Peter Neururer im Interview

»Brauchen Sie einen Trainer?«

Peter Neururer is back. Beim MSV Duisburg tritt er sein erstes Amt nach über zwei Jahren Abstinenz an. Das Ende einer Leidenszeit, auf deren Höhepunkt Neururer sich sogar 11FREUNDE-Mann Benjamin Apitius anbot. Peter Neururer im Interview

Herr Neururer, wie geht es Ihnen? Wir vermissen Sie!

Das ist schön, dass Sie mich vermissen, aber das nützt mir nicht viel - oder brauchen Sie einen Trainer?

Mangelt es Ihnen etwa an Angeboten?

Nein. Ich habe genügend Angebote, aber ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem man nicht mehr zu jedem Angebot »ja« und »Amen« sagen muss. Ich bin heiß, ich möchte unbedingt wieder arbeiten, aber ich mache nur noch Dinger, zu denen ich hundertprozentig stehe. Ich befinde mich weiterhin in der Warteschleife.

Ihr letztes Engagement als Trainer von Hannover 96 endete am dritten Spieltag der letzten Saison. Sie standen jedoch bis Saisonende weiterhin unter Vertrag. Hat der Verein Ihre Dienste noch in irgendeiner Form in Anspruch genommen?

Nein, hat er nicht. Ich bin ja von meinem Amt zurückgetreten, weil ich zu den damals unrealistischen Zielsetzungen einfach nicht stehen konnte. Letztendlich gibt mir die Entscheidung heute recht, wenn ich die ganze Entwicklung sehe.

Wie meinen Sie das genau? Schließlich steht der Verein heute im gesicherten Mittelfeld der Liga. Sie haben Hannover 96 als Tabellenletzter verlassen.

Wäre Martin Kind (Präsident von Hannover 96, Anm. d. R.) damals einen Monat früher zurück gekommen, wäre ich heute wahrscheinlich noch Trainer von Hannover 96. Er ist leider erst gekommen, als die Transferlisten schon geschlossen waren. Es wurden Spieler verpflichtet, die ich nicht gebrauchen konnte. Meine Entscheidung gibt mir insofern Recht, als ich sehe, dass diese Spieler, wie beispielsweise ein Thorvaldsson, nun schon gar nicht mehr da sind.

Wurden die Neueinkäufe nicht mit Ihnen abgestimmt?

Spieler wie Huzti oder auch Jan Rosenthal, zu denen ich »ja« gesagt habe, gehören heute zur Stammformation von Dieter Hecking. Meine Analysen passten hundertprozentig, aber alles andere passte eben nicht. Es war meine absolut logische Konsequenz zu sagen, es geht nicht mehr weiter. Ich war immer der Meinung: Wenn bei Hannover 96 alles super läuft, werden wir Achter, und wenn es schlecht läuft, dann werden wir Zwölfter. Das scheint sich auch im Augenblick wieder zu bewahrheiten.

Sie sind nun seit September 2006 nicht mehr im Amt. Sie sagten einmal, wenn Sie mit dem Fußball aufhören, werden Sie die Füße hochlegen und sich endlich um Ihre Frau und Ihre Kinder kümmern. Ist diese Zeit vielleicht bereits gekommen, ohne dass Sie es bemerkt haben?

Nein, die Zeit ist mit Sicherheit noch nicht gekommen. Ich sehe ja, wie allwöchentlich die Angebote kommen, zu denen ich aber auch »ja« sagen müsste - bisher habe ich eben immer »nein« gesagt. Ich denke noch nicht ans Aufhören, ganz im Gegenteil.

Können Sie denn wenigstens die gemeinsame Zeit mit Ihrer Familie genießen?

Nein, kann ich nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Und meine Familie auch nicht. Die sehen, wie unruhig ich bin, wie heiß ich bin. Harley fahren, Golf spielen... schön und gut. Aber es ist überhaupt nicht mein Ding, wenn die Freizeitgestaltung zum Lebensinhalt wird. Da gehe ich kaputt dran! Meine Familie unterstützt mich, wo sie nur kann, und so warten wir weiter.

Wieviel Zeit am Tag verbringen Sie trotzdem noch mit Fußball?

Gedanklich vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.

Geraten Sie denn dieser Tage in Panik, wenn Sie mit Ihrem Handy einmal im Funkloch stecken?

Ich gerate mit Sicherheit nicht in Panik.

Besteht Ihre Jobsuche nur aus Warten, oder gibt es auch den Fall, dass Sie bei einem Verein vorstellig werden?

Ich kann mir selbst keinen Job suchen, das ist absolut unmöglich. Man wird gefunden! Ich kann ja jetzt nicht bei... (überlegt) Schlagen Sie mich tot, welchen Verein nehmen wir da?

Schalke?

Zum Beispiel! (lacht) Aber das würde ich sowieso nicht machen, da ist ja noch ein Trainer im Amt. Wenn ein Trainer noch im Amt ist, führe ich grundsätzlich keine Gespräche. Das wäre eine Unverschämtheit, das würde ich niemals machen. Aber wenn jetzt irgendwo irgendetwas passieren würde, dann kann ich ja nicht sagen, so, ich rufe da jetzt mal an und biete mich da als Trainer an. Das geht ja nicht.

Warum geht das nicht?


Nein! Derjenige, der sich anbietet, wird sowieso nicht genommen, das habe ich im Laufe der Jahre kennengelernt. Du kannst als Trainer nicht aktiv in die Trainersuche der Vereine eingreifen, das ist einfach nicht möglich.

Sie sind nicht das erste Mal ohne Job. Einmal verkannten Sie bereits die Situation und warteten lieber auf einen Anruf von Berlusconi, als bei einem weniger attraktiven Verein zu unterschreiben.

Berlusconi wird mich in diesem Leben nicht mehr anrufen. (lacht) Den habe ich schon frühzeitig in meiner Karriere abgehakt. Das entspricht nicht mehr meinem Anspruchsdenken.

Aber ist es nicht vielleicht wieder so, dass Sie sich zu Höherem berufen fühlen, als es Ihre Angebote versprechen?

Was heißt schon »zu Höherem berufen fühlen«? Das ist ja alles relativ. Es gibt einfach Aufgabengebiete, die ich von vorneherein ablehne. Zum Beispiel, wenn mich Kaiserslautern anruft, damals in Person von Fritz Fuchs, und fragt, ob ich mir vorstellen könne, Kaiserslautern aus dieser Scheiße heraus zu führen, und ich sage:»Können wir drüber reden, aber bitte in absoluter Diskretion!« Und wenn mich dann, eine halbe Stunde später, mehrere Spielervermittler anrufen, sage ich den Job halt ab. Mit so einem Mann arbeite ich mit Sicherheit nicht zusammen.

Wo liegt bei einem neuen Engagement Ihre Schmerzgrenze? Würden Sie auch in die Oberliga gehen?

Nein, in die Oberliga würde ich nicht gehen. Dann spiele ich lieber Golf und fahre Harley. Es geht einzig und allein um eine langfristige Perspektive. Ich möchte irgendwo etwas aufbauen. Fern der Heimat werde ich nicht bei einem Drittligisten arbeiten, auch nicht bei einem Zweitligisten, dessen Perspektiven nicht konkret auf die erste Liga ausgerichtet sind.

Kommt für Sie im Fußballgeschäft auch ein anderer Job in Frage als der des Trainers?

Das hängt davon ab, wie viel Einfluss ich in anderer Position hätte. Mit meinem Erfahrungsschatz und meinen Werten, die ich vertrete, wäre ich bei bestimmten Vereinen, deren Namen ich jetzt natürlich nicht nenne, auch bereit, im Sportmanagement zu arbeiten - sprich Sportdirektor oder... (überlegt) Oftmals haben die Kinder ja einen ganz eigenartigen Namen. Das würde ich auch machen - da muss der Verein stimmen, die Perspektive und die Einflussnahme.

Rechnet man die zweite Bundesliga einmal dazu, gibt es für Sie 36 potenzielle Arbeitgeber in Deutschland.


Die gibt es für mich mit Sicherheit nicht. Einige Vereine würde ich kategorisch ausschließen.

Wie viele Vereine bleiben also tatsächlich?


(lacht) Nicht 36! Einige Vereine wie Kaiserslautern, zu denen es im letzten halben Jahr auch Kontakt gegeben hat, schließe ich einfach aus. Vereine, die mit einem Trainer auf eine Art und Weise umgegangen sind, die ich nicht gut heiße. Ansonsten würde ich mir in Deutschland alles anhören, keine Frage, vordergründig natürlich die erste Liga.

Mit welchen Vereinen stehen Sie in einem regelmäßigen und guten Kontakt?

Mit dem VfL Bochum stehe ich immer noch in sehr gutem Kontakt, mit Schalke 04, Hannover 96, zum 1. FC Köln. Verstehen Sie das jetzt aber nicht falsch: Dieser Kontakt besteht nur aufgrund von bisherigen Anstellungen und Erfahrungen, die ich mit den Vereinen gemacht habe. Es ist nicht der Fall, dass ich mit diesen Vereinen zur Zeit Gespräche führe über Situationen, die sich vielleicht irgendwann einmal ergeben sollten.

Könnten Sie sich auch ein Engagement im Ausland vorstellen?

Natürlich. Ich hatte mehrere Anfragen und Angebote, aber Land und die dazugehörige Liga müssen natürlich passen.

Welche Fremdsprachen sprechen Sie?


So wie das der ein oder andere immer von sich zu behaupten wagt: Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch. Sprachlich würde es also überhaupt keine Probleme geben.

Iranischer Nationaltrainer wollten Sie dennoch nicht werden.


Iran wäre finanziell eine überragende Angelegenheit gewesen, vom Aufgabengebiet her auch. Als die Herrschaften mir dann aber sagten, mein Wohnsitz und der meiner Familie müsse Teheran sein, habe ich gesagt: »Sie können mir bezahlen, was Sie wollen, das mache ich nicht.« Es gibt Prinzipien, die müssen erfüllt sein - das ist in meinem Alter eben so.

Als arbeitssuchender Trainer sind Sie...

Ich bin nicht arbeitssuchend, ich bin arbeitserhoffend. Das ist ein Unterschied!

Sie sind auf die Misserfolge Ihrer Kollegen angewiesen.

Das ist ja das Traurige an diesem Geschäft.

Glauben Sie eigentlich an Schicksal, Herr Neururer?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube nur an die Sachen, die man selber beeinflussen kann. Deswegen ist die jetzige Situation für mich ja überhaupt nur so frustrierend. Ich kann meine eigene Situation nicht beeinflussen! In keinster Weise! Ich bin angewiesen auf die missliche Situation eines Kollegen. Ich habe keinen Zugriff. Diese passive Rolle geht mir gehörig auf den Senkel, weil ich im Augenblick nicht selbst aktiv werden kann.

Wie muss sich ein »arbeitserhoffender« Trainer generell verhalten, um schnell wieder einen Job zu bekommen?

Man kann sich gar nicht verhalten, es gibt da kein Rezept für. Entweder man kennt mich - durchaus normal, wenn man auf weit mehr als 500 Spiele im bezahlten Fußball zurückblicken kann - oder man kennt mich eben nicht.

Vor knapp einem Jahr fragte Sie mein Kollege, wann man Sie wieder an der Seitenlinie sehen würde. Sie entgegneten: »Die, die als letztes entlassen werden, bekommen als erstes wieder einen neuen Job.«

So spielt sich der ganze Kreislauf normalerweise ab.

Ganz ehrlich, haben Sie damit gerechnet, dass es so lange dauern wird?

Es hat ja nicht lange gedauert. Bis zum heutigen Tag habe ich um die fünfzehn Angebote bekommen. Man hat sich also schon an mich erinnert.

Gut. Aber Sie sind bisher nicht wieder an der Seitenlinie aufgetaucht.

Ich habe glücklicherweise den Status, dass ich es mir aussuchen kann, wann ich wieder einen Job annehme. Ich möchte wieder arbeiten, keine Frage. Bevor ich jedoch Sachen mache, zu denen ich nicht stehe, mache ich lieber gar nichts. Wenn nichts Passendes kommt, muss ich eben weiter an meinem Golfhandicap arbeiten und mit der Harley durch die Landschaft fahren - dann warte ich eben noch. Was mir nicht hundert Prozent zusagt, mache ich nicht mehr.

Mit Thomas von Heesen, Michael Frontzeck und Jürgen Klinsmann drängen vermehrt jüngere Kollegen ins Trainergeschäft. Kann man schon von eine Art Wachablösung sprechen?

Man kann mit Sicherheit nicht von Wachablösung sprechen. Jürgen Klinsmann macht jetzt seine erste Erfahrung als Vereinstrainer. Ich finde es toll, das der FC Bayern München einem unerfahrenen, im Prinzip noch nie in Erscheinung getretenen Trainer eine Chance gibt. Aber das sind alles ganz normale Prozesse, das hat nichts mit Generationswechsel oder so zu tun.

Trotzdem: Was hat Ihnen diese jüngere Trainergeneration womöglich voraus?

Die sind jung, die dürfen noch wesentlich länger im Trainergeschäft arbeiten. Ich gehörte damals auch zu den jüngsten Trainern, die im Profigeschäft tätig waren. Mittlerweile bin ich, glücklicherweise, ein bisschen älter geworden und habe auf dem Weg dahin mehrere Vereine betreut. Eins ist wichtig im Fußball, und das verkennt der ein oder andere: Eine gewisse Art von Erfahrung benötigt man, um auf gewisse Leute in bestimmten Situationen einwirken zu können. Diese Erfahrung ist unbezahlbar. Und diese Erfahrung müssen sich die jungen Trainer erst noch erarbeiten. Erfahrungen sammelt man nur mit den Jahren, mit positiven wie negativen Ereignissen. Ich kann glücklicherweise sagen, mit den ganzen Dingen, die ich erlebt habe: Die Erfahrung, die habe ich.

Hat Uli Hoeneß also mit der Verpflichtung von Jürgen Klinsmann einen Fehler begangen?

Nein. Jürgen Klinsmann kommt bei Bayern München in den Genuss einer einmaligen Gelegenheit. Kein anderer Verein in der Bundesliga könnte auf die Idee kommen und es sich erlauben, einen Mann einzustellen, der im Pofibereich noch nie eine Mannschaft betreut hat. Keiner! Sie werden es nie erleben, dass ein Verein, der möglicherweise im Existenzkampf steckt, auf einen Trainer zurückgreift, der keine Erfahrung hat. Das ist nicht möglich. Den kann man ja gar nicht verkaufen. Da kann ich ja nur sagen: »Mal gucken, ob es klappt.« Und Jürgen Klinsmann muss sich jetzt beweisen. Das steht mal fest!

Während der Trainersuche des FC Bayern sagten Sie der »Bild«, der Uli müsse den Besten holen, der auf dem Markt ist – und das seien Sie. Man könnte meinen, Sie wollten sich selbst ins Gespräch bringen.

Das ist ja absoluter Quatsch! Mir ist die Frage gestellt geworden, die ja schon eigenartig genug ist: »Was würden Sie machen, wenn Sie Uli Hoeneß wären und einen Trainer für Bayern München suchen würden?« Ich habe nur gesagt: »Die Frage ist ja totaler Blödsinn! Ich bin nicht Uli Hoeneß. Und wenn ich Uli Hoeneß wäre, und ich wüsste, dass der Neururer auf dem Markt ist, ja, dann würde ich den anrufen.« Ich habe mich aber nicht bei Bayern München ins Gespräch gebracht. Es gibt zweifelsfrei Vereine, zu denen passe ich einfach nicht. Es gibt auch Vereine, die zu mir nicht passen. Und ich passe mit Sicherheit nicht zu Bayern München. Ich werde einen Teufel tun, mich da irgendwo ins Gespräch zu bringen, das mache ich grundsätzlich bei keinem Verein - selbst bei Bayern München nicht.

Solche Aussagen zeugen nicht gerade von Bescheidenheit. Tun Sie sich damit wirklich einen Gefallen?

Wieso Bescheidenheit? Ich weiß genau, dass Bayern München niemals auf die Idee kommen würde, einen Peter Neururer zu verpflichten. Und ich würde auch nie auf die Idee kommen, der 128. Trainer der Bayern werden zu wollen, der mal wieder Deutscher Meister wird. Das ist nicht mein Ding. Das wäre vor zehn Jahren vielleicht mein Ding gewesen.

Herr Neururer, warum sollte man Sie als Trainer verpflichten? Können Sie sich selbst empfehlen?


Allen Vereinen kann ich das mit Sicherheit nicht empfehlen - aber vielen. Ich weiß, wozu ich imstande bin - und ich weiß, wozu ich nicht imstande bin.

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