Philipp Lahm im Interview

»Mit Barca war es sehr konkret«

Nationalspieler Philipp Lahm, 24, über seine Vertragsverlängerung beim FC Bayern bis 2012, die Hoffnungen, die er mit dem künftigen Trainer verbindet, Defizite des Klubs, das Angebot vom FC Barcelona – und Omas Essen. Philipp Lahm im InterviewImago

Herr Lahm, vor gut drei Wochen hat der FC Bayern sein Angebot zur Vertragsverlängerung zurückgezogen, nachdem Sie bewusst eine Frist verstreichen ließen. Jetzt gibt es doch eine Einigung?

Ja, es hat zwar etwas länger gedauert, weil diese Entscheidung eben meine nächsten Lebensjahre betrifft. Aber jetzt habe ich, am Freitagmorgen, beim FC Bayern vorzeitig für weitere drei Jahre verlängert, also bis 2012, und ohne Ausstiegsklausel.

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Dabei tendierten Sie lange zum Ausland, zum FC Barcelona.

Ja, aber ich habe immer gesagt, dass alles noch offen ist. Es ist doch klar, dass sich jemand mit 24 Jahren ausgiebig Gedanken über seine sportliche und persönliche Zukunft machen möchte, wenn er Angebote von europäischen Topklubs erhält. Doch jetzt hat es viele gute Gespräche mit dem Vorstand des FC Bayern, aber auch mit dem neuen Trainer Jürgen Klinsmann gegeben; vorletzten Donnerstag haben wir alle lange zusammengesessen. Und dabei habe ich eine sehr große Aufbruchsstimmung gespürt.

Vor allem Jürgen Klinsmann hat Sie offenbar überzeugt.

Ich habe ja gesagt, dass ich meine Entscheidung nie vom Trainer abhängig machen wollte. Aber klar begrüße ich Jürgen Klinsmann sehr gerne hier in München. Und er hat mir deutlich gemacht, wie die Zukunft hier aussehen soll. Ich kenne ihn ja noch aus der Nationalmannschaft und verstehe mich gut mit ihm. Und ich glaube, dass sein Weg auch in München funktionieren wird. Ich weiß außerdem, wie viel Willen er da jetzt reinsteckt und dass er jeden Spieler gleich behandelt. So muss auch ich mich wieder neu beweisen. Und genau diese Herausforderungen will ich.

Bei den Bayern hat man in Ihrem Zusammenhang nach der WM 2006 häufiger von Stagnation gesprochen.

Ja, aber ich habe meine Entwicklung eher positiv gesehen. Klar, ich habe letztes Jahr 60 Spiele gemacht, da ist doch logisch, dass da auch nicht so gute dabei waren. Aber das ist natürlich auch ein Grund, weshalb ich lange überlegt habe: Hier wurde häufiger gesagt, ich komme mit meiner Entwicklung nicht voran. Doch das ist ja auch schwer in der Bundesliga. Denn die Zahlen aus England und Spanien sind ja bekannt, dort wird mit mehr Tempo und Genauigkeit gespielt, die Spieler werden früher angegriffen - in der Bundesliga wird einfach ein anderer Fußball gespielt.

Und Klinsmann wird diese Distanz zumindest in München verkürzen?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass er das hinbekommt. Man muss eben auch dementsprechend trainieren. Ich habe ja schon mehrfach gesagt, dass es international nicht funktioniert, wie wir uns taktisch verhalten: Dass aus dem Mittelfeld jemand blank auf die Abwehr zuläuft, wie uns das gegen St. Petersburg passiert ist - das passiert beim AC Mailand nicht. Und das sieht der Vorstand genauso, dass wir uns taktisch noch verbessern können und müssen und da einfach noch deutlich zurückhinken im Vergleich zu anderen Mannschaften.

Was plant Klinsmann?

Er will Offensivfußball spielen, aber auch die Defensive nicht vernachlässigen - so, wie wir es in der Nationalmannschaft bei der WM gezeigt haben. Dazu kommen nach der neuen Arena jetzt auch neue Trainingseinrichtungen, die neuen Fitnesstrainer. Das ist alles sinnvoll, denn andere Topklubs arbeiten einfach noch etwas moderner als wir.

Auch deshalb äußerten Sie zuletzt mehrfach Zweifel daran, dass Bayern so bald die Champions League gewinnen werde. Sind Sie nun anderer Meinung?

Nein, ich sehe das weiterhin kritisch, dass wir schon nächstes Jahr ins Finale kommen können. Schauen Sie sich doch Manchester United und Chelsea an, die jetzt im Finale stehen. Sie haben auch einige Jahre Zeit und Erfahrung gebraucht. Aber ich bin jetzt doch sehr zuversichtlich, dass wir es in näherer Zukunft schaffen können. Denn der Vorstand hat mir auch sehr deutlich gemacht, dass sie den Weg, den sie im vergangenen Jahr mit den Investitionen eingeschlagen haben, weitergehen wollen.

Auch Kollegen wie Franck Ribéry wünschen sich ja weitere Verstärkungen.

Genau. Vielleicht kann man nicht jedes Jahr so viel Geld ausgegeben wie zuletzt. Aber wenn man die Topklubs in Europa anschaut, so wissen sie dort, dass man sich jedes Jahr punktuell verstärken muss. Und das tun zu wollen, hat mir der FC Bayern versichert. Das war sicherlich keine Bedingung von mir, aber ich wollte das natürlich schon hören, denn nach dem nationalen Erfolg, den wir jetzt hatten, muss eben der nächste Schritt kommen: Ich möchte auch international Erfolg haben. Und das setzt Investitionen in neue Spieler voraus, und zwar in Spieler, die internationale Klasse haben. Der Kern sollte selbstverständlich zusammenbleiben, aber der Konkurrenzkampf muss sich noch vergrößern - immer wieder, jedes Jahr.

Sie möchten einbezogen werden, eine gewisse Wertschätzung erfahren, das ist der Eindruck. Hat Bayern die Personalie Lahm generell unterschätzt?

Es kann sein, dass sie meine Personalie etwas unterschätzt haben. Für mich war natürlich schon wichtig: Wie sieht mich der FC Bayern? Und ich hatte manchmal doch den Eindruck, dass meine Meinung nicht 100-prozentig gefragt ist. Jetzt, nach den vielen sehr guten Gesprächen, habe ich aber das Gefühl, dass sie mich als wichtiges Teil eines Puzzles sehen. Und das war mir sehr wichtig.

Manchmal ist es wohl ganz gut, wenn man sogar mal dem FC Bayern widerspricht?

Vielleicht, obwohl ich ja das Angebot ja nicht abgelehnt hatte. Ich wollte mich nur nicht unter Druck setzen lassen. Dass man vielleicht auch ein bisschen pokert, gehört dazu, und der Status eines Spielers macht sich auch am Finanziellen fest. Aber die Bayern haben mir schon vorher ein gutes Angebot gemacht. Es geht heute kein Topspieler mehr weg von Bayern, nur um mehr zu verdienen.

Haben Sie mit Klinsmann auch über die Kapitänsrolle und Ihre eigentliche Lieblingsposition besprochen?

Es kann gut sein, dass ich für die Kapitänsrolle eine Option bin, aber so konkret habe ich da mit ihm ehrlich nicht gesprochen. Dass ich mich als rechten Verteidiger sehe, dass das meine stärkste Position ist, das weiß Klinsmann allerdings. Und ich finde es normal, dass jeder seine Position hat, obwohl man durchaus mal ab und zu woanders aushelfen kann. Doch bei den Top-Fünf in Europa gibt es das nicht, dass man so verschoben wird wie ich zuletzt. Aber das wissen nun alle im Verein.

Wie ernst war es mit Barcelona?

Es war schon sehr konkret.

Und mit Manchester United?

Das war auch ein Thema, aber nicht so konkret wie Barca.

Waren Sie denn mal dort?

Nein, und das darf man ja auch gar nicht!

Na ja, wenn der FC Bayern den Bremer Spieler Klose haben möchte, trifft er sich auch heimlich mit ihm.

Das kann sein, auf jeden Fall wollte mich das Management von Barcelona, entweder sofort oder eben dann nächstes Jahr. Es ist natürlich jetzt möglich, dass so ein tolles Angebot nie wieder kommt. Aber mich hat letztlich überzeugt, dass der FC Bayern etwas Großes aufbauen will. Und wäre ich weggegangen, hätte ich wohl doch sehr mit den Gedanken zu kämpfen gehabt: Bei diesem Projekt hättest du dabei sein können. Außerdem bin ich ja gebürtiger Münchner, das hat auch eine große Rolle gespielt.

Oma und Opa werden jetzt wohl sehr glücklich sein.

Ich bin sehr gerne bei meiner Familie, das stimmt. Sie wären aber alle hinter mir gestanden, wenn ich gewechselt wäre. Oma und Opa haben die letzten Wochen zwar nicht gelitten, aber sie freuen sich jetzt schon sehr, seitdem ich ihnen das am Donnerstagabend gesagt habe.

Vermutlich hat sowieso nur Omas Essen den Ausschlag gegeben.

Stimmt, das hätte ich bei einem Wechsel sicherlich seltener bekommen.

Was macht sie besonders gut?

Die Oma kann wirklich alles.


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