Peter Shilton im Interview

»Maradona fehlten die Eier«

Manche dachten, er hört nie auf zu spielen: Erst mit 46 Jahren beendete der englische Torwart Peter Shilton seine Karriere. Wir sprachen mit ihm über die »Hand Gottes«, seine Nachfolger und Küsse von Brian Clough. Peter Shilton im Interview

Peter Shilton, die Welt kennt Sie als einen der besten Fußball-Torhüter aller Zeiten. Heute arbeiten Sie als »After Dinner Speaker« und treten in Tanzshows auf. Ist Ihnen die Lust am Fußball vergangen?

Überhaupt nicht. Aber ich habe 30 Jahre lang den gleichen Job gemacht: Fünfmal in der Woche Bälle gehalten und am Sonntag im Tor gestanden. Als Torwarttrainer würde meine Arbeit so aussehen: Fünfmal in der Woche Bälle aufs Tor schießen und am Sonntag auf der Bank sitzen. Das will ich mir nicht antun.

Als Sie nach der WM 1990 Ihre internationale Karriere beendeten, übernahmen Sie allerdings prompt den Torwarttrainer-Posten in der englischen Nationalmannschaft...

...was ein Fehler war.

Wieso?

Weil es dafür viel zu früh war. Eben noch stand ich in Italien bei der Weltmeisterschaft für mein Land zwischen den Pfosten, nun sollte ich meine ehemaligen Kontrahenten trainieren. Das hat nicht funktioniert. Heute fehlt mir die Motivation mit Profis zusammen zu arbeiten. Beim Nachwuchs ist das etwas anderes. Mit Kindern arbeite ich gerne.

Warum?

Weil die Welt glaubt, England könne keine guten Torhüter produzieren. Das ist Unsinn.

Die letzten Jahre haben allerdings nicht gerade das Gegenteil bewiesen. Immer wieder stehen englische Torhüter in der Kritik.

Teilweise ja auch zu Recht. Unsere Gilde hat sich auf internationaler Ebene nicht mit Ruhm bekleckert. England fehlt ein Torwart, der in den vergangenen fünf oder sechs Jahren unumstritten die Nummer eins zwischen den Pfosten war. Einen Oliver Kahn oder Jens Lehmann haben wir in der jüngeren Vergangenheit nicht gehabt. Aber das bedeutet nicht, dass wir nur schlechte Torhüter besitzen – das Talent ist da, was fehlt ist die Konstanz.

Torhüter Robert Green wurde von der englischen Öffentlichkeit regelrecht zerfleischt, als er bei der Weltmeisterschaft gegen USA mit einem Fehler den Ausgleich einleitete. Können junge Torhüter in so einem Klima überhaupt wachsen, wenn sie wissen, dass jeder Fehler brutal bestraft wird?

Nein, und das ist ein weiteres Problem unserer Gesellschaft: Wir scheinen nur darauf zu warten, dass ein Torhüter wieder einen dummen Fehler macht. Dann sind wir da und hacken auf ihn ein, bis er vor lauter Schmerzen nicht mehr aufstehen kann.

Aktuell wird Joe Hart von Manchester City als möglicher Kandidat für den Posten des Stammtorwarts in der Nationalmannschaft gehandelt. Kann er die Ansprüche erfüllen?

Ich glaube schon. Joe ist ein überaus talentierter Schlussmann. Er bringt alles mit, um eine große Nummer eins zu werden. Aber er ist jung und hat noch nicht viele Möglichkeiten erhalten, sein Talent unter erschwerten Bedingungen zu beweisen.

Joe Hart ist 23 – in seinem Alter hatten Sie schon mehr als 150 Ligaspiele und eine Handvoll Länderspiele absolviert.

Das stimmt, aber ich habe auch meine Fehler gemacht und dadurch erst reifen können. Die hat nur nicht jeder gesehen. Wir hatten damals mehr Zeit, damit aus talentierten Fußballern gute Fußballer werden.

Sie wurden einer – und später sogar Teil der Europapokal-Geschichte, als Sie mit Nottingham Forest 1980 den Europacup erfolgreich verteidigten. Durch ein 1:0 gegen den Hamburger SV...

Um ehrlich zu sein: Ein verdienter Sieger waren wir nicht. Wir machten ein schnelles Tor (John Robertson traf nach 19 Minuten, d. Red.) und igelten uns dann in der eigenen Hälfte ein. Wir waren müde, hatten fast 60 Saisonspiele in den Knochen und dann auch noch dieses Finale – also hofften wir auf einen dreckigen Sieg und hatten Glück.

Nottingham Forest wurde damals vom charismatischen Brian Clough trainiert. Was hat Clough so besonders gemacht?

Es klingt abgedroschen, aber er konnte aus seinen Spielern das Beste herauskitzeln. Fragen Sie mich nicht, wie er das gemacht hat, aber so eine Gabe haben in der Geschichte des Fußballs nur wenige Trainer besessen. Er hatte für jeden seiner Spieler ein Mittel, um dessen Qualitäten zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Tony Woodcock hat von einer eigentümlichen Macke Cloughs gesprochen. Demnach soll er seine Spieler gerne auch einmal abgeküsst haben, nur um ihnen einen Tag später die kalte Schulter zu zeigen.

Ehrlich? Davon weiß ich nichts. Wahrscheinlich ging die Knutscherei los, als ich den Verein bereits verlassen hatte. Oder Tony war der Einzige, der die Küsse vom Trainer bekam. Im Ernst: Solche Spielchen waren typisch für Clough. Mal war seine Stimmung gut, mal war sie schlecht – einen Mittelweg kannte er nicht.

Als Sie 1977 zu Nottingham wechseln wollten, soll Cloughs Co-Trainer Peter Taylor seinen Chef mit dem Satz überzeugt haben: »Shilton gewinnt Spiele.«

Peter war vermutlich mein allererster Fan. Er hat mir später berichtet, dass er schon zu meinen Jugendzeiten bei Leicester City am Samstagmorgen an der Bande stand, um mir zuzusehen. Peter war so ein Kerl, der es liebte, in irgendwelchen Käffern Fußballspiele zu beobachten. Er war selbst Torwart, nie berühmt, aber ein hervorragender Richter über Qualität. Auf sein Urteil konnte man sich verlassen.

Als Sie mit Nottingham 1980 den Europapokal-Sieg von 1979 wiederholten, waren Sie bereits seit zehn Jahren Teil der englischen Nationalmannschaft. Erinnern Sie sich noch an Ihr Debüt?

Natürlich. 29. November 1970 gegen die DDR. Wir gewannen 3:1.

Wissen Sie noch, wer Ihre Gegenspieler waren?

Beim besten Willen nicht mehr, aber ich erinnere mich ganz genau an meine erste Szene als Nationalspieler: Ich bekam den Ball und donnerte ihn so weit ich konnte nach vorne. Er sprang einmal auf, zweimal und lag plötzlich vor den Füßen von Francis Lee. Und der machte das 1:0 nach zwölf Minuten. Die Kollegen kam zu mir und gratulierten zur Vorlagen. Und ich dachte: »Dein erstes Länderspiel und bereitest gleich ein Tor vor.«

Sie haben drei Weltmeisterschaften gespielt, und doch verbindet man Ihren Namen nur mit diesem einen Spiel: 1986 in Mexiko, England gegen Argentinien, die »Hand Gottes«. Sind Sie Maradona noch böse?

Sein Handspiel habe ich ihm nie übel genommen. Solche Tricksereien hat jeder schon einmal versucht.

Sie auch?

Ich war damit sogar erfolgreich. Gegen Aston Villa habe ich mal einen Schuss, der von der Latte klar hinter der Linie aufgeprallt war, aus dem Tor geboxt. Der Schiedsrichter hat das Tor nicht gegeben. Und ich war der Buhmann.

Als Maradona Sie vor einiger Zeit in seine TV-Show einlud, sagten Sie Ihm allerdings mit Verweis auf das legendäre Handtor ab.

Das Tor an sich habe ich Maradona nicht krumm genommen. Viel schlimmer war sein Verhalten nach dem Spiel. Statt sich der Verantwortung zu stellen und zu sagen: »Tut mir leid, es war ein Handspiel. Aber es ist nun einmal passiert«, hat er von der »Hand Gottes« gesprochen. Diego war 1986 der beste Spieler auf diesem Planeten, aber ihm fehlten die Eier in der Hose, seinen Fehler zuzugeben.

Haben Sie sich damals, nach Ihrer Unsportlichkeit gegen Aston Villa, entschuldigt?

Gleich nach dem Spiel. Maradona war ein großer Spieler, aber er hätte der Größte werden können, wenn er sich entschuldigt hätte.

Hätte Manuel Neuer sich entschuldigen müssen, als der Schuss von Frank Lampard bei der WM 2010 klar seine Torlinie überquert hatte?

Nein. Wie hätte Neuer in diesem Bruchteil einer Sekunde erfassen können, was passiert war? Ich mache auch den Schiedsrichtern keinen Vorwurf, jedenfalls nicht so rabiat wie meine Landsleute. Lampards Schuss war so hart, so gewaltig und der Ball daher so schnell, dass es einfach verdammt schwer zu erkennen war, ob er drin war oder nicht. Viel mysteriöser als den Lattenschuss an sich fand ich die Flugbahn des Balles, als er vom Rasen wieder auftropfte. Wie konnte er von dort, so weit hinter der Linie, wieder aus dem Tor springen?

Brauchen die Schiedsrichter technische Unterstützung, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden?

Die Technik, um zu überprüfen, ob ein Ball die Linie vollständig überschritten hat oder nicht, halte ich in der Tat für sinnvoll. Allerdings sollte sich der Fußball nicht von der Technik vereinnahmen lassen. Sonst stehen bald 22 Roboter auf dem Platz.

Peter Shilton, sie haben 125 Länderspiele und 1005 Ligaspiele absolviert. Welche Mannschaft war die Beste, in der sie in 30 Jahren Profifußball gespielt haben?

Die englische Nationalmannschaft, mit der ich 1973 gegen Polen die WM-Qualifikation für Deutschland verpasste. Wir hatten fantastische Fußballer, mit Sir Alf Ramsey einen großartigen Trainer – doch im entscheidenden Rückspiel gegen Polen machte ich einen Fehler und wir spielten nur 1:1. Polen fuhr zur WM und wurde Dritter. Wir wären Weltmeister geworden. Stattdessen hatte ich es versaut. In 30 Jahren Fußball habe ich mich nie schlechter gefühlt.

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