Peter Neururer im Interview

»Ich bin kein Handaufleger«

Peter Neururer ist zurück. Mit dem MSV Duisburg will er nun den Aufstieg in die 1. Liga schaffen. Ein Gespräch über falsche Freunde, verschenkte Zeit und den illusorischen Traum, in den nächsten 30 Jahren die Schale zu gewinnen. Peter Neururer im InterviewImago
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Herr Neururer, endlich sind Sie wieder Trainer einer Bundesligamannschaft. Ein gutes Gefühl?

Super Frage (ächzt)! Ich war übrigens immer Trainer. Aber seitdem ich wieder im Amt bin, fühle ich mich natürlich wesentlich besser als vorher.

Sie waren gut zwei Jahre aus dem Geschäft.

Nein, ich war nicht »aus dem Geschäft« – ich war nicht in der Beschäftigung.

Gut. Sie waren zwei Jahre nicht in der Beschäftigung. Haben Sie in dieser Zeit wenigstens das Leben genießen können?

Ich kann das Leben nur genießen, wenn ich im Fußball arbeite. Zwei, drei Monate haben mir völlig ausgereicht, um das Leben mit meiner Familie und meinen Freunden zu genießen. Jetzt bin ich froh, dass diese Zeit endlich vorbei ist, und ich wieder auf dem Trainingsplatz stehen kann.

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Wie sehen Sie die letzten zwei Jahren im Rückblick? Verschenkte Zeit?

Jeder Tag ohne Fußball ist für mich verschenkt. Und von solchen verschenkten Tagen gab es nach meinem Rücktritt bei Hannover 96 viel zu viele.

Denken Sie trotzdem, dass Sie diese Zeit genutzt haben?

Die Zeit, die man verschenkt, kann man nicht nutzen. Aber ich habe keinen Schaden erlitten, wenn Sie so wollen.

Sie sagten in einem Interview, Sie hätten sich die letzten 12 Monate in einer »arbeitserhoffenden Phase« befunden.

Ich habe noch nie von einer »arbeitserhoffenden Phase« gesprochen. Glücklicherweise hat meine Frau die Finanzen so gehalten, dass ich nicht mehr arbeiten müsste. Ich arbeite allein aus dem Grund, weil mich das Fußballgeschäft befriedigt, weil ich darin aufgehe – ja, ich ziehe mein Lebenselexier aus dem Fußball.

Trotzdem. Was haben Sie aus den letzten 12 Monaten vielleicht gelernt?

Was soll ich aus einer Zeit, in der ich nichts gemacht habe, groß herausziehen? Gar nichts (überlegt). Doch – ich habe mein Umfeld besser kennen gelernt. Menschen, die zig Jahre um einen herum geschwirrt sind, meldeten sich plötzlich gar nicht mehr. Und jetzt stehen sie wieder auf der Matte. Das ist eine wunderbare Geschichte, dass ich auf diesem Wege noch einmal mein Umfeld neu definieren kann.

Nach der Vertragsunterschrift am Montag ist Ihrer Frau sicherlich ein Stein vom Herzen gefallen. Oder sind Sie im Haushalt mittlerweile unentbehrlich?

(lacht) Ich habe mit dem Haushalt immer wenig zu tun gehabt, weil ich da nur störend wirke. Meine Frau und meine Kinder freuen sich, dass ich wieder das machen kann, was mir Spaß macht – und nicht mehr griesgrämig zuhause rumhänge.

Über die letzten zwei Jahre haben Sie viele Angebote ausgeschlagen.

Na ja, was heißt »viele«? Viel ist relativ. Richtig wäre: einige Nachfragen und einige Angebote ausgeschlagen.

Haben sich Ihre Ansprüche an einen Trainerjob verändert?

Nein, mit Sicherheit nicht. Ich wollte einen Job haben losgelöst von irgendwelchen finanziellen Dingen, in dem mir Kompetenzen übertragen werden, in dem die Zielsetzungen klar sind, in dem das Umfeld stimmt. Genau das habe ich jetzt beim MSV Duisburg gefunden.

Aber sehen Sie sich tatsächlich als Trainer einer Zweitligamannschaft?

Wir müssen diese 2. Liga so schnell es geht verlassen. Ich fühle mich als Erstligatrainer, und der MSV Duisburg möchte auch so früh es geht zurück – von daher passt das. Außerdem ist es ein Klub aus dem Ruhrgebiet, sozusagen ein Heimatverein. Und die Vereinsfarben blau-weiß stehen mir eh besonders gut (lacht).

Ist der Job beim MSV Duisburg für einen Trainer Ihres Formats ein Traumjob?

Der Traum eines jeden Trainers, der schon einmal dort gearbeitet hat, bleibt natürlich immer die 1. Liga. Spitzenfußball. Aber vielleicht muss man da zwischendurch auch einmal Abstriche machen, um das Ziel zu formulieren: Da möchte ich wieder hin!

Bei Ihrer offiziellen Vorstellung wurden Sie von den Verantwortlichen mit Vorschusslorbeeren überschüttet.

Das ist ja immer so: Man kommt als großer Hoffnungsträger über den roten Teppich rein – und wird am Ende durch den Hinterausgang fortgejagt. Das habe ich überall erlebt, außer beim VfL Bochum und bei Hannover 96, wo es jeweils sehr stilvoll für mich zu Ende ging.

Auf der Pressekonferenz sagten Sie: »Ich hoffe, dass ich auch so viel Lob bekomme, wenn ich hier in zehn Jahren verabschiedet werde.«


Ja, ja, ja (lacht). Das war der übliche Neururer–Spruch, den kennen wir ja. Wir beide wissen doch ganz genau, wie illusorisch es ist, in der heutigen Zeit von »zehn Jahren« zu sprechen.

Wer weiß. Vielleicht wird der MSV ja noch so etwas wie Ihr Lebenswerk?

Ja, das wäre doch wunderbar. Die Aufgabe ist mir jetzt auferlegt worden, ich habe sie gerne angenommen. Und wenn nun bald eine Mannschaftlichkeit für Zufriedenheit sorgt und die Zielsetzungen erreicht werden, dann kann ich mir das lange gemeinsam vorstellen.

Peter Neururer, wie gut kannten Sie sich mit dem MSV Duisburg aus, bevor Ihr Vorgänger Rudi Bommer in die Kritik geriet?

Ich kannte jeden Spieler. Das war ja in den letzten zwei Jahren meine einzige Aufgabe: mich in der Szene auskennen.

Sie mussten sicherlich in den ersten Gesprächen mit Präsident Hellmich bereits Lösungsvorschläge präsentieren.

Ich brauche keine Lösungsvorschläge. Ich bin nicht derjenige, der die Hand auflegt oder Rezepte dabei hat. Ein Neururer alleine kann hier nicht viel bewirken. Da gehören natürlich auch die Fans zu, die Mannschaft, das Umfeld. Wir alle müssen unsere Gemeinsamkeiten finden, um ein realistisches Ziel anzugehen.

Was haben Sie sich überlegt, um den MSV wieder auf Kurs zu bringen?

Am besten wäre ein Sieg gegen den FSV Frankfurt, um die Glaubwürdigkeit herzustellen. Dann gibt es ein kleines Derby gegen Rot Weiß Oberhausen, das wir mit unseren Ansprüchen auch gewinnen müssen. Wenn wir diese Spiele für uns entscheiden, haben wir bis zur Winterpause sicherlich noch die Möglichkeit, wieder unter die ersten zehn zu rutschen. Sollten es dann nur noch fünf, sechs Punkte zu den Aufstiegsplätzen sein, können wir in der Rückrunde noch einmal richtig angreifen.

Werden Sie mit dem aktuellen Kader in die Rückrunde gehen?

Den Begriff »aussortieren« finde ich einfach scheiße – aber ich möchte nach der Winterpause nur noch mit 22 Spieler konzentriert arbeiten. Es ist mit dieser Mannschaft noch alles drin. Aber erst einmal müssen wir die nächsten Spiele erfolgreich gestalten, um wieder eine Perspektive zu haben.

Gehen Sie die Aufgabe in Duisburg anders an als Ihre bisherigen Engagements?

Man muss jede Aufgabe differenziert betrachten. Jedes Engagement hat andere Zielsetzungen, andere Hintergründe, andere Basen. Ich kann nicht in Duisburg eine Schublade aufmachen und den Peter Neururer vom 1. FC Köln oder von Schalke 04 herausziehen. Es gibt da, wie schon gesagt, keine Rezepte. Beide Seiten müssen einfühlsam miteinander umgehen und dann passt es – oder es passt eben nicht. Aber ich gehe davon aus, dass es passt.

Wie lange werden Sie brauchen, um wieder voll in Ihrem Element zu sein?

Von dem alten Feuer ist nichts verloren gegangen. Ich brenne genauso wie vor 20 Jahren. Ich war ja auch in den letzten Monaten nicht derjenige, der die Füße hochgelegt hat. Ich war immer mittendrin im Bundesligageschehen.

Peter Neururer, die letzten zwei Jahre, in denen Sie nicht in Beschäftigung standen, haben Sie nur mit Mühe und Not ohne Fußball überstanden. Irgendwann wird das Alter kommen, in dem Sie tatsächlich keinen Trainerjob mehr ausüben können.

Ich bin gelebte 53 Jahre alt – und gefühlte 30 (lacht). 30 Jahre mache ich also mit Sicherheit noch, denn man kann auch noch mit 60 Jahren ein guter Trainer sein.

Gut. Aber wie wollen Sie dann in 30 Jahren vom aktiven Fußball loskommen, wenn sie gefühlte 60, gelebte 83 Jahre alt sind? Entziehungskur?

Ich möchte vom Fußball gar nicht loskommen. Fußball ist mein Leben. Ohne Fußball geht gar nichts. Solange ich noch stehen kann, denken kann, reden kann, möchte ich im Geschäft bleiben. Vielleicht später einmal als Sportdirektor oder Manager bei einem ambitionierten Verein.

Wie erklären Sie sich Ihre Liebe zum Fußball?

Ich hatte als Kind immer nur Fußball im Kopf, aber meine Eltern verbaten es mir. Ich musste reiten lernen, musste Tennisspielen, Golfspielen. Das war bei uns zuhause einfach so. Später habe ich meine Eltern austricksen können und war ab der C-Jugend endlich in einem Fußballverein. Ich habe es bis nach Gütersloh geschafft, stand in der zweiten Liga Nord im Probestand eines Zweitligaprofis. Hätte ich mich nicht so schwer verletzt, ich wäre damals der jüngste Profis in Deutschland gewesen. Ich konnte mir den Traum des Profifußballers als Spieler nicht erfüllen – trotz aller Auswahlmannschaften. Diesen Traum habe ich mir dann als Trainer erfüllt. Um dem gehe ich weiter nach.

Welchen Traum wollen Sie sich noch erfüllen?

Ich will Deutscher Meister werden und die Schale in der Hand haben.

Mit dem MSV Duisburg?

Das wäre utopisch! Aber ich muss mir doch immer wieder neue Ziele stecken, auch wenn sie illusorisch sind. Solange ich den DFB-Pokal oder die Meisterschale noch nicht in die Höhe gereckt habe, mache ich weiter. Immer weiter. Oliver Kahn-mäßig. Oder Barack Obama-mäßig: »Yes, we can.« Ich kann!

Herr Neururer, wir haben Ihr Selbstbewusstsein und Ihre markigen Sprüche vermisst!

Wenn man als Trainer nicht brennt, kann man bei den Spielern nichts entfachen. Und ich brenne, trotz meines Alters – oder gerade wegen meines Alters. Mein Gefühl sagt mir, dass ich noch 30 Jahre im Geschäft bleibe. Das drohe ich der Fußballwelt hiermit an (lacht).

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