolle hinein oder beschließt man irgendwann: So, ab sofort will ich gehört werden!


Beides. Ich bin mit 19 zur Nationalelf gekommen, und da konnte ich ja schlecht schon die Erfahrung haben, um mitzusprechen. Inzwischen bin ich zwar immer noch jung, aber ich habe eben schon ein gewisses Dienstalter erreicht, und wenn man immer seine Leistung bringt, dann muss man irgendwann auch seine eigenen Interessen in den Vordergrund rücken. Meine Interessen heißen: Ich bin ehrgeizig, ich will was erreichen - und das mit der Mannschaft zusammen. Und da will ich mich jetzt eben verstärkt einbringen.

Zu den eigenen Interessen gehört auch, dass Sie lieber Rechts- als Linksverteidiger spielen. Das war schon immer so, aber erst seit einiger Zeit sagen Sie das öffentlich. Sind Sie an einem Punkt angekommen, an dem Sie denken: Das darf ich jetzt sagen?

Genau so ist es. Man kann schlecht in den ersten zwei, drei Profijahren auf seine Lieblingsposition hinweisen, aber irgendwann hat man sich den Stellenwert erarbeitet, dass man so etwas sagen darf. Aber noch einmal: Man muss immer seine Leistung bringen, sonst geht's nicht.

Bei der EM sind Sie wieder in blendender Form, beim FC Bayern haben Sie für Ihre Verhältnisse eine durchwachsene Saison gespielt. Hatte das auch mit Ihrem neuen Vordermann Franck Ribéry zu tun? Mussten Sie hinter ihm Ihr Spiel neu einstellen, defensiver werden?


Es ist doch schön, mit Franck auf einer Seite zu spielen. Wenn man einen vor sich hat, der Spaß am Spielen hat, dann hat man selber auch Spaß. Nein, ich denke eher, dass die Öffentlichkeit zu viel von mir erwartet hat.

Inwiefern?

Naja, man hat nach der WM wahrscheinlich gedacht, ich muss die Spiele jetzt allein entscheiden, dabei bin ich Außenverteidiger, mit Betonung auf: Verteidiger. Ich denke, dass mein Spiel sich seit der WM weiterentwickelt hat, gerade defensiv. Wenn man international auf diesem Niveau Außenverteidiger spielt, dann hat man halt nicht in jeder Halbzeit zehn Aktionen nach vorne. Man hat zwei, drei, und die müssen sitzen. Mein Spiel war früher vielleicht spektakulärer, aber jetzt erst habe ich es ans Topniveau angepasst, es ist effektiver. Ich hab vor kurzem nochmal ein Spiel aus meinen frühen Tagen gesehen, Stuttgart gegen Chelsea in der Champions League, das war ein Spiel, nach dem mich alle hochgelobt haben. Ich muss sagen: Da waren defensiv schon einige Fehler dabei.

Philipp Lahm, der Führungsspieler - was machen Sie, wenn der neue Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann nach der Sommerpause verkündet: Mein Kapitän ist Philipp Lahm?

Ich habe vor kurzem ein Interview von Uli Hoeneß gelesen, in dem er mich mit dieser Rolle in Verbindung bringt.

Und?

Ich würde mir das zutrauen.

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