Peter Niemeyer über Karriereplanung

»Ich wollte hinschmeißen«

Peter Niemeyer über Karriereplanung

Peter Niemeyer, Sie sind schon mit 15 Jahren ins Ausland gewechselt. Warum?

Ich habe damals in der Westfalen-Auswahl gespielt und stand dort vor dem Aus, wurde gar nicht mehr eingeladen. Ich galt als zu schmächtig und klein. Relativ überraschend kam dann ein Angebot aus Enschede, und da wir damals grenznah wohnten, war das eine tolle Möglichkeit – zumal die holländische Nachwuchsarbeit einen überragenden Ruf genoss.

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Als junger Mensch im Ausland zu leben, ist nicht immer einfach. Hatten Sie Schwierigkeiten?

Enschede liegt nah an der Grenze, insofern beschäftigt man sich dort mit Deutschland. Auch Twente scoutet immer jenseits der Grenze, in jeder Mannschaft stehen zwei, drei Deutsche. Außerdem habe ich schnell gemerkt: Wenn man versucht sich zu integrieren und die Sprache zu lernen, wird das anerkannt. Dann findet man schnell Anschluss.  

Auch sportlich lief es für Sie rund bei Twente.  

Absolut. Ich bin relativ schnell zum Führungsspieler geworden und habe eine enorme Wertschätzung erfahren – die Fans haben mich beispielsweise zum Spieler des Jahres gewählt. Das hat mir auch gezeigt, dass ich nicht nur sportlich, sondern auch menschlich akzeptiert wurde.  

Was haben Sie aus Enschede mitgenommen?  

Der Verein hat mich zum Profi gemacht, ich weiß nicht, ob ich das woanders geschafft hätte. Natürlich bin ich dort auch erwachsen geworden.  

2007 sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt. War Enschede zu klein geworden?  

Ich wollte es in meinem Heimatland schaffen – die Bundesliga besitzt eine andere Klasse. Damals hatte ich mehrere Angebote aus Deutschland, aber Werder Bremen ist natürlich eine sehr gute Adresse. Ich hatte ein Gespräch mit Klaus Allofs und Thomas Schaaf, was mich in meiner Überzeugung noch bestärkt hat.  

Was haben Sie sich damals vorgenommen?  

Einiges! Aber wenn ich sage, dass ich bei Twente erwachsen geworden bin, dann bin ich bei Werder gereift. Ich habe gelernt, dass die Karriere nicht immer so verläuft, wie man es sich vorstellt.  

Sie waren häufig verletzt.  

Richtig, dadurch konnte ich manche Etappenziele nicht erreichen.  

Haben Sie das Gefühl, in Bremen gescheitert zu sein?  

Nein, überhaupt nicht, immerhin habe ich ein UEFA-Cup- und ein DFB-Pokal-Finale gespielt. Natürlich hätte ich mir noch mehr Einsätze gewünscht, aber wie gesagt: es läuft nicht immer alles nach Plan. Es ist auch nicht so, dass ich in Bremen vom Hof gejagt worden wäre. Im Gegenteil: Ich habe meinen Vertrag verlängert und das Gefühl dort nach wie vor geschätzt zu werden.  

Die medizinische Abteilung in Bremen ist nicht ganz unumstritten. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Betreuung und Ihren Verletzungen?  

Da kann ich natürlich nur für mich sprechen. Ich hatte doofe Verletzungen, deren Heilung niemand beschleunigen konnte. Der Doc hat mich immer bestmöglich betreut, wir hatten ein super Verhältnis.  



Gab es einen Punkt an dem Sie hinschmeißen wollten?  

Ja. Ich hatte gerade mein erstes Bundesliga-Tor geschossen. Kurz darauf habe ich einen Pressschlag bekommen und wurde ausgewechselt. Eigentlich sah es nicht so schlimm aus, das Sprunggelenk war geschwollen und ich hatte Schmerzen. Wir haben aber nur mit zwei Wochen Pause gerechnet.  

Es sollte anders kommen.  

Richtig, am Ende waren es über sechs Monate. Die Prognosen wurden ständig verlängert, das war für den Kopf enorm schwierig. Bei einem Kreuzbandriss weiß man, was einen erwartet: sechs Monate und dann ist man wieder fit. Bei mir gab es etappenweise Rückschläge, da kommt man ins Grübeln.  

Wie sind Sie aus dem Loch rausgekommen?  

Für mich ist meine Familie enorm wichtig, die gibt mir viel Kraft. Und: Man muss sich immer wieder vor Augen halten, wofür man arbeitet. Wenn man vor 50.000 Menschen aufläuft und wieder Fußball spielen kann, dann entschädigt das für alles.  

Als Familienmensch kam Ihnen die familiäre Atmosphäre an der Weser sicherlich entgegen.  

Von familiärer Atmosphäre im Profifußball zu sprechen ist Nonsens. Sicherlich weht in Bremen ein anderer Wind als beispielsweise in Berlin, allein was die Medienwelt betrifft. Aber auch in Bremen geht es um Leistung – der Verein hat den Anspruch, national oben zu stehen und auch international gut mitzumischen. Dennoch war es eine super Zeit, das Verhältnis mit den Jungs war teilweise freundschaftlich.  

Seit dieser Saison spielen Sie für Hertha BSC. Sind Sie schon angekommen in Berlin?  

Ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen Bammel vor Berlin. Ich komme vom Land, war dann in der Kleinstadt Enschede und anschließend in Bremen – auch nur ein großes Dorf. Je länger ich hier bin, desto besser gefällt es mir. Ich wundere mich immer, wie grün Berlin ist und wie viele Seen es gibt.  

Warum Hertha?  

Es gab damals zwei, drei Optionen: Celtic Glasgow war im Gespräch, bei Werder zu bleiben war auch eine Möglichkeit. Ich habe lange darüber nachgedacht und mich dann bewusst für Hertha entschieden.  

Wie unterscheidet sich die 2. Liga vom Oberhaus?  

In der Bundesliga hatte ich immer das Gefühl, dass man nach einer 2:0 Führung ruhig zu Ende spielen konnte. Jetzt kann aus so einer Führung immer ein Unentschieden oder sogar eine Niederlage werden.  

Wird kräftiger zugelangt?  

Es gibt viele Mannschaften, die eher über die Mentalität kommen, als über die Qualität. Das ist aber auch völlig legitim – man kann jedes Jahr im Pokal beobachten, zu welchen Leistungen Mannschaften mit einer guten Einstellungen fähig sind.  

Peter Niemeyer, was machen Sie nächstes Jahr?  

Im Moment bin ich noch Eigentum von Werder Bremen. Wenn wir aufsteigen, dann wird Hertha mich wohl kaufen. Ich gehe davon aus, dass ich in Berlin bleibe.    

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