Peter Neustädter über das Nationalelf-Debüt seines Sohns

»Roman muss sich nicht verstecken«

Roman Neustädter steht vor seinem Debüt in der deutschen Nationalmannschaft. Als seinen »größten Kritiker« bezeichnete er einst seinen Vater Peter, der den Regionalligisten TuS Koblenz trainiert und beim Karlsruher SC in der Bundesliga und für die Nationalelf Kasachstans spielte.

Peter Neustädter, haben Sie eine Karte für das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Amsterdam am Mittwoch?
Nein. Wir haben am Mittwoch Training in Koblenz.

Ihr Sohn Roman steht vor seinem Debüt im DFB-Team. Können Sie sich da nicht freinehmen?
Ich werde mir nicht freinehmen und das Spiel gemütlich im Fernsehen schauen. Aber Romans Mutter und Großmutter fahren nach Amsterdam, um ihn zu unterstützen. Außerdem versuchen wir, noch eine Karte für unseren jüngeren Sohn Daniel zu organisieren. Er spielt in der Jugendakademie von Twente Enschede und hätte auch Spaß daran, seinem Bruder zuzuschauen.

Sollte Ihr Sohn zum Einsatz kommen, werden Sie aber wahrscheinlich nervös auf dem Sofa von links nach rechts rutschen.
Nein. Die Zeiten sind vorbei. Als Roman bei Mainz 05 oder Borussia Mönchengladbach seine ersten Spiele im Profibereich gemacht hat, war ich noch nervös, aber momentan habe ich einfach nur Spaß daran zu sehen, was Roman auf dem Platz leistet.

Ihr Sohn war in der vergangenen Woche freilich sehr nervös, als er davon erfuhr, dass er im Kader der Nationalmannschaft stehen wird. Als er Sie angerufen hat, um Ihnen seine Nominierung mitzuteilen, soll er gezittert haben.
Ob er gezittert hat, weiß ich nicht. Ich habe noch alles verstanden, was mir zu sagen versucht hat (lacht). Schalkes Manager Horst Heldt hatte bei ihm angerufen und ihm mitgeteilt, dass sich Joachim Löw demnächst bei ihm melden wird. Dass Romans erste Reaktion darauf emotional ausgefallen ist, ist doch logisch. Aber er hat das relativ schnell realisiert und eingeordnet.

Was haben Sie ihm am Telefon gesagt?
Dass sich für ihn sportlich gesehen nicht viel ändert. Dass er einfach nur seine Aufgaben erledigen muss. Dann wird es auch in der Nationalmannschaft klappen. Roman hat seine ersten Spiele in der Champions League bestritten und gute Leistungen gezeigt. Deswegen muss er sich in der Nationalelf nicht mehr verstecken.

Waren Sie von seiner Nominierung überrascht?
Teils, teils. Seine Nominierung hatte sich ja nicht angedeutet. Aber Roman wurde in der letzten Zeit von Spiel zu Spiel immer stärker, ob in Gladbach oder jetzt auf Schalke. Ich habe ihn live bei Schalkes 2:2 gegen den FC Arsenal gesehen. Was er da für einen Part gespielt, war beeindruckend. Wenn er so weitermacht, kann er jeder Mannschaft gut tun.

Dabei hatte Ihr Sohn vor ein paar Jahren gerade einmal ein U-21-Länderspiel und zwei Partien für die U20 bestritten und in der überregionalen Wahrnehmung somit im Schatten anderer Talente gestanden.
Roman hat seine Zeit gebraucht, um auf das Niveau zu kommen, auf dem er sich heute bewegt. Und er hat für seine Entwicklung etwas getan. Wie es für ihn gelaufen ist, war letztlich ideal. Er konnte sich in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt weiterentwickeln. Er hat seine Nominierung mit seinen guten Leistungen selbst entschieden.

In seiner ersten Bundesliga-Saison 2009/10 kam Ihr Sohn bei Borussia Mönchengladbach gerade einmal auf zwei Kurzeinsätze. Was hat ihm damals noch gefehlt?
Roman hat sich lange Zeit auf das verlassen, was er fußballerisch kann. Irgendwann musste er jedoch feststellen, dass das für höchste Ansprüche zu wenig ist. Es hätte nicht funktioniert, sich nur auf die gute Technik zu verlassen. Also hat er mehr gemacht und im athletischen Bereich zugelegt.

Er benötigte also ein Jahr, um in Mönchengladbach anzukommen.
Man muss die gesamte Situation sehen: In Mainz war er in der Saison 2008/09 auf dem Weg zum Stammspieler und stieg mit der Mannschaft in die Bundesliga auf. In Mönchengladbach war er nach seinem Wechsel ein Nobody, dem zunächst die Anerkennung fehlte. Dazu kamen die Defizite, die er aufholen musste. Deswegen fand er sich zunächst in der zweiten Mannschaft wieder. Ich finde es aber großartig, wenn ein Spieler in einer solchen Situation feststellt, dass nur er seine Lage ändern kann und er sich nicht darauf verlässt, dass alles von alleine gut wird.

Wie konnten Sie ihrem Sohn in dieser Phase helfen?
Die ersten Monate in Gladbach waren keine einfache Zeit. Wir haben oft telefoniert. Aber was sagt man einem Jungen, der in der ersten Mannschaft mittrainiert und glaubt, gut zu trainieren, dann aber jedes Wochenende bei den Amateuren spielt? Ich habe Roman darauf hingewiesen, dass er seine Zeit braucht und mehr machen muss. Das habe ich auch öfters live bestätigt bekommen. Ich war damals Trainer bei Mainz 05 II. Die zweite Gladbacher Mannschaft spielte in der selben Regionalliga wie wir, weswegen ich viele Spiele von Roman sah. Für die Regionalliga war das, was er dort gezeigt hat, ordentlich. Aber er war nicht der alles überragende Mann auf dem Platz. Für die Bundesliga wäre das zu wenig gewesen.

Also kein nachträglicher Vorwurf an Ihren Trainerkollegen Michael Frontzeck.
Nein. Der Trainer hat ihn jeden Tag im Training gesehen. Dass er ihn bei den Amateuren spielen ließ, war damals nicht unberechtigt.

Roman bezeichnete Sie einmal als seinen »größten Kritiker«. Waren Sie wirklich so schlimm?
Nein. Ich habe nur gesehen, was er für ein großes Potenzial er hat. Es gab Spiele, die er im Alleingang entschied. In der Mainzer B-Jugend schoss er einmal drei Tore und gab drei Vorlagen. Doch ich sah in eben diesem Spiel, dass er noch Defizite hat und dass es ganz oben nicht reichen wird, wenn er diese nicht aufarbeitet. Doch wie bringt man das einem Jungen bei, der soeben sechs Scorerpunkte gesammelt hat? (lacht) Er musste das schon selbst lernen.

In welchem Bereich haben Sie ihn am häufigsten kritisiert?
Romans Athletik war verbesserungswürdig. Also musste er in diesem Bereich mehr trainieren, um eins zum anderen zu führen. Wenn du die Fitness hast, bist du auf dem Platz aktiv, du läufst mehr, kommst in die Zweikämpfe und die Leute werden auf dich aufmerksam. Das war die Komponente, die Romans Spielweise früher noch gefehlt hat. Lesen konnte er das Spiel schon früher.

Gab es auch private Einheiten zwischen Ihnen und Ihrem Sohn?
Weniger. In Mainz-Bretzenheim, wo ich wohne, gab es einen Bolzplatz, auf dem wir manchmal zusammen gekickt haben. Aber ich hatte als Profi bei Mainz 05 fast jeden Tag Training. Roman hat mich nach der Schule aber auch nicht gebraucht. Sobald er nach Hause kam, ging er sofort auf den Bolzplatz um dort zu spielen. Wobei die Betonung auf »spielen« liegt. Denn heutzutage sehe ich, wenn ich mal wieder am Bolzplatz vorbeilaufe, die Jungs eigentlich nur noch aus allen Lagen draufhauen. Roman wollte mit seinen Mitspielern immer nur kombinieren und das Zusammenspiel verbessern.

War die Zusammenarbeit zwischen Ihnen als Vater und Trainer in einem und Ihrem Sohn beim FSV Mainz 05 II gewöhnungsbedürftig?
Sie war unproblematisch, weil er kaum unter mir trainierte, sondern nur zu den Spielen nach unten kam. Er war damals schon dabei, sich im Zweitligakader bei Mainz 05 zu etablieren. Wenn er bei uns aufgelief, konnte er uns mit seiner individuellen Klasse in der Regionalliga natürlich helfen.

Sie sagten unlängst, dass Ihr Sohn von hervorragenden Trainern gelernt hat. Welchen Kollegen hatten Sie dabei besonders im Sinn?
Ich meinte mit dieser Aussage eigentlich, dass Roman von allen Trainern, ob Jürgen Klopp in Mainz oder Michael Frontzeck und Lucien Favre in Gladbach, viele Dinge gelernt hat, weil er sich in den vergangenen Jahren in einer Lernphase befand. Es hat ihm gut getan, unter qualifizierten Fachleuten zu arbeiten. Aufgeblüht, das hat jeder gesehen, ist er unter Lucien Favre, unter dem er ständig gute Leistungen gezeigt hat.

Peter Neustädter, am 22. März 2013 spielt die Deutsche Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation in Kasachstan. Was sagen Sie zu diesem Spiel?
Was soll ich dazu sagen?

Wird es ein schwieriges Spiel für Sie?
Nein, nein. Klar, ich habe für Kasachstan drei Länderspiele gemacht. Aber damals spielten wir noch um die Qualifikation für den Asiencup, heute ist die Nationalelf in Europa dabei. Das war 1996. Es war eine schöne Zeit. Aber das ist lange her.

Am 22. März 2013 werden Sie also Deutschland die Daumen drücken.
Natürlich!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!