Peter Stöger über den FC, Sauna-Interviews und die Champions League

»Ich mag Extreme«

Peter Stöger ist mit dem 1. FC Köln Herbstmeister geworden, dennoch stapelt der Trainer tief. Über drei bis vier Transferperioden denkt er nicht hinaus. Wieso eigentlich? Für unsere große Köln-Reportage (jetzt in 11FREUNDE #147) haben wir mit ihm gesprochen.

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147

Peter Stöger, Sie haben vor Ihrem Engagement in Köln mit Toni Polster über den FC gesprochen. Was hat er Ihnen erzählt?
Vieles. Zum Beispiel, dass der Klub ein begeisterungsfähiges Publikum hat, dass die ganze Stadt den Verein lebt, aber auch, dass es auch schnell mal schwierig wird.
 
Wie hat er das gemeint?
In der Hinsicht, dass es in Köln manchmal um persönliche Eitelkeiten geht – in welcher Form auch immer. Das muss gar nicht das Präsidium, ein Spieler oder Trainer sein. Aber um es kurz zu machen: Toni hat mir in jeder Hinsicht zum FC geraten.
 
Es heißt, die Bundesliga sei stets Ihr Traum gewesen.
Ist das ein Wunder? Meines Erachtens ist es der Traum jedes Trainers, der in Österreich arbeitet. Wie sich die deutsche Bundesliga in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, das ist beeindruckend. Da geht es gar nicht um einen einzigen Klub, das ganze Konzept stimmt. Und die zweite Liga schwimmt in diesem Sog mit.
 
Im Mai 2012 stieg der 1. FC Köln zum fünften Mal in seiner Geschichte aus der ersten Liga ab. Der Abstieg war begleitet von Fanausschreitungen, Querelen im Präsidium und einer Fast-Insolvenz. Wie genau wussten Sie über diese Ereignisse und das aggressive Medienumfeld Bescheid?
Über all das habe ich gar nicht nachgedacht. Es hört sich vielleicht komisch an, aber bis jetzt habe ich das Umfeld als sehr ruhig wahrgenommen. Davon abgesehen war gerade zu Beginn  das Interesse natürlich relativ groß. Mit meinem Namen hat man hier nicht so viel anfangen können. Da habe ich auch das ein oder andere angeboten.
 
Zum Beispiel ein Interview in der Sauna.
Das war nicht meine Idee, aber ich konnte damit leben. Wenn mir etwas zu mühsam oder blöd ist, mache ich es nicht, aber wenn die Geschichte passt, warum nicht? Ich gehe da nicht taktisch dran. Wenn der Erfolg ausbleibt, kann ich durch das adäquate Verhalten gegenüber den Medien meinen Rauswurf vielleicht um zwei Tage verzögern – aber wenn das Team nicht gewinnt, ist eh alles egal.
 
Sie stammen aus dem Wiener Stadtteil Favoriten, haben einen Großteil Ihres fußballerischen Lebens in der österreichischen Hauptstadt verbracht. Was unterscheidet Wien von Köln?
Hier sind täglich Journalisten und Fotografen am Trainingsgelände, das ist ganz anders als in Österreich. Das heißt für mich, ich habe jeden Tag die Möglichkeit zu erklären, warum wir bestimmte Entscheidungen getroffen haben. Für manche Menschen mag das sehr mühsam sein, ich finde es angenehm.
 
Wirklich?
Ja, weil ich meine Sachen erklären kann, in der Hoffnung, dass der Journalist das ein oder andere mitnimmt und darüber nachdenkt. So kann eine Kommunikationsbasis zustande kommen.
 
Diese Art von Kommunikation findet in Österreich nicht statt?
In Österreich werden kaum Trainingseinheiten beobachtet. Am Ende der Woche ist eine Pressekonferenz, da kommen Fragen von Leuten, die logischerweise die ganze Woche nicht beim Training waren. Eine ganz andere Voraussetzung.
 
Sie sind mit drei Unentschieden in die Saison gestartet. Wie haben Sie die Reaktionen empfunden?
Das war für die Ansprüche in Köln nicht genug. Aber in den Medien war es trotzdem ruhig. Man kann sagen, die Journalisten haben dadurch mit dazu beigetragen, dass nicht vom Start weg unglaubliche Unruhe rein kam. Ich hatte das Gefühl, dass zu Beginn viel Verständnis, viel Hoffnung in der Berichterstattung herrschte. Dass das irgendwann vorüber sein würde, wenn keine Erfolge kommen, war mir aber klar.
 
Sie wurden am 13. Juni 2013 vorgestellt, zwei Wochen später unterschrieb auch Jörg Schmadtke seinen Vertrag. Wussten Sie, dass er kommen würde?
Nein. Und fragen Sie den »Schmaddi« doch mal, ob er mich auch geholt hätte. Der hätte doch bestimmt zehn gute Trainer in der Hinterhand gehabt. (Lacht.)
 
Sie verstehen sich ganz gut mit ihm?
Wir haben eine gute Kommunikationsbasis. Ich habe die Weisheit nicht gepachtet und bin über jede Information, jede Anregung, die ich von meinen Trainerkollegen oder von Jörg bekomme, dankbar. Deshalb finde ich es zum Beispiel völlig ok, dass Jörg Schmadtke mit auf der Bank sitzt.
Was für eine Mannschaft haben Sie im Sommer hier vorgefunden? Der Kader wurde in großen Teilen ausgetauscht.
Atmosphärisch war vieles noch von Enttäuschung gezeichnet. Man hatte eine gute Rückrunde gespielt und hätte mit dem Erreichen der Relegation einen drauf setzen können. So aber blieb unterm Strich bei vielen Spielern das Gefühl, dass es eine enttäuschende Saison war.
 
Woran hat man die Enttäuschung gemerkt?
Die Körpersprache zeigte, wie schlecht es anfangs um die Zuversicht einiger Spieler bestellt war. Wenn ich eine Körpersprache habe, die nicht vermittelt, dass Spiel und Sport in irgendeiner Form Spaß machen, dann läuft was falsch. Die Truppe war ruhig, geradezu in sich gekehrt.
 
Wie sind Sie die Sache angegangen?
Wir haben in Ruhe  geschaut, welche Möglichkeiten wir haben, um variabel spielen zu können. Ins Trainingslager sind auch junge Spieler aus der Nachwuchsabteilung mitgereist. Wir wollten sehen, welche Spieler vorhanden sind, um eine Idee zu entwickeln. Das Wichtigste war, nicht in Aktionismus zu verfallen. Der Kader war noch relativ dünn und wir wollten schauen, welche Spieler wir wirklich noch holen müssen. Wir haben uns bis Ende der Transferperiode Zeit gelassen. Es hat sich Stück für Stück entwickelt.
 
Sie hatten also keinen Masterplan, als Sie angetreten sind?
Im ersten Gespräch mit Jörg Jakobs und Toni Schumacher habe ich versucht zu erklären, wie ich die Abläufe in einer Mannschaft gerne hätte und wie ich mit der Mannschaft kommuniziere. Ich habe aber auch betont, dass ich flexibel bin, was das System betrifft, weil ich der Meinung bin, dass die Spieler das System vorgeben, nicht umgekehrt.
 
Normalerweise präsentiert ein Trainer einen Mehrjahresplan im Bewerbungsgespräch.
Bei der Kurzlebigkeit des Geschäfts ist es ganz selten, dass ein Trainer die Möglichkeit hat, den Kader über Jahre so zusammenzustellen, wie er das gerne hätte. Wenn von langfristigem Denken gesprochen wird, ist der Trainer meist nicht eingeplant. Ich wüsste, was für Spielertypen wir bräuchten, um eine Mannschaft innerhalb drei oder vier Transferperioden umzustrukturieren. Aber die Wahrheit ist nun mal, dass so was kaum noch umsetzbar ist. Es muss alles sehr gut funktionieren, damit ein Trainer überhaupt diese drei, vier Transferperioden bekommt. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass einen guten Trainer vor allem ausmacht, aus dem Vorhandenen das Beste herauszuholen.
 
Jetzt kokettieren Sie. Warum soll man Ihnen keine zwei Jahre gewähren? Sie sind gerade Herbstmeister geworden.
Wenn ich nicht erfolgsorientiert denken würde, würde ich jetzt nicht hier sitzen, keine Sorge. Auf der anderen Seite aber glaube ich, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, langfristig arbeiten zu können. Ich versuche, die Normalität im Auge zu behalten.
 
Wie sieht Ihre Normalität aus?
Normalität heißt, dass ich versuche alles umzusetzen, obwohl ich nicht alles so umsetzen kann, wie ich es wirklich will, weil ich bestimmte Voraussetzungen nicht ändern kann.
 
Bitte etwas weniger kryptisch.
Beispielsweise muss ich mich mit den finanziellen Möglichkeiten arrangieren. Mein Trainerteam und ich wollen uns nie dem Vorwurf aussetzen, wir würden leichtsinnig mit dem Kapital des Vereins umgehen.
 
Warum backen Sie so kleine Brötchen, Peter Stöger? Strategie?
Das ganze Drumherum, die Emotionen, dieser positive Wahnsinn, den diese Stadt zu diesem Klub hat, all das kann ich eh nicht einschränken oder herunter reden. Aber ich versuche es nicht als selbstverständlich hinzunehmen, einen Verein zu coachen, der bei jedem Spiel vor 45 000 Zuschauern aufläuft. Und dieses Privileg versuche ich auch den Spielern zu vermitteln.
 
Haben Sie in Ihrem ersten halben Jahr in der zweite deutschen Liga als Trainer dazugelernt?
Man lernt immer dazu, aber ich glaube nicht, dass ich mich grundlegend neu orientieren musste. Die Zielsetzung bei Austria war nach langen Jahren Meister zu werden. Gegen einen klaren Favoriten Red Bull Salzburg, der viel mehr Budget hatte. Hier in Köln ist es die Aufgabe, Meister der 2. Liga zu werden. Die Keimzelle – die Mannschaft – arbeitet immer an einem Ziel, egal ob in der 6. Liga oder in der Champions League. Du hast deine 25 Spieler, die du organisieren musst, sodass sie das Ziel gemeinsam verfolgen. Da gibt es für mich nur wenige Unterschiede.
 
Stichwort: Champions League. Sie hätten bei Austria die Chance gehabt, in der Königsklasse zu spielen, entschieden sich aber, in die zweite Liga zu wechseln. Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?
Es hätte in der zweiten Liga keinen anderen Klub gegeben, für den ich das aufgegeben hätte. Aber der Reiz, hier arbeiten zu können, war sofort da. Auch meine Freundin und mein Bruder haben mir von Anfang an zugesprochen.
 
Trotz Ihres Schmähs scheinen Sie auch eine gewisse Melancholie in sich zu tragen. Wie kommen Sie mit Ihrem Temperament mit dem Rheinländer aus, dem man nachsagt, er kenne nur himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt?
Mögen Sie keine Extreme? Ich schon. Das ist wie in einer Beziehung: Wenn es wahnsinnig gut läuft, ist man wahnsinnig begeistert, wenn es nicht so gut läuft, ist man wahnsinnig deprimiert. Solche Empfindungen entwickelt man nur, wenn einem die Dinge extrem wichtig sind. Ich könnte es ruhiger haben, aber es wäre auch viel weniger spannend, bei einem Klub zu arbeiten, für den sich kaum jemand interessiert.
 
Sehen Sie inzwischen, wie sich die Körperspannung bei ihren Spielern positiv verändert hat?
Drei Spiele haben nachhaltig Einfluss darauf gehabt: Der Sieg gegen den SV Sandhausen am vierten Spieltag, nachdem wir drei Mal unentschieden gespielt hatten. Hätten wir das Match nicht gewonnen, wäre vielleicht die Situation entstanden, in der es heißt: »Mit einem Österreicher kann das nicht funktionieren« oder »Die Mannschaft hat die Qualität nicht«. Dann unser Sieg zu Hause gegen Union Berlin, weil wir uns an jenem Abend selbst bewiesen haben, dass wir auch ein Spitzenteam schlagen können. Und schließlich der Sieg auf St. Pauli, nachdem wir zwei Mal in Folge unglücklich mit 0:1 verloren hatten. Da haben wir gezeigt, dass wir aufstehen können. Dieses Match hat uns einen unglaublichen Schub gegeben.
 
Peter Stöger, vielleicht schaffen sie am Ende doch mehr als drei, vier Transferperioden.
Es wäre schön. Vor dreieinhalb Jahren habe ich noch in der österreichischen Regionalliga trainiert. Dann habe ich die Möglichkeit gehabt, in der Bundesliga beim SC Wieder Neustadt zu arbeiten. Abstiegskandidat. Kein Budget. Alle haben gesagt: Lass die Finger davon, du steigst hundertprozentig ab. Erst als ich auch dort Erfolg hatte, habe ich mich entschieden, weiter im Trainerjob zu bleiben und zu schauen, was noch geht.
 
Und, was geht noch?
Ist doch klar, dass ich in Köln mehr als vier Transferperioden durchstehen möchte, auch weil noch wahnsinnig viel möglich wäre. Aber wir wissen auch, wenn wir aufsteigen, wird es nicht einfacher. Da müssen wir als die handelnden Personen eine nüchterne Sicht auf die Dinge behalten.

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In 11FREUNDE #147 lest ihr die große Reportage: »Die neue S-Klasse« – wie Spinner, Schumacher, Stöger und Schmadtke den 1. FC Köln von seinem Chaos-Image befreien wollen. Jetzt am Kiosk!

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